Hörspiel-Studio

"Und jetzt die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" von Sibylle Berg. Gnadenlos und mit großer Zärtlichkeit porträtiert die Autorin vier Frauen Anfang 20, die zwischen Aggression und Apathie, Aufbruch und Abgeklärtheit schwanken und nicht sicher sind, wofür sie kämpfen sollen - und bei denen schon das Wort "wir" für berechtigte Skepsis sorgt.

Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen, weil auch das x-te Praktikum kein Geld bringt. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. Eine junge Frau bilanziert in Sibylle Bergs "Text für eine Person und mehrere Stimmen" ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute Gender-Fragen und die Projekte "Sex" und "Liebe" mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.

Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, verließ 1984 die DDR und lebt heute in Zürich. Seit ihrem Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" 1997 hat sie fünfzehn Bücher veröffentlicht, zuletzt "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand". Ihre Theaterstücke ("Helges Leben", "Hund, Frau, Mann", "Hauptsache Arbeit!", "Nur Nachts", "Die Damen warten", "Angst reist mit" u.a.) werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. "Und jetzt: Die Welt" wurde von der Zeitschrift "Theater heute" zum deutschsprachigen "Stück des Jahres 2014" gewählt.
Mit: Marina Frenk
Musik: Marina Frenk
Regie: Stefan Kanis (MDR 2015)

Sendereihe