Szene aus Frank Wedekinds "Lulu"

AFP/PATRICK HERTZOG

Cornelius Hell über Frank Wedekind

"Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet" - Zum 100. Todestag von Frank Wedekind beleuchtet der Theologe, Literaturkritiker und Germanist Cornelius Hell die "umstrittenen" Themen in Wedekinds Werk. - Gestaltung: Alexandra Mantler

"Frühlings Erwachen" ist das bekannteste Theaterstück von Frank Wedekind. Es geht darin um das Erwachen der Sexualität und des freien, eigenständigen Denkens. Mit beidem werden die Jugendlichen dieses Stücks allein gelassen und wie Kinder behandelt, aber rigide reglementiert. Sie werden abgerichtet oder hingerichtet, könnte man mit Wedekind sagen - denn zwei von ihnen werden in den Tod getrieben. Die erst vierzehnjährige Wendla wird schwanger, ohne es zu wissen, da ihr die Mutter jegliche Aufklärung über Sexualität verweigert. Aus Angst vor der Schande organisiert diese Mutter eine Abtreibung, an der Wendla stirbt. Aber noch auf dem Grab wird gelogen: "Gestorben an der Bleichsucht" steht auf ihrem Grabstein. Angst vor der Schande - der Schüler Moritz erschießt sich, weil er nicht in die nächste Klasse aufsteigen kann und das seinen Eltern nicht zumuten will. Und sein Vater sagt sich am offenen Grab von ihm los.

Frank Wedekind klagt die Moral der Eltern an: Sie morden die Kinder. Aber nicht nur die Eltern sind schuld, wenn sie ihre Kinder verraten oder wie Melchior, der die nüchtern-offene Schrift "Der Beischlaf" verfasst hat, in eine sogenannte "Korrektionsanstalt" stecken. Familie, Schule und Kirche sind die drei Institutionen, an denen die Jugendlichen zerbrechen. Wobei die Kirche durch einen Pfarrer vertreten wird, der sogar das Neue Testament falsch zitiert; deutlicher hätte Wedekind gar nicht zeigen können, dass dieses Christentum kaum mehr etwas mit Jesus und der Bibel zu tun hat, dafür aber umso lauter Ordnung und Moral predigt.

"Frühlings Erwachen" hat viele Skandale verursacht. Aber nicht wegen seiner Anklage gegen Scheinmoral und Erziehungsmethoden, sondern wegen der Sex- und Onanierszenen. Eine unzensierte Fassung konnte erst lange nach Wedekinds Tod gezeigt werden. Auch die Uraufführung fand erst 1906 in der Regie von Max Reinhart in Berlin statt - 15 Jahre nach der Veröffentlichung des Stücks. Es endet übrigens nicht in Tristesse, sondern mit dem Auftritt eines vermummten Herrn, der Melchior vom Friedhof weg zurück ins Leben lockt. Und Melchior sagt: "Wo dieser Mensch mich hinführt, weiß ich nicht. Aber er ist ein Mensch..."

Service

Frank Wedekind, "Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie", Reclam Verlag 2013
Frank Wedekind, "Lulu. Erdgeist. Die Büchse der Pandora", Reclam Verlag 1999
Frank Wedekind, "Der Marquise von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen", Wallstein Verlag 2018

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Playlist

Komponist/Komponistin: Frederic Chopin/1810 - 1849
Gesamttitel: Zwölf Etüden für Klavier op.10
Titel: Etüde op.10 Nr.9 in f-moll für Klavier - Allegro, molto agitato
Solist/Solistin: Maurizio Pollini /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: DG 4137942

Sendereihe

Gestaltung