Innovation.Leben

Wir Gemeinsam
Ein regionales Netzwerk investiert Zeit in die Nachbarschaftshilfe
Gestaltung: Beate Firlinger
Redaktion: Wolfgang Ritschl

Wir Gemeinsam ist ein soziales Zeittauschsystem für organisierte Nachbarschaftshilfe. Anliegen ist es, hilfesuchende und hilfsbereite Menschen unabhängig von Geld zusammenzubringen.

Jede Stunde ist gleich viel wert

"Wir wollen uns vernetzen und gemeinsam Dinge tun. Wir rechnen dabei nicht mit Euro ab, sondern mit Zeit", erklärt Tobias Plettenbacher, der Obmann des Vereins Wir Gemeinsam mit Sitz in Ried im Innkreis. 2008 startete der Oberösterreicher gemeinsam mit Gleichgesinnten die Initiative für eine Zeitbank, die einer einfachen Formel folgt: Ob Holzhacken, Kinderbetreuung oder Computerhilfe - Jede geleistete Stunde ist gleich viel wert, egal um welche Tätigkeit es sich handelt.

Alle Mitglieder von Wir Gemeinsam verfügen über ein Zeitkonto. Soll und Haben sind in einer Datenbank erfasst. Wer anderen eine Stunde hilft, erhält einen Zeitgutschein und kann damit wieder eine Stunde Hilfe beziehen. Das gleichwertige Geben und Nehmen erschließt ein breites Feld an nicht gewerblicher Betätigung, das zwischen reinem Ehrenamt und bezahlter Arbeit angesiedelt ist.

Zeittausch liegt im Trend

Wie Zeitbanken in der Praxis funktionieren, hat sich Wir Gemeinsam in anderen Ländern angeschaut, vor allem im angloamerikanischen Raum und in Japan. Dort sind so genannte Time Banks seit langem verbreitet, geschätzt und gesetzlich geregelt. Im Gegensatz zu Österreich, wo derartige Initiativen noch auf bürokratisches Unverständnis stoßen.

Doch auch hierzulande greift die Idee um sich. So verzeichnet Wir Gemeinsam mittlerweile 23 Regionalgruppen in Oberösterreich, Niederösterreich, Salzburg und Bayern, für die sich rund 1.700 Mitglieder engagieren. Zeittausch liegt im Trend, weil Menschen eine neue Kultur des Miteinanders suchen, ist Tobias Plettenbacher überzeugt.

Der Landschaftsökologe gab seinen früheren Beruf auf und ist heute als Buchautor und Experte für komplementäre Währungen unterwegs. Rund 1.200 ehrenamtliche Stunden pro Jahr investiert Tobias Plettenbacher in Wir Gemeinsam, um mit der Zeitbank neue soziale und ökonomische Verhältnisse zu erproben.

Eine Semmel für drei Minuten

Alternative Wege des Konsums schweben Wir Gemeinsam mit dem Aufbau eines Wirtschaftsnetzes vor. Es soll gewerbliche Betriebe an Bord holen, damit künftig nicht nur Hilfsdienste, sondern auch Einkäufe mit der stabilen Währung Zeit bezahlt werden können. Ziel sei es, regionale Kreisläufe zu schaffen, die nicht von Profitmaximierung getragen sind, sondern vom Gedanken des Miteinanders, so Tobias Plettenbacher. "Meine Vision ist, ich gehe zum Bäcker, kaufe eine Semmel und frage, was es kostet. Und der Bäcker sagt: drei Minuten."

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