Beispiele

Literarische Neuerscheinungen aus Österreich.
"Echnatons Frühling". Von Claudia Sikora. Es liest Petra Staduan. Gestaltung: Michaela Monschein

Die Ich-Erzählerin wechselt zwischen Weltgeschehen, Alltäglichem, Erinnertem, hat in mancher Nacht merkwürdigen Besuch von einem Mann, der aus einer Mauer fiel, wundert sich über Wilhelms Olivensammlung, erläutert mit ihm die Weltlage, macht sich zu später Stunde widerwillig an die Arbeit. "Manchmal versuche ich meine berufliche Bezeichnung zu vergessen und manchmal sage ich sie mir laut vor: Korrektorin eines Provinzblattes. Torkelnd zwischen Belustigung und Schamesröte. Nicht weinen, andere schuften sich tot."

Claudia Sikoras Text ist alles andere als ein einfaches Erzählen dessen, was einem Menschen so durch den Kopf gehen kann. Wie in einem Kaleidoskop spiegeln sich die einzelnen Teile immer wieder, erlauben immer neue Sichtweisen. Das Leben in der österreichischen Provinz verbindet sich so mit dem großen Traum einer anderen, gerechteren Welt. Dabei bleibt der Blick auf das Geschehen glasklar und die Diagnose der Schriftstellerin eindeutig: Wir sind keine Öffentlichkeit und wir waren auch nie eine. Also hätten es sich auch Bradley Manning und Edward Snowden sparen können, uns darüber zu informieren, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht.

Daher ist es auch alles andere als ein Zufall, dass dieses Buch mit den Worten "Gute Nacht nach Kairo!" endet. Damit nimmt die Autorin auf die aktuellen Ereignisse in Ägypten Bezug. Die drei Journalisten Peter Greste, Mohamed Fahmy und Baher Mohamed wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Anklage hatte den Mitarbeitern des Fernsehsenders Al Jazeera vorgeworfen, die als Terrorgruppe eingestuften Muslimbrüder unterstützt und Lügen über die Regierung verbreitet zu haben.

Das oberste Gericht Ägyptens hat Anfang des Jahres die Haftstrafen aufgehoben und ein neues Verfahren angeordnet. Bis zu einer erneuten Anhörung müssten die drei Mitarbeiter des arabischen Senders aber weiterhin hinter Gittern bleiben. Zuletzt war spekuliert worden, dass Präsident Abdel Fattah el-Sisi die drei begnadigen oder ausweisen lassen könnte. Die Verurteilung zu sieben bis zehn Jahren Gefängnis hatte im Sommer international Kritik ausgelöst.

Claudia Sikora:
1964 in Wien geboren, war Buchhändlerin, lebt heute im nördlichen Weinviertel und in Wien. Zuletzt erschienen: Der Rittmeister, Roman (Wieser Verlag, 2011).

Service

Claudia Sikora, "Echnatons Frühling", Wieser Verlag

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