Gedanken für den Tag

von Barbara Rauchwarter. "Stoßseufzer, Flüche und andere Gebete"

Barbara Rauchwarter ist evangelische Theologin.

Seufzen, Lamentieren, Fluchen: Das alles kann in angespannten Zeiten durchaus hilfreich sein. Einige halten es mit dem Schweigen. Und manche richten sich an "den ganz Anderen", sie beten. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

"Der Stoßseufzer ist wahrer als er weiß", hat der Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho zum Thema Glück geschrieben. Denn dieser spontane Ausruf stellt die scheinbaren Gewissheiten, die Hoffnung, alles in der Hand zu haben, in Frage. Er entspringt einer Situation, die gewohnte Verhaltensstrategien untergräbt, er gesteht für einen Moment grundsätzliche Verunsicherung ein. Er mag eine kurze Erleichterung bieten, aber klärend ist er nicht.

Bei wem sucht der Stoßseufzer Halt, an wen wendet er sich? An das Schicksal, das mit dem kapriziösen Zufall liiert ist? Doch beide Instanzen kann man weder anklagen, noch sie um Hilfe rufen, mit beiden kann man nicht verhandeln oder rechten. Sie sind gleichgültig gegenüber der Selbstbehauptung. Manchmal wünsche ich den Menschen in meinem Umfeld einen "gesegneten Wochenbeginn". Das ist mehr als ein "mach's gut", mehr als ein "toi, toi, toi." Er überlässt die Freunde nicht dem Schicksal, lässt sie nicht in die möglichen Fallen des Zufalls stolpern. Er stellt sie gleichsam unter ein Schutzdach, unter den Segen.

Trotzdem werden sie auch heute Augenblicke erleben, wo ihnen vielleicht ein Stoßseufzer herausplatzt: Der spontane Ausruf "Oh, Gott!" reagiert auf ein Erschrecken, das jäh hereinbricht oder er gibt einer Befürchtung recht, will etwas Drohendes aufhalten. Wem "mein Gott" entfährt, der drückt damit Unwillen, Ungeduld oder fassungslose Bestürzung aus. "Herr Gott noch einmal" signalisiert das Ende der zugemuteten Geduld und ist wie eine Drohgebärde.

Vor Gott - so scheint es - ist das alles möglich. Darum ist er der Adressat meiner Seufzer. "Gott sei Dank", denke ich mir.

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