Gartenzwerg

DPA/KATHARINA HÖLTER

Wiener Kleingarten-Kosmos

Panoptikum der Stadtgeschichte. Mit Peter Autengruber, Zeit- und Lokalhistoriker, Univ. Lektor und DÖW.
Gestaltung: Martin Adel

Zur Zeit der rasant wachsenden Großstadt Wien, an der Jahrhundertwende zum 20. Jh., begann jene Kleingartenbewegung, die noch heute das Stadtbild der Außenbezirke maßgeblich mitbestimmt: besser bekannt unter der teils mit selbstverständlicher Sympathie geäußerten, teils abwertenden Bezeichnung "Schrebergärten".

Vorformen dazu gab es in weiten Teilen Europas im Rahmen von Lebensreformbewegungen, die sich schon parallel zur Industrialisierung entwickelten: zum Wohl und nicht zuletzt zur Selbstversorgung der Arbeiterschaft. (Mit dem Leipziger Orthopäden und tief "schwarzen" Pädagogen D. G. M. Schreber hat der erste nach ihm benannte "Schreberverein" (Leipzig 1864) nur namentlich zu tun. Dessen Gründer, ein Schuldirektor, setzte Schreber damit nur ein unverdientes wie posthumes Andenken).

In Wien standen die Anfänge im Zeichen der "Natur" und ihrer "heilenden Kräfte", d.h. als Ausgleich zu "De-Naturierung" und "Naturentfremdung" durch das Stadtleben. Was also zunächst begann, um auch Minderbemittelten Urlaubs- und Naturgefühle am Rand der Stadt zu ermöglichen, wurde spätestens mit dem 1. Weltkrieg zu einer wichtigen Nahrungsmittelressource.

Kein Wunder, dass daher die Kleingartenbewegung geradezu "explodierte". Noch heute, nachdem viele Kleingärten dem Straßen- oder Wohnungsbau gewichen sind, gibt es allein in Wien 247 Vereine mit weit mehr als 25.000 Kleingärten! (- zwei Drittel aller in österreichischen Städten). Seit 1992 ist in Wien ganzjähriges Wohnen in diesen Siedlungen gesetzlich erlaubt und sehr beliebt. Begonnen haben sie aber als Naherholungsmöglichkeit und als Ort v.a. sozialdemokratischer Vereinstätigkeit.

Dann in den Zeiten der Not wandelten sie sich zu lebensnotwendigen Nutzgärten, in denen auch Kleintiere zum Verzehr gezüchtet wurden (1919 waren es 2.500 Waggons allein an Gemüse und Erdäpfeln). Erst in den 1950er Jahren wurden sie langsam zu Ziergärten. Und schließlich änderte ganzjähriges Wohnen in Verbindung mit der Möglichkeit zum Eigentumserwerb der Flächen nicht nur die gebaute Struktur, sondern auch die soziale Zusammensetzung. So spiegelt sich in dieser Entwicklung die Stadt- und Zeitgeschichte Wiens der vergangenen 125 Jahre wie in einem Mikrokosmos wider.

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