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Literarische Neuerscheinungen aus Österreich. "Die Farbe des Granatapfels". Von Anna Baar. Es liest Magda Kropiunig. Redaktion: Michaela Monschein.

"Die Farbe des Granatapfels" ist keine Gegenwartsliteratur, sondern Zukunftsliteratur. Ein Roman-Sprachwerk sondergleichen." Josef Winkler

Anna Baars Romandebüt erzählt eine große Geschichte von Liebe und Versöhnung, Krieg und Frieden, Ausgrenzung, Vereinnahmung und Entfremdung im Heranwachsen zwischen den Kulturen aber auch zwischen den Generationen.

Sommer für Sommer lebt ein Mädchen fernab seiner österreichischen Heimat auf einer dalmatinischen Insel in der Obhut der sehr eigenwilligen und starken Großmutter. Es ist fast ein Paradies und ist doch zugleich das ganz Andere, Fremde: Gegensätze prallen ganz direkt und gnadenlos aufeinander: Die archaische Inselwelt eines Fischerdorfs im Mutter- und Großmutterland, wo man Marschall Tito und seinen Partisanen gehuldigt und den Sieg über die Deutschen gefeiert hat. Später kommen eben diese Deutschen wieder und zwar als zahlende Touristen, deren Geld man braucht, zu denen man freundlich sein muss.

Dazu kommt als völliger Gegensatz das bürgerliche, behütete Leben in einer österreichischen Provinzhauptstadt, in dem Vaterland, einer Stadt im Süden Österreichs, in der sich der nationalsozialistische Bodensatz lange hartnäckig gehalten hat und hält und in der die sogenannten Jugoslawen lange, zu lange, hauptsächlich als Gastarbeiter in Erscheinung treten.

Es geht in dem Roman der in Klagenfurt lebenden Autorin um Identitätsfindung, Entfremdung, um das Heranwachsen zwischen zwei Kulturen und Kindheitsschauplätzen. Es geht aber auch um die geschlechtliche Identität eines Menschen, um die Widersprüchlichkeit der Erwartungen, Anforderungen und Zumutungen und um die Zugehörigkeit zu Muttersprache und Vatersprache und um die Großmuttersprache.

Schon der erste Satz des Romans zeigt, wie hoch der Anspruch der 1973 in Zagreb geborenen Autorin ist: "Zwei Jahre nach Hanins Tod wurde die Eisenbahntrasse hinter unserem Haus stillgelegt." Anna Baar lässt sich bewusst sehr viel Zeit, bis diese Geschichte klarer wird, bis der Leser endlich erfährt, was es mit Hanin auf sich gehabt hat und warum er für die Protagonistin des Romans so wichtig war. Und das ist das Schöne an diesem Roman: Man wartet gerne und es zahlt sich aus.

Anna Baar, 1973 in Zagreb geboren. Kindheit und Jugend in Wien, Kärnten und auf der Insel Brac. Studium der Publizistik, Slawistik und Theaterwissenschaft. Sie lebt seit 1996 in Klagenfurt. Teilnehmerin der 39. Tagen der deutschsprachigen Literatur (2015).

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Anna Baar, "Die Farbe des Granatapfels", Wallstein Verlag, 2015

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