Gedanken für den Tag
"Was die Welt im Innersten zusammenhält" - Gedanken zum Welternährungstag von Michael Chalupka
16. Oktober 2010, 06:57
Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und Direktor der Diakonie Österreich.
Eine Milliarde Menschen hungern. Ihnen fehlen Kohlehydrate, Eiweiße und Fette, die der menschliche Körper zum Überleben braucht. Doch es geht beim Nachdenken über Welternährung um weit mehr als um die ausreichende Zufuhr von Nährstoffen. Es geht um die Frage, was in unsere Kochtöpfe, auf unsere Teller und in unsere Mägen kommt. Es geht um die Herstellung und Verteilung von Lebensmitteln. Es geht um Ess-Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Es geht um Sozial- und Biomärkte, um Suppenküchen und Gourmettempel.
Welternährungstag
Der heutige Tag soll daran erinnern, dass die Welt aus dem Gleichgewicht ist. Derzeit sind nahezu eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht ausreichend mit Nahrung und sauberem Trinkwasser versorgt. Jeden Tag sterben zirka 24.000 Menschen an Hunger und seinen Folgen, 18.000 davon sind Kinder unter 5 Jahren.
Neue Hungersnöte drohen. Zum Beispiel in Niger in Westafrika. Der Oktober ist die Zeit des Hoffens und Bangens. Die Ernte steht an. Nach Jahren der Dürre trat im Juli und August der Fluss Niger über die Ufer. Ganze Dörfer wurden zu Sumpflandschaften. Die Fluten vertrieben 200.000 Menschen aus ihren Häusern. Was wird von der Ernte noch zu retten sein? Die Vorräte sind längst aufgebraucht, Nahrungsmittel teuer. Eine Hungerkatastrophe steht vor der Tür.
Ich möchte dann am liebsten immer um ein Wunder flehen. Ein Wunder, wie das einst am See Genezareth, von dem in der Bibel erzählt wird. Als Jesus die fünf Brote und zwei Fische nahm, das Brot brach und samt den Fischen an 5000 Menschen verteilen ließ. Und alle aßen davon, und alle wurden satt. Fünf Brote und zwei Fische sind nicht genug für 5000 Menschen, aber wie durch ein Wunder reichte es für alle, ist im Neuen Testament zu lesen.
Heute bräuchten wir kein Wunder. Die Erde schenkt uns genug für alle. Weltweit werden genügend Nahrungsmittel produziert, dass alle satt werden könnten. Doch die Nahrungsmittel erreichen nicht alle. Wir brauchen kein Wunder, um alle Menschen dieser Welt zu ernähren. Wir brauchen die Bereitschaft der reichen und satten Länder des Nordens, mit den Ländern des Südens, die durch den Klimawandel am stärksten von Hunger und Mangelernährung betroffen sind, zu teilen.
Vielleicht war das eigentliche Wunder am See Genezareth gar nicht eine wundersame Vermehrung von Brot und Fisch. Es wird ja auch nirgends beschrieben, mit welchem Zauber das geschehen sein soll. Vielleicht war das eigentliche Wunder ja, dass sich die Menschen einen Ruck gegeben und miteinander zu teilen begonnen haben. Wo vorher der Mangel beklagt wurde, war auf einmal genug vorhanden, ja nicht nur genug, sondern alles im Überfluss. Ein solches Wunder wäre allerdings wunderbar.
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