Innovation.Leben

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nock/art: Der Kärntner Fremdenverkehrsort Bad Kleinkirchheim will sich mit Gegenwartskunst neu erfinden.
Gestaltung: Anna Soucek
Redaktion: Wolfgang Ritschl

Bad Kleinkirchheim ist ein Dorf in den Kärntner Nockbergen, das stark vom Tourismus der letzten Jahrzehnte geprägt ist. Schifahren im Winter, Wandern im Sommer, Thermen und Wellness - all das zieht heute nicht mehr so viele Gäste wie erwünscht an. Die Dorfstruktur habe sich durch die ausschließliche Konzentration auf den Tourismus innerhalb von drei Jahrzehnten vollkommen verändert, meint Stefan Heinisch, Geschäftsführer der Bad Kleinkirchheimer Tourismus Marketing GmbH. Die Bewohner hätten sich von ihrem Ort entfremdet.
Dass ein Dorf nicht mehr funktioniert, äußert sich sichtbar darin, dass Gasthäuser und Greißler zusperren und auch keine Nachpächter finden, dass die Bevölkerung abwandert und Arbeitsplätze schwinden. Zur Landflucht, die auch viele andere Regionen betrifft, wurde das Dorfleben zusätzlich durch die steigende Zahl an Zweitwohnsitzen ausgehöhlt. Und ein solcher Ort, in dem sich zwar ein Hotel ans nächste reiht, das jedoch kein authentisches Dorfleben vorzuweisen hat, wird schließlich auch für die Urlaubsgäste langweilig.

Freilichtmuseum der Marketingkonzepte

Viele Marketing-Konzepte hat Bad Kleinkirchheim in den letzten Jahren übergestülpt bekommen. Manche scheiterten sofort, andere sind im Ortsbild in Form von Schlagwörtern auf Landkarten, Geschäftsaufschriften, Werbeschildern für Hotels oder Wanderplaketten erhalten: Genusswandern, heilende Landschaft, berauschende Naturplätze, von der Piste in die Therme, Sinnesfreuden und Familienspaß - all das will Bad Kleinkirchheim bieten.
Nun hat der Tourismusverband eine neue Strategie entwickelt - und bei dieser will Stefan Heinisch bleiben, auch zehn Jahre, wenn es sein muss. Internationale Künstler werden im Rahmen von nock/art eingeladen, ortsspezifische Arbeiten für das Dorf und die Berge zu entwickeln, um die vorhandenen Wanderwege attraktiver zu gestalten, so Stefan Heinisch.

Heustadel neu

Etwas abseits des sogenannten "Alpe-Adria-Trails" hat der Künstler Michael Strasser eine Gruppe verfallener Heustadel entdeckt und als Gegenstand seines Beitrags zu nock/art ausgewählt. Einen dieser Stadel hat Strasser dokumentiert, das Material abgetragen und über den Winter eingelagert und getrocknet. Das Holz wurde dann gehärtet, gefärbt, veredelt und anschließend vor Ort wieder aufgebaut. Ein stillgelegter Wanderweg wurde für dieses Kunstwerk wieder aktiviert.

Ein konkurrenzloses Hotel

Edelbert Köb, ehemaliger Direktor des Museums moderner Kunst in Wien, konnte als Kurator von nock/art gewonnen werden. Eine Künstlergruppe aus Österreich, die Köb zur Teilnahme an nock/art eingeladen hat, nennt sich AO&. Sie hat ein Hotel im Nachbarort St. Oswald für den Zeitraum eines Monats übernommen und nach ihren Vorstellungen umgeformt - von den einheitlichen Tischdekorationen über die Speisekarte bis zu Arbeitsabläufen in der Küche und Hierarchien zwischen Gästen und Bediensteten. Im sogenannten Hotel Konkurrenz läuft alles anders als gewohnt. "Wir glauben, dass in der Hotellerie viel deshalb schief läuft, weil die Konkurrenz die einzelnen Betriebe dazu bringt, alles gleich zu gestalten, von der Inneneinrichtung bis zu den unsäglichen Frühstücksbuffets", sagt Philipp Furtenbach von AO&. Ausgesucht wurde das Hotel von AO& nicht zuletzt aufgrund seiner Architektur. Ein Hotel, "das in Größe und Gestus die Zuversicht der 1970er Jahre veranschaulicht, dass die Touristenströme nie abreißen würden", beschreibt Furtenbach das Bauwerk.

Performance zum Frühstück

"Da kommt man zum Frühstück und plötzlich ist man in einer Performance oder einer Kunstinstallation. Das finde ich großartig", sagt eine Besucherin des Hotel Konkurrenz über das ungewöhnliche Angebot.
Künstlerische Beiträge wie diese rufen bei der Bevölkerung von Bad Kleinkirchheim freilich nicht uneingeschränkte Begeisterung hervor. "Die wichtigste Voraussetzung ist Neugier, meint Kurator Edelbert Köb. "Jedesmal, wenn ich da bin, sind wieder ein paar Leute mehr im Boot. Aber mir ist bewusst, dass es immer noch ein ganz kleines Segment der Bevölkerung ist."
Einen langen Atem werden die Initiatorinnen und Unterstützer von nock/art brauchen, denn der Erfolg des Projekts wird sich nicht in Nächtigungszahlen bemessen lassen. Das weiß auch Max Egger vom lokalen Tourismusverband: "Natürlich gibt es einige Menschen hier im Dorf, die fragen, warum so viel Zeit und Aufwand in dieses Projekt gesteckt wird, es bringt ja keine Gäste. Aber wir glauben, dass es sich gut entwickeln wird. Insofern sehen wir die Kritik eher gelassen."

Nockart


Die Ö1 Sommerserie im Rahmen von Open Innovation

Mitte Mai hat eine Fachjury aus Ihren Einreichungen 16 Projekte ausgewählt, die von 4. bis 28. August 2014 jeweils Montag bis Donnerstag um 16:55 Uhr in Ö1 vorgestellt werden.

Alle 16 Projekte finden Sie hier

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