Nahaufnahme eines Holzspieles

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Johanna Schwanberg über Flucht in der bildenden Kunst

"Bilder der Flucht". Anlässlich des Weltflüchtlingstags und des Ö1-Schwerpunktes NORD-SÜD beleuchtet Johanna Schwanberg, Leiterin des Dom Museum Wien, das Thema anhand gegenwärtiger wie historischer künstlerischer Arbeiten. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Verzweifelte Menschen an der Grenze, eine erschöpfte Familie in der Wüste, ein gekentertes Boot im Meer. Bilder von vertriebenen und flüchtenden Menschen prägen die massenmediale Berichterstattung der letzten Jahre.

Diese aktuellen Szenen stehen in Beziehung zu einem Bilderreigen aus Tausenden Jahren Kunstgeschichte. Denn Darstellungen von Flucht und Vertreibung gehören zu den zentralen Themen der Menschheit. Sie erinnern auf dramatische Weise daran, dass seit jeher geflüchtet werden musste: vor religiöser und politischer Verfolgung, vor Hunger, Armut, Naturkatastrophen und Krieg.

In der Ausstellung des Dom Museum Wien "Bilder der Sprache und Sprache der Bilder" gibt es mehrere Arbeiten, die sich direkt oder indirekt mit dem Thema Flucht befassen. Jedes Mal, wenn ich durch unsere stephansplatzseitige Ausstellungshalle gehe, berührt mich ein Video des bulgarischen Künstlers und Otto Mauer Preisträgers Kamen Stojanov besonders. Zu sehen ist ein kleines weißes Schlauchboot inmitten eines unendlich großen Gewässers. Das menschenleere Boot vollzieht kreisende Bewegungen. Auf den ersten Blick wirkt die Arbeit humorvoll und slapstickartig. Denn das Schiff versucht verzweifelt über Tage hinweg ein einziges Wort zu schreiben: "Impossible", also auf Deutsch "unmöglich". Je länger ich mir den Kurzfilm anschaue, desto mehr geht mir die Ernsthaftigkeit dieser Arbeit unter die Haut.

Was möchte mir der Künstler sagen? Dass es unmöglich ist, mit einem Boot zu schreiben? Oder, dass es unmöglich ist, mit einem kleinen Boot über das Meer zu flüchten? Vielleicht findet er aber auch den Umgang der wohlhabenden Industrienationen mit flüchtenden Menschen unmöglich? Die Antwort bleibt offen, denn qualitätsvolle Kunst lässt immer mehrere Deutungen zu. Eines sagt mir diese Arbeit aber auf jeden Fall: nämlich, wie wertvoll bildende Kunst für die Gesellschaft ist. Weil sie den Finger auf Wunden legen kann und mich zum Nachdenken bringt. Ohne zu moralisieren oder zu belehren.

Service

Ö1-Schwerpunkt: Verteilung, Flucht und Migration

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Playlist

Komponist/Komponistin: Kurt Adametz
Gesamttitel: FLUCHT INS UNGEWISSE
Titel: Flucht ins Ungewisse
Ausführende: Kurt Adametz
Länge: 03:22 min
Label: ORF Enterprise Musikverlag ORF

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