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Exil in Island. Reise ins Land der Großeltern. Der Komponist Victor Urbancic und die Lyrikerin Melitta Urbancic. Feature von Johann Kneihs

Victor Urbancic (1903 - 1958) war Dirigent, Pianist und Komponist aus Wien. In österreichischen Archiven und Nachschlagwerken findet sich wenig über ihn - denn mit 35 Jahren, seine Karriere war gerade in vollem Schwung, ging er nach Reykjavik ins Exil. Wenig später folgte ihm seine Frau mit drei Kindern. Zwanzig Jahre lang verbrachte Victor Urbancic damit, im Land unter dem Polarkreis das professionelle Musikleben zu etablieren. Er dirigierte die ersten isländischen Opernaufführungen und wurde Musikdirektor des Nationaltheaters, bevor er, noch nicht alt geworden, starb.

Melitta Urbancic (1902 - 1984) war Schauspielerin, Lyrikerin und Bildhauerin, ebenfalls aus Wien. In jungen Jahren korrespondierte sie mit Rainer Maria Rilke; sie studierte in Heidelberg bei dem Philosophen Karl Jaspers und dem Literaturwissenschafter Friedrich Gundolf. Ihre öffentliche Karriere war in Island weitgehend zu Ende - gelegentlich machte sie Übersetzungen oder veröffentlichte Berichte aus Island unter anderem in der Arbeiter-Zeitung. Weiterhin schrieb sie Gedichte, schuf Skulpturen und war eine Pionierin der Bienenzucht auf Island.

Victor und Melitta Urbancic sind meine Großeltern. Ihn habe ich nicht kennengelernt, er starb mehrere Jahre vor meiner Geburt. Mit Island verband ich lange Zeit die Luftpostbriefe meiner Großmutter, Gedichte, die sie mir von dort schickte. Wenige Male habe ich sie in meiner Kindheit getroffen, bei ihren Besuchen in Österreich und bei einer, meiner ersten, Reise nach Island. Die Umstände der Übersiedlung meiner Großeltern waren in der Familie kein Geheimnis, doch die Tragweite ihrer Flucht verstand ich erst später.

2010 verbrachte ich ein halbes Jahr in Island, machte Aufnahmen meines Großvaters im Archiv des Isländischen Rundfunks ausfindig und suchte Menschen, die meine Großeltern gekannt hatten. Anhand ihrer Erinnerungen, anhand der Briefe und seiner Musik versuchte ich zu verstehen, was das Exil in Island für sie bedeutete. Ich ging aber auch der Frage nach, warum meine Großeltern nicht nach Österreich zurückgekehrt sind, auch meine Großmutter nicht, für die Island zeitlebens mehr erzwungene Zuflucht als Heimat schien. War es die Last der Vergangenheit, war es der Tod meiner Urgroßmutter in Theresienstadt, die Ermordung weiterer Verwandter?

2008 veröffentlichte der österreichische Schriftsteller Rudolf Habringer den Roman "Island-Passion", basierend auf der Geschichte meiner Großeltern. Er stieß bei seinen Recherchen auf Fakten, die mir nicht bekannt waren und der Geschichte meiner Familie weitere Facetten hinzufügten.

Service

6.10. Ausstellungseröffnung
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=205&tx_ttnews[tt_news=525&cHash=9026fd0fff|"Überall lebst du am Rand der Welt. Exil in Island"], Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, 1070 Wien, 19 Uhr

Buch: Rudolf Habringer, "Island-Passion", Picus Verlag Wien 2008, ISBN 978-3-85452-626-1

Artikel über Victor Urbancics Lebensgeschichte von Rudolf Habringer

Sendereihe

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