Gedanken für den Tag

von Golli Marboe, Filmproduzent. "Wurzeln und Ziele". Gestaltung: Alexandra Mantler

Meine beiden Großmütter, geboren in den Anfängen des 20. Jahrhunderts, haben mich mit ihren Berichten aus der Zwischenkriegszeit und aus dem Zweiten Weltkrieg für mein Leben geimpft. Geimpft gegen jede Form des Antisemitismus, der Ausländerfeindlichkeit oder der Ausgrenzung anderer Menschen.

Sie haben mich zu einem Ohrenzeugen der schrecklichen Tage des 20. Jahrhunderts gemacht. Einem Ohrenzeugen von historischen Ereignissen, die ich zwar selbst nicht miterleben musste, die sie aber durch ihre Schilderungen der Verbrechen dieser Zeit in mir eingepflanzt haben. Es gibt nichts Böseres als Nationalismus. Das war die Botschaft und das wird durch diese beiden starken Frauen auch immer in mir weiterleben.

Sie haben damit auch meinen Umgang mit Zeitgeschichte geprägt. Und oft denke ich, ob es etwas gibt, was ich den nächsten Generationen als Augenzeuge vermitteln möchte, damit dann sie wieder zu nächsten solchen Ohrenzeugen werden könnten.

Und ich habe meine Geschichten dazu auch schon gefunden. Diese kreisen rund um die Ereignisse und Folgen des Jahres 1989 und die Einschätzung eines schrecklichen Missverständnisses: Denn wir im Westen, wir glauben doch immer noch, wir hätten den Osten besiegt. Aber haben wir nicht sehr, sehr viel verloren? Begriffe wie Minderheitenschutz, öko-soziale Marktwirtschaft, Gemeinwohl, Solidarität, Religionsfreiheit, … - und was regiert nun: das totale Diktat einer abrechenbaren und nach Gewinnoptimierung ausgerichteten Welt.

Waren der Materialismus und die religionsfreie Gesellschaft nicht die Überschrift der so verhassten Kommunisten? Warum mag sich denn der Westen nicht daran wieder erinnern, was seine europäische Kraft auch ausgemacht hat?

Meine Aufgabe als 50-Jähriger ist es, als Augen- und Ohrenzeuge der Zeit vor 89, den Kindern von heute zu berichten, dass damals wirklich nicht alles gut war, aber dass wir alle miteinander um eine bessere Welt für alle gerungen haben und nicht nach einer besseren Welt nur für uns selbst, egal wie es den anderen geht. So kitschig das auch sein mag. Wir sind dazu da, dem Materialismus etwas entgegen zu setzen.

Frei nach Martin Buber: Alles Isolierte führt irre. Nur die Ganzheit ist zuverlässig und leitet den Menschen zum Heil.

Service

Buch, Paul Mendes-Flohr, Peter Schäfer und Bernd Witte (Hg.), "Martin Buber Werkausgabe", 21 Bde., Gütersloher Verlagshaus

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: George Gershwin/1898 - 1937
Bearbeiter/Bearbeiterin: Jascha Heifetz/1901 - 1987
Album: HOMMAGE AN JASCHA HEIFEITZ
Titel: Prelude Nr.1 für Klavier / Bearbeitung für Violine und Klavier
Solist/Solistin: Itzhak Perlman /Violine
Solist/Solistin: Samuel Sanders /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: EMI CDC 7496042

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