Gedanken für den Tag

"Über das Bereit-Sein" von Veronika Prüller-Jagenteufel

Veronika Prüller-Jagenteufel ist katholische Theologin und Seelsorgerin.

Manche Menschen sind für Geld oder auch aus Liebe zu - fast - allem bereit. Manche scheinen ohne Bezahlung für nichts zu haben zu sein. Gibt es heute noch so etwas wie Bereitschaft, gar Dienstbereitschaft - außer, es hat jemand eben im Job Bereitschaftsdienst?

Wer bereit ist, hat sich bereitet. Ich bin bereit, sagt, wer ein Amt, eine Aufgabe übernimmt. Aber sind auch alle, die Ämter übernehmen, entsprechend vor-bereitet?

Die Texte spielen mit den Worten und tasten nach einer der vielen scheinbar seltener werdenden Tugenden: der Bereitschaft, sich anderen zur Verfügung zu stellen. Wie kann diese Tugend heute neu geübt und dabei vor Ausbeutung und Missbrauch geschützt werden?
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Allzeit bereit! - Dieses Motto der Pfadfinderbewegung geht auf ihren Gründer, Robert Baden-Powell, zurück. Er wollte, dass das Ideal einer allgemeinen und freundlich-fröhlichen Hilfsbereitschaft das gesamte Leben eines Pfadfinders oder einer Pfadfinderin prägt. Wer sich stets bereit hält, anderen zu helfen, führt ein sinnvolles und nützliches Leben, war Baden-Powell überzeugt. Bis heute begründen die meisten Pfadfinderverbände diese Lebenshaltung in einer Verpflichtung gegenüber Gott und den Menschen, die einfach zum Menschsein dazugehört.

Mehr als 100 Jahre nach der Gründung der Pfadfinder scheint das nicht mehr so selbstverständlich zu sein. Hilfsbereitschaft ist zwar noch breit akzeptiertes Erziehungsideal - aber sonst?

Vielleicht interessiert mich das Bereit-Sein genau deshalb. Im Zeitalter von Leistung, Konkurrenz und Kontrolle kommt es mir vor wie ein Fremdkörper - unzeitgemäß und doch irgendwie anziehend.

Was mich besonders daran reizt, ist der heutzutage schier unglaubliche Verzicht auf Selbstbestimmung, der in dieser Bereitschaft liegt. Wer sich bereit hält, gibt ja gewissermaßen eine Blankovollmacht über seine Zeit und Kraft an diejenigen, die seine Hilfe gerade brauchen könnten. Bereit zu sein, heißt, im Vorhinein schon einzuwilligen darin, dass ich gestört werde, aufgehalten, von meinem eigenen Tagesplan abgebracht werde, wenn und weil ein anderer Hilfe braucht.

Sich so von anderen bestimmen lassen - was für eine spannende Zumutung, denke ich - und weiß doch, wie froh ich bin, dass ich vor ein paar Jahren dem Burn-out entkommen bin, indem ich gelernt habe, die Grenzen meiner Kraft zu respektieren und mir Pausen und Freiräume zu gönnen.

Trotzdem frage ich mich manchmal: Wäre ich nicht freier, wenn mein Leben weniger von einem vollen Terminkalender bestimmt wäre, sondern mehr von dem Ideal einer fröhlich-gelassenen Bereitschaft?

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