Konzert am Vormittag

Finnisches Radio-Symphonieorchester, Dirigent: Hannu Lintu; Anne-Sofie von Otter, Mezzosopran. Sebastian Fagerlund: Stonework (2014/15) Jean Sibelius-Aulis Sallinen: Lieder (Orchesterarrangement) Jean Sibelius: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43 (aufgenommen am 9. Dezember 2015 im Musikhaus Helsinki). Präsentation: Peter Kislinger

Dümmliche Kritikermethoden und das Geheimnis der Kreativität

Um 1900 mochte sich in Mitteleuropa Jean Sibelius (1865-1957) weder zu Beethoven, Brahms, Bruckner noch zu jenen einfügen lassen, die "den Schritt über die Grenze der Tonalität wagten", wie es bis zum heutigen Tag gern formuliert wird, leicht mitleidig mit diesen seriell auftretenden Feiglingen, die "den Schritt nicht wagten." Nur wenige "Freigeister", wie der deutsche Musikwissenschaftler Volker Tarnow in seiner 2015 bei Henschel Bärenreiter erschienen Sibelius-Biografie schreibt, "durchbrachen dieses Lagerdenken". In den USA war man von diesem dogmatischen bzw. szientistischen Denken nicht angesteckt. In den USA und in Großbritannien galt Sibelius als eine "singuläre Gestalt", die keiner Schule angehörte. "Seinen Kompositionsstil zu etikettieren", schrieb ein Kritiker 1915, "das gelang nicht, also versuchte man das Phänomen Sibelius mit Finnland zu erklären: Luft, Licht, Seen, Wälder, Legenden, Epen. Es ist eine dümmliche Kritikermethode, einen Komponisten nach seiner Herkunft zu beurteilen. Das Geheimnis der Kreativität, ihre Hauptquelle, ist Individualität. Sibelius ist mehr als jeder andere der Gegenwart von ihr durchdrungen - das grenzt ihn ab. Er nimmt zweifellos eine einzigartige Stellung in der Musik des 20. Jahrhunderts ein. Sibelius lässt die Themenkeime die Form bestimmen. Trotzdem ignoriert er nicht völlig das herkömmliche sinfonische Rezept. Wie interessant Struktur und Stil von Sinfonien auch sein mögen, so sind sie doch ganz in den Dienst der Schönheit gestellt."

Monismus statt Antithetik

Dass die Themenkeime die Form bestimmen, wird auch in seiner 2. Sinfonie erkennbar. Das Werk geht auf Skizzen zurück, die Sibelius in Italien verfasste. Im Oktober 1900 ermöglichte ein wohlhabender Gönner der Familie Sibelius einen Aufenthalt in Berlin, dann ab Februar 1901 in Rapallo. Sibelius wohnte in einer Berg-Villa. Am 11. Februar 1901 identifiziert sich Sibelius im Tagebuch mit Don Juan. Er hatte in Berlin Mozarts Don Giovanni gehört. "Ich sitze im Schloss im Dämmerschein - ein Gast - ich frage, wer es ist - keine Antwort -versuche ihn zu unterhalten, keine Antwort, schließlich beginnt er zu singen - Don Juan bemerkt, wer der Gast ist - der Tod." Dazu entwarf er eine Skizze, die zum Hauptthema des 2. Satzes der werden sollte. Am selben Abend notierte er: "Festival - vier Tondichtungen für Orchester". Die konkrete inhaltliche Idee wurde später "absolute Musik", ein mit Sinfonie betiteltes Werk. Das Material der nächtlichen Eingebung wird später in den 2. Satz einfließen und mit dem noch von Sibelius so bezeichneten lichtvollen "Christus-Thema" kontrastiert.
Das Werk beginnt pastoral entspannt, nähert sich im 2. Satz Tragik, bevor sie im Largamente des Schlusssatzes zu großer Hymnik aufsteigt. Das Werk ist "unverkennbar als heroische Finalsinfonie im Sinne Beethovens konzipiert; zugleich revolutioniert sie den klassischen Typus des Sonatenhauptsatzes (Exposition zweier gegensätzlicher Themen; Durchführungsteil; Reprise), indem sie die Arbeit mit klar umrissenen, kontradiktorischen Themen durch ein sich organisch entwickelndes Motivgeflecht ersetzt." (Tarnow) Das Werk baut sich aus einer unscheinbaren steigenden Dreitonkette auf, aus der sich alle Motive und Themen des viersätzigen Werkes entfalten. An die Stelle "eines antithetischen Dualismus tritt der Monismus einer Idee."
Nach der sensationell erfolgreichen Uraufführung im März 1902 in Helsinki setzte der Dirigent Robert Kajanus die Geschichte in die Welt, das Werk sei von detaillierter patriotischer, ja nationalistischer Programmatik bestimmt. Da wollte man Takt für Takt hart arbeitende Finnen und eine faule schwedischsprachige Oberschicht im Kampf sich messen hören, wild galoppierende Kosaken, die weiße Armee unter der Führung von General Mannerheim und den Choral "Ein' feste Burg ist unser Gott." Sibelius hat auf solch banale Deutungen wütend reagiert und Freundschaften aufgekündigt. Cecil Gray, ein schottischer Kritiker, schrieb 1935 über die besondere Stärke und Attraktivität der "Konstruktionsmethode" des finnischen Sinfonikers, dass sie "die Methode der Natur und des Lebens selbst ist; die charakteristischsten Sätze von Sibelius werden geboren, entwickeln sich und sterben - wie alle lebendigen Wesen."

Playlist

Komponist/Komponistin: Sebastian Fagerlund (*1972)
Titel: Stonework für großes Orchester
Orchester: Finnisches Radiosinfonieorchester
Leitung: Hannu Lintu
Länge: 14:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Jean Sibellius (1865 -1957)
Komponist/Komponistin: Aulis Sallinen (*1935)
Gesamttitel: Lieder / arr. für Orchester und Mezzosopran
Titel: Jägargossen, Op. 13 No. 7
Titel: Hennes budskap, Op. 90 No. 2
Titel: De bägge rosorna, Op. 88 No. 2
Titel: Sippan, Op. 88 No. 4
Titel: Men min fågel märks dock icke, Op. 36 No. 2
Titel: Kyssens hopp, Op. 13 No. 2
Titel: Under strandens granar, Op. 13 No. 1
Solist/Solistin: Anne-Sofie von Otter / Mezzosopran
Orchester: Finnisches Radiosinfonieorchester
Leitung: Hannu Lintu
Länge: 24:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Jean Sibellius (1865 -1957)
Komponist/Komponistin: Aulis Sallinen (*1935)
Titel: Dold förening Op. 86/3
Solist/Solistin: Anne-Sofie von Otter / Mezzosopran
Orchester: Finnisches Radiosinfonieorchester
Leitung: Hannu Lintu
Länge: 01:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Jean Sibellius (1865 -1957)
Titel: Symphonie Nr.2 in D-Dur op.43
* Allegretto; Poco Allegro; Tranquillo, ma poco a poco ravvivando il tempo al allegro - 1.Satz
* Tempo andante, ma rubato; Andante sostenuto - 2.Satz
* Vivacissimo; Lento e suave; Largamente - 3.Satz
* Finale, Allegro moderato - 4.Satz
Orchester: Finnisches Radiosinfonieorchester
Leitung: Hannu Lintu
Länge: 39:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Jean Sibelius/1865-1957
Album: CASSANDRA WYSS SPIELT KLAVIERWERKE VON STENHAMMAR UND SIBELIUS
* Impromptu in h-moll op.5 Nr.5 : Vivace 00:03:39
Titel: Sechs Impromptus op.5 - für Klavier
Solist/Solistin: Cassandra Wyss/Klavier
Länge: 03:40 min
Label: Capriccio C5229

Sendereihe

Gestaltung