Gisela Malekpour über Bildung und Ausbildung

"Österreich braucht Menschen". Über Flüchtlinge in Ausbildung in Österreich erzählt Dr. Gisela Malekpour, Superintendentialkuratorin der evangelisch-lutherischen Diözese Niederösterreich. - Gestaltung: Martin Gross

Sie können außergewöhnlich gut singen und kommen aus Russland? Kein Problem, die österreichische Staatsbürgerschaft ist ihnen sicher. Es spielt auch keine Rolle, dass sie nach 12 Jahren noch immer kein Deutsch sprechen.

Sie sind ein unglaublich ausdauernder und schneller Langstreckenläufer und kommen aus Äthiopien? Herzlich willkommen in Österreich! Sie spielen erstaunlich gut Fußball und ihr Geburtsland ist das ehemalige Jugoslawien? Österreich braucht Menschen wie sie!

Sie haben keine herausragenden Begabungen, kommen aus Afghanistan, dem Irak oder dem Iran? Sie lernen eifrig Deutsch, holen ihren Schulabschluss nach und kümmern sich um eine Ausbildungsstelle? Sie treten diese Lehrausbildung in einem Mangelberuf an, fallen durch Fleiß, Engagement, Lerneifer und Einsatzbereitschaft auf? Hmm … es könnte schwer werden für Sie.

Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die während ihres laufenden Asylverfahrens eine Berufsausbildung beginnen, damit sie ihre Arbeits- und Integrationswilligkeit unter Beweis stellen, haben keinerlei Garantie, ihre Ausbildung auch abschließen zu können.

Schon vor 500 Jahren galt Bildung als hohes Gut. Zum Beispiel war es für Luther und die anderen Reformatoren eine conditio sine qua non, dass die Gründung von Pfarrgemeinden auch immer mit der Gründung von Schulen einherging. Zugang zu Bildung für alle, Mädchen wie Burschen, Arme wie Reiche, war und ist ein essentieller Bestandenteil gelebten evangelischen Christentums. Doch darüber hinaus?

Heute spielt es offensichtlich auch keine Rolle, dass ihre Lehrherrn oder Arbeitgeberinnen händeringend bei den zuständigen Behörden vorstellig werden, um ihre Schützlinge behalten zu können. Es ist scheinbar auch volkswirtschaftlich gleichgültig, dass Menschen, die über Jahre vom System mit Unterkunft und Unterhalt versorgt wurden, durch ihre Arbeit beginnen, in eben dieses System ein- und damit zurückzuzahlen. Da sie ohnehin nur bei Lehrstellen, für die sich kein österreichischer Bewerber findet, eine Chance haben, nehmen sie folgerichtig auch niemandem einen Arbeitsplatz weg!

Derzeit betrifft das rund 370 Personen in Österreich. Das muss doch von einem 8 Millionen-Staat zu verkraften sein. Glücklicherweise greift diese Einsicht immer mehr um sich, wie eine oberösterreichische Initiative zeigt. In ihr wird gefordert, dass die Jugendlichen zum einen ihre Ausbildung hier in Ruhe abschließen können und darüber hinaus, bei vorhandenem Arbeitsplatz, noch zwei weitere Jahre in Österreich bleiben dürfen.

Zunehmende Unterstützung seitens namhafter Politikerinnen und Politiker quer durch alle Parteien, sowie von Wissenschaftlerinnen und Wirtschaftstreibenden weckt die Hoffnung, dass ein Umdenken auch bei den Entscheidungsträgerinnen, mit etwas gutem Willen, möglich sein müsste.

Und auch schon die Bibel weiß, nachzulesen im 2. Buch Mose: "Einen Fremden sollst du nicht quälen. Denn ihr wisst, wie dem Fremden zumute ist, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten."

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