Vom Schock zu Nostalgie

San Francisco Symphony Orchestra, Dirigent: Michael Tilson Thomas; Inon Barnatan, Klavier. Aaron Copland: a) Orchestral Variations; b) Klavierkonzert * Robert Schumann: Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61 (aufgenommen am 27. März in der Louise Davies Symphony Hall, San Francisco). Präsentation: Peter Kislinger

Besser als Gershwin

1925 galt Aaron Copland als wilder Avantgardist. "Wenn ein Komponist im Alter von 25 so eine Symphonie schreibt", warnte der Dirigent und Impresario Walter Damrosch, dann "sei dieser imstande, fünf Jahre später einen Mord zu begehen." Coplands zwei Jahre später uraufgeführtes Klavierkonzert wurde "erschreckender Mangel an Geschmack und Proportionen" vorgeworfen, der Komponist, der selbst die Uraufführung spielte, wurde verdächtigt, die Tasten nach dem Zufallsprinzip angeschlagen zu haben. Als das Werk Mitte der 1940er Jahre aus der Versenkung auftauchte, wurde es nicht mehr als schockierend, sondern als vergnügliche und unterhaltsame Musik, als "Relikt der heißen Tage des Jazz", sogar als das beste Werk des "symphonischen Jazz" gefeiert, das selbst einen "Mr Gershwin" übertreffe.


Nüchterner, halbgarer Bombast

Auch Aaron Coplands "Variations" gingen den Weg vom Aufreger zum Repertoirestück. Als 1957 Copland vom Louisville Orchestra den Auftrag zu einem Orchesterwerk erhielt, da war er wegen seiner Neigung zum Bombastischen verunsichert. Um dieser selbst diagnostizierten Schwäche zu entgegen, instrumentierte er seine 1930 entstandenen "Piano Variations". Herausgekommen sei, so sein sarkastischer Selbstkommentar, "eine Abart des Bombasts, bloß ein nüchterner und halbgarer Bombast."


Vom fiesen Sohn zum Dichter des Klaviers

Der Londoner "Evening Standard" nannte Inon Barnatan einen "echten Dichter des Klaviers". Der 1979 in Tel Aviv geborene Barnatan lebt seit 2006 in New York. Als wichtigsten Einfluss bezeichnet er seine Mutter. Sie war Tänzerin, die aus der Martha Graham Schule hervorgegangen war, so verspürte er "als Kind keinen Druck, Musiker zu werden." Die Frau Mama spielte für den Hausgebrauch Klavier. Das drei Jahre alte Söhnchen begann die Mutter auf falsche Noten hinzuweisen - das sei "fies" von ihm gewesen, zeigt er sich mittlerweile einsichtig. Also setzte man auch ihn vors Klavier. Er studierte später an der Royal Academy of Music in London; den amerikanischen Pianisten Leon Fleisher nennt er seinen Mentor. Fleishers Ton, Energie, Spontaneität und Wissen bezeichnet er als "unglaublich".
Pianisten der Vergangenheit, die gerne hört, sind Arthur Schnabel, da vor allem sein Zugang zur Musik - und "natürlich", sagt er, Radu Lupu, der so musizieren konnte, dass alles im Fluss war - "völliges Aufgehen in der Musik, und jeder Takt beseelt." Früh schon ist Inon Barnatan bewusst geworden, dass Technik, Ausdruck und Kunst nicht zu trennen sind.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Aaron Copland/1900 - 1990
Titel: Orchestral Variations
Anderssprachiger Titel: Orchester Variationen 1957
Orchester: San Francisco Symphony
Leitung: Michael Tilson Thomas
Länge: 13:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Aaron Copland/1900 - 1990
Titel: Konzert für Klavier und Orchester
* Andante sostenuto - 1.Satz
* Molto moderato (molto rubato) - 2.Satz
Klavierkonzert
Solist/Solistin: Inon Barnatan /Klavier
Orchester: San Francisco Symphony Orchestra
Leitung: Michael Tilson Thomas
Länge: 16:30 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Robert Schumann/1810 - 1856
Titel: Symphonie Nr.2 in C-Dur op.61
* Sostenuto assai; Allegro, ma non troppo - 1.Satz
* Scherzo; Allegro vivace - 2.Satz
* Adagio espressivo - 3.Satz
* Allegro molto vivace - 4.Satz
Orchester: San Francisco Symphony Orchestra
Leitung: Michael Tilson Thomas
Länge: 39:50 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Franz Schubert/1797 - 1828
Gesamttitel: Vier Impromptus für Klavier op.posth.142 Nr.1 - 4 DV 935
Titel: Impromptu Nr.4 in f-moll. Allegro scherzando
Solist/Solistin: Inon Barnatan
Länge: 07:20 min
Label: Bridge 9197

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