Ignaz Seipel, eine Mitra tragend, bei einer Glockenweihe in Wien, 1924

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Ignaz Seipel - der Schilling-Prälat

Der Schilling-Prälat
Ignaz Seipel. Kanzler zwischen Sanierung und Bürgerkrieg
Gestaltung: Martin Haidinger

Er war eine der prägenden Figuren der Ersten Republik, und trotzdem kennt man ihn in Österreich heute fast nur mehr unter dem abwertenden Propagandaslogan "Prälat ohne Milde".
Der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel hat das Land nicht nur durch eine Völkerbundanleihe vor dem Bankrott gerettet, sondern in seiner ersten Zeit als Kanzler danach getrachtet, den politischen Katholizismus mit der parlamentarischen Demokratie vereinbar zu machen. Das ist letztlich misslungen, Seipels Versuche ertrinken im autoritären Fahrwasser der mit ihm verbündeten Heimwehren.

Ignaz Seipel (1876-1932), Sohn eines Wiener Fiakers, Priester und Theologieprofessor, hilft als christlichsozialer Parteichef dabei, die erste Koalition mit den Sozialdemokraten aufzulösen, und steht als Bundeskanzler ab 1922 einer Mitte-Rechtsregierung vor. Man müsse den "revolutionären Schutt" wegräumen, sagt er einmal. Im Herzen ist er Monarchist, befindet aber trotzdem, dass die katholische Lehre auch mit der demokratisch-republikanischen Staats- und Regierungsform zusammenpassen kann.
Gegen die galoppierende Inflation erwirkt Seipel in Genf beim "Völkerbund", der UNO der damaligen Zeit, einen Kredit. Der saniert die Wirtschaft des bitterarmen Landes, aber der Preis dafür ist hoch.

Denn Österreich unterliegt einer strengen Sparkurs-Kontrolle durch den Völkerbund, und verpfändet seine Einnahmen aus dem Zoll und dem Tabakmonopol. Binnen zwei Jahren muss das Budget ausgeglichen sein.1924 wird eine neue Währung eingeführt. Für 10.000 Kronen erhält man einen Schilling oder 100 Groschen. Parallel dazu werden Sozialleistungen heruntergefahren, obwohl die Arbeitslosigkeit durch die Weltwirtschaftskrise weiter steigt. Unter dem Eindruck drohenden Bürgerkriegs und des Justizpalastbrands wird Seipel immer autoritärer, setzt auf die Hilfe der Heimwehr, und trägt so dazu bei, den Boden kommenden Unheils zu bereiten ...

Hundert Jahre nach Gründung der ersten Republik zeichnet Martin Haidinger das Porträt einer ihrer bedeutendsten wie umstrittensten Persönlichkeiten.

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