Gedanken für den Tag
"Was die Welt im Innersten zusammenhält" - Gedanken zum Welternährungstag von Michael Chalupka
15. Oktober 2010, 06:57
Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und Direktor der Diakonie Österreich.
Eine Milliarde Menschen hungern. Ihnen fehlen Kohlehydrate, Eiweiße und Fette, die der menschliche Körper zum Überleben braucht. Doch es geht beim Nachdenken über Welternährung um weit mehr als um die ausreichende Zufuhr von Nährstoffen. Es geht um die Frage, was in unsere Kochtöpfe, auf unsere Teller und in unsere Mägen kommt. Es geht um die Herstellung und Verteilung von Lebensmitteln. Es geht um Ess-Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Es geht um Sozial- und Biomärkte, um Suppenküchen und Gourmettempel.
Du bist, was du isst!
Wir lassen uns nicht länger abfüttern. Wir schauen ganz genau, was wir unserem Körper zuführen oder zumuten können. In Deutschland sind Einkaufswägen seit neuestem mit einer großen Lupe ausgestattet, um die kleingeschriebene Konsumenteninformation besser lesen zu können. Wir wollen den Zucker- und Fettgehalt unserer Nahrungsmittel genau wissen, wollen wissen, welche Stabilisatoren und Emulgatoren sich hinter E255 und Konsorten verbergen.
Wir haben aber auch noch andere Koordinatensysteme, nach denen wir Nahrungsmittel einteilen können. In der chinesischen Medizin etwa wird zwischen kühlenden und wärmenden Speisen unterschieden. Wieder andere sehen das Heil in Low-carb Diäten, im Veganismus oder in Functional oder Designer Food. Wir wollen selbst darüber bestimmen, was uns gut tut und was in unseren Körper hineinkommt. Du bist, was du isst, ist zum Leitsatz geworden.
Die, die dafür sorgen, dass das, was man isst, auch etwas Besonderes ist, werden zu Stars. Konnten wir in den 1990er Jahren die Topmodells von Claudia Schiffer bis Cindy Crawford im Schlaf aufzählen, so kennen wir heute die Fernsehköche: Jamie Oliver, Tim Mälzer oder Johann Lafer. Wer besonders Tolles isst, ist besonders toll.
Selbst darüber zu bestimmen, wer man sein möchte, ist billig und recht, ja wohl sogar ein Menschenrecht. Doch Selbstbestimmung muss man sich leisten können. Wer es sich nicht leisten kann, ist darauf angewiesen, was andere ihm zuteilen, was andere ihm zubilligen. Da entscheiden dann Kommissionen darüber, was genug ist - und gerade recht für die Hungernden in der Sahelzone, die Armen in den Sozial-Märkten und Asylwerber in der Grundversorgung. Oder für Tante Mathilde im Pflegeheim, die Essen bekommt, das ihr nicht schmeckt - und das zu Tageszeiten, zu denen sie nie zuvor gegessen hat.
Wenn es Menschenrecht ist, über seinen eigenen Körper zu bestimmen, dann ist dieses Recht universal, und es zu verweigern ist Unrecht. Ich bin der Überzeugung, dass wir aufhören sollten, anderen etwas zuzumessen und zuzuteilen. Und stattdessen beginnen, miteinander zu teilen.
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