Asli Erdogan

AFP/OZAN KOSE

Asli Erdogan - Der Prozess gegen die Schriftstellerin und die Türkei

"Man kann hier nicht schreiben, ohne sich die Hand zu verbrennen". Asli Erdogan und die Türkei. Feature von Eva Roither

Im August 2016 wird sie in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen. Der Vorwurf: Die Schriftstellerin und Journalistin sei Mitglied einer illegalen Organisation, sie zerstöre die Einheit und Integrität des Staates. Ein Witz, ein Missverständnis, dachte sie damals. Asli Erdogan ist zu dieser Zeit im Beirat der pro-kurdischen Zeitung Özgür Gündem, für die sie auch regelmäßig Kolumnen verfasst. Zeitgleich werden über 20 weitere MitarbeiterInnen dieser Zeitung verhaftet. Davor hatte die Staatsanwaltschaft die Schließung von Özgür Gündem angeordnet.

Asli Erdogan wird über vier Monate lang inhaftiert und im Dezember nach internationalen Protesten unter Auflagen wieder freigelassen. Sie muss in der Türkei bleiben, bei der Gerichtsverhandlung am 22. Juni droht ihr eine hohe Gefängnisstrafe.
"In diesem Land gibt es keine politischen Gefangenen. Jeder ist ein Terrorist" - kommentiert Asli Erdogan die Verhaftungswelle seit dem Putschversuch im Juli 2016.
Mittlerweile sind mehr als 40.000 Menschen mit Gefängnisstrafen belegt und über 100.000 Beschäftigte u.a. des öffentlichen Dienstes, der Justiz, der Polizei und des Militärs sind entlassen oder suspendiert worden. Über 160 JournalistInnen sind im Gefängnis. In der Rangliste von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 155 von 180 untersuchten Ländern.
Asli Erdogan, Jahrgang 1967, zählt zu den wichtigsten türkischen Autorinnen der jüngeren Generation.

Die Physikerin, die in den 1990ern am Kernforschungsinstitut CERN in Genf gearbeitet hat, hat sich in ihrer literarischen und journalistischen Arbeit sehr entschieden gegen alle Formen der Unterdrückung ausgesprochen. Sie warnte schon früh vor dem wachsenden Autokratismus des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an, gehörte mit zu den ersten Intellektuellen, die sich öffentlich bei den Armeniern für das erlittene Unrecht entschuldigten.

Immer wieder hat sich Asli Erdogan von türkischen Nationalisten bedroht gefühlt und hat für längere Zeit im Ausland gelebt. "Mein Gefühl der Zugehörigkeit ist nicht sehr groß", sagt sie in einem Interview, "aber ich bin eine türkischsprachige Autorin. Das ist meine einzige Verbindung zur Türkei und gleichzeitig die tiefstmögliche: meine Sprache. In ihr lebe ich." Eva Roither hat Asli Erdogan in Istanbul besucht.

Sprecher: Silvia Meisterle, Karl Menrad, Philip Scheiner
Soundstücke: Stefan Weber
Ton und Atmoaufnahmen: Martin Leitner
Redaktion: Alfred Koch

Service

Link:
Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte an Asli Erdogan. Verleihung am 9. Juni 2017
Bruno Kreisky Preis

Buch-Tipps
Asli Erdogan: Nicht einmal das Schweigen gehört noch uns. Essays, Knaus Verlag
Asli Erdogan: Die Stadt mit der roten Pelerine. Roman, Unionsverlag
Asli Erdogan: Der wundersame Mandarin. Edition Galata
Asli Erdogan: Holzvögel. Eine Erzählung, erschienen im gleichnamigen Band: Holzvögel, ÖNEL-Verlag

LINK
Homepage der Autorin
Asli Erdogan

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Maurice Ravel
Titel: Gaspard de la nuit - Trois poemes pour Piano d'apres Aloysius Bertrand
* Ondine; lent (00:07:17)
Solist/Solistin: Ivo Pogorelich /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: DG 4133632

Komponist/Komponistin: Maurice Ravel
Titel: Gaspard de la nuit - Trois poemes pour Piano d'apres Aloysius Bertrand
* Scarbo; modere (00:09:22)
Anderssprachiger Titel: Ein böser Nachtkobold
Solist/Solistin: Ivo Pogorelich /Klavier
Länge: 03:00 min
Label: DG 4133632

Komponist/Komponistin: Maurice Ravel
Titel: Gaspard de la nuit - Trois poemes pour Piano d'apres Aloysius Bertrand
* Le Gibet, tres lent (00:06:47)
Anderssprachiger Titel: Der Galgen
Solist/Solistin: Ivo Pogorelich /Klavier
Länge: 03:00 min
Label: DG 4133632

Komponist/Komponistin: Stefan Weber
* Kriegsvariationen 1-10
I: Stefan Weber
Länge: 15:00 min