Gedanken für den Tag

Von David Schalko. "Aussparungen". Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Dort wo ich heute bin, ist es kalt und es riecht nach Chemie. Wir haben die Rakete genommen. Ohne großes Nachdenken. Hinter uns die Katastrophe und wir haben sieben Tage Proviant. Sieben Tage Zeit, um über den Tod nachzudenken. Für viele von uns ist es das erste Mal. Die Jungen werden natürlich nervös und versuchen die Rationen auf neun Tage zu schinden. Die meisten haben bisher nur darüber nachgedacht, wie sie sterben wollen und nicht dass.... Jetzt ist die Ursache klar, außer jemand hat unwahrscheinlicher Weise einen Schlaganfall. Wir fliegen in unserem Sarg durch das All. So wie die Chinesen, die in ihren Särgen nächtelang Probe liegen.

Gibt es eigentlich Kulturen, wo man die Toten in den Alltag der Lebenden integriert? Wo man sie nicht unter der Erde oder sonstwo versteckt. Der tote Opa wird zum Familienfest wieder hervorgeholt. Und die tote Uroma wird den Urenkeln vorgestellt, damit sie sich nicht fragen müssen, wie sie wohl ausgesehen hat. Eigentlich wäre Ausstopfen dahingehend die adäquateste Bestattungsform. Der Franzonkel schaut noch heute gern die ZIB. Und wenn die Krähen kommen, stellen wir ihn in den Garten. Sie hatten schon zu Lebzeiten Angst vor ihm.

Aber ich muss jetzt aufhören, mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Denn es gibt die Diskussion, ob nicht manche zugunsten anderer auf ihre Ration verzichten sollten. Sie streiten ob eines fairen Auswahlverfahrens. Tagelang. Völlig sinnlos. Ob Los oder Faustrecht. Es gibt hier nichts zu erleben. Also kein Grund zur Panik. Trotzdem.

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