Radiokolleg - Der lange Schatten der Diktatur

Chile - 40 Jahre nach dem Putsch der Militärs
(2). Gestaltung: Margit Hainzl und Emil Wimmer

Der 11. September 1973 ist in Chile unvergessen. Und er spaltet das Land noch heute.
An diesem Tag vor 40 Jahren wurde Präsident Salvador Allende durch einen Militärputsch gestürzt. Nach seiner Wahl drei Jahre zuvor begann ein großangelegter Versuch, auf demokratischen Weg eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren und Chile weniger abhängig vom Rest der Welt, insbesondere von den USA, zu machen. Die Bodenschätze wurden verstaatlicht, ebenso der Kohle- und Kupferbergbau, sowie die Textilindustrie. Ausländische Großunternehmen und Banken wurden enteignet und in einer Agrarreform wurde der Großgrundbesitz an Bauern und Kollektive übergeben. Die Regierung der aus linken Gruppen gebildeten ‚Unidad Popular' setzte die Preise für die Miete und für wichtige Grundbedarfsmittel staatlich fest, Schulbildung und Gesundheitsversorgung wurden kostenfrei angeboten - Chile, der vormalige ‚Hinterhof' der USA, wurde zum Vorbild für andere Länder Lateinamerikas.

Als sich die Militärs mit Gewalt an die Macht geputscht hatten, tausende Menschen verschleppt, verhaftet, gefoltert und umgebracht wurden, machte man aus dem sozialistischen Experimentierfeld ein neoliberales Versuchslabor. Die ‚Chicago Boys', die Pioniere des Neoliberalismus unter Milton Friedman unterzogen das Land einer "Schockbehandlung": Mit Unterstützung des brutalen Pinochet-Regimes wurde ein umfassendes Deregulierungs- und Privatisierungsprogramm durchgesetzt, das auch weite Teile des Gesundheitswesens und der Bildung betraf. Die extrem hohen Kosten waren Armut, Repression und Unterdrückung. Kündigungsschutz und Streikrecht wurden abgeschafft. 1989 fanden erstmals wieder freie Wahlen statt, es war der Beginn einer schwierigen Rückkehr zur Demokratie. Doch die Diktatur und das neoliberale Modell werfen lange Schatten: Chile gehört heute zwar zu den führenden Wirtschaftsnationen Südamerikas, doch in Sachen Verteilungsgerechtigkeit rangiert das Land ganz unten. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst weiter und Bildung ist zum Geschäft geworden. Und Chiles Jugend geht für Allendes Traum von einer besseren Welt wieder massenhaft auf die Straße.

Service

Osvaldo Puccio: Ein Vierteljahrhundert mit Allende. Erinnerungen seines Privatsekretärs.
Verlag der Nation. Berlin. 1980
Friedrich Paul Heller: Pinochet. Eine Täterbiografie in Chile. Schmetterlingverlag. Stuttgart. 2012

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