Gedanken für den Tag

"Ideen zur Verbesserung der Welt" von Kurt Remele

Kurt Remele ist Professor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität Graz.

"Die Bedürfnisse der Armen müssen Vorrang haben gegenüber dem Verlangen der Reichen nach Luxus, Arbeiterrechte gegenüber der Profitmaximierung, die Erhaltung der Umwelt gegenüber unkontrolliertem industriellem Wachstum und Produktion, die Grundbedürfnisse befriedigt, gegenüber jener, die militärische Güter erzeugt." Diese klare gesellschaftspolitische Prioritätensetzung stammt von Papst Johannes Paul II.

Der Sozialethiker Kurt Remele hat die katholische Soziallehre als ernst zu nehmende, gesellschaftskritische Unterweisung zur Weltverbesserung neu entdeckt. Zu denken gibt, dass das Wall Street Journal die Kapitalismuskritik der katholischen Soziallehre immerhin einmal als "aufgewärmten Marxismus" bezeichnet hat. Das ist freilich überzogen, weist aber auf den "utopischen Realismus" dieser Lehre hin, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Marxismus verwirklichen möchte. Zu erfahren, wie dieser näher aussieht und welche Folgen sich daraus für das persönliche Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse ergeben, ist eine durchaus spannende Sache. Kurt Remele erzählt davon in dieser Woche. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Gleichberechtigung von Mann und Frau

Eines der bedeutendsten Dokumente der neueren katholischen Soziallehre ist der Pastoralbrief "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle", den die katholischen Bischöfe der USA im Jahre 1986 veröffentlicht haben. Darin wird die Diskriminierung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft nachdrücklich als "unmoralisch" bezeichnet. (Nr. 179)
 
Dieser Hirtenbrief kam mir wieder in den Sinn, als ich auf eine Inseratenserie stieß, die eine Diözese im Süden Österreichs vor kurzem gestartet hat. In einem der Inserate wird die heikle Frage nach der Rolle von Frauen in der katholischen Kirche thematisiert. Das Inserat zeigt eine junge brünette Frau, die ihrer wasserstoffblonden Freundin etwas ins Ohr flüstert, das diese in Erstaunen versetzt. Dem nebenstehenden Text zufolge erfährt sie nämlich, dass ohne Frauen in der Kirche gar nichts gehe. Echt? Das Inserat klärt auf: "Dass Frauen nicht Priester werden können, weiß man. Aber dass Frauen nicht wegzudenken sind in der Krankenhausseelsorge, im Religionsunterricht, in der Pfarrseelsorge? Echt."

Das Inserat brachte mich echt zum Nachdenken. Ich übertrug die kirchliche Werbebotschaft auf andere Organisationen, auf NGOs und auf Wirtschaftsunternehmen. "Dass Frauen in unserem Unternehmen keine Filialleiter werden können, weiß man", würde etwa eine Supermarktkette inserieren. "Aber dass Frauen nicht wegzudenken sind in der Lehrlingsausbildung, in der Kundenberatung, in der Regalbetreuung? Echt." - Ist das fair? Kann man Religionsgemeinschaften mit Supermarktketten vergleichen? Ja doch, kann man. Im eingangs erwähnten Pastoralbrief "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle" stellen die US-amerikanischen Bischöfe klar und deutlich fest: "Alle moralischen Grundsätze, die für die gerechte Verfassung eines Wirtschaftsunternehmens gelten, sind auch für die Kirche verbindlich." Anders gesagt: Wer diese Welt verbessern will, indem er die gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen bekämpft, muss bereit sein, selbst zu tun, was er von anderen fordert.

Service

Wenn Sie diese Sendereihe kostenfrei als Podcast abonnieren möchten, kopieren Sie diesen Link (XML) in Ihren Podcatcher. Für iTunes verwenden Sie bitte diesen Link (iTunes).

Sendereihe