Oliver Tanzer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Oliver Tanzer über den Wert von Schuld und Schulden

"Und vergib auch unseren Gläubigern". Gar nicht schuldhafte Gedanken macht sicher der Wirtschaftsjournalist bei der Wochenzeitung "Die Furche" Oliver Tanzer. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Die alten Griechen werden gewöhnlich geschätzt für ihr logisches Denken. Da sehen wir sie gerne als unsere geistigen Vorväter. Aber sie hatten noch eine zweite hervorragende Eigenschaft: Sie hatten ein Sensorium für die Seele und ihre Abgründe. Auch für die Schuld. Sie stellten sich da eine Dämonin vor, die die Schuld bringt. Sie heißt Ate: Ate wandelt federleicht durch die Luft über unseren Köpfen, und zerzaust unseren Willen, lenkt ihn bald hierhin, bald dorthin in die wildesten Flausen hinein. Und sie nimmt ihren Opfern vor allem eines: Die Zeit zur Überlegung. Daraus entsteht dann Ates Ziel: der menschliche Fehler und daraus die Schuld. So sahen das die Griechen.

Und ist das nicht eine gewitzte Idee, dass nicht böse Absichten die Schuld verursachen, sondern primär die Verführung zu Hast und Unüberlegtheit? In sozialpsychologischen Studien zeigt sich, dass in Menschengruppen westlicher Prägung jene Mitglieder besonders geschätzt werden, die schnell und klar entscheiden. Sie erreichen in ihrer Umgebung schnell Ansehen und hohe Positionen. Und das, obwohl diese Entscheider viel fehleranfälliger sind als der Durchschnitt und auch aggressiver und obwohl sie tendenziell die Schuld an ihren Fehlern anderen geben. Ein anderer Typus wiederum, eher still und introvertiert, tut sich mit dem Ansehen in der Gruppe schwerer. Er gibt sich an Fehlern öfter selbst die Schuld. Allerdings schneidet er beim Problemlösen viel besser ab als der Schnellentscheider.

Nun dürfen wir uns fragen, welcher der beiden Typen gefragter ist in der vernetzten ökonomischen Welt, in der immer schnellere Entscheidungen verlangt werden. Und in der Menschen auf sozialen Netzwerken glauben, immer schneller eine Meinung haben zu müssen, dabei aber immer weniger wissen. Und was würden die alten Griechen wohl dazu sagen? Vermutlich würden sie mit ihrem feinen Sensorium zunächst lauschen und meinen, dass sie die Dämonin Ate lachen hören - in den Echokammern der digitalen Zivilisation.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Loreena McKennitt
Bearbeiter/Bearbeiterin: Roby Lakatos/geb.1965
Urheber/Urheberin: Kalman Cseki /Arrangement
Album: LAKATOS LIVE FROM BUDAPEST
Titel: Tango to Evora/instr. / aus dem Film "The Burning times"
Ausführende: Roby Lakatos und sein Ensemble
Ausführender/Ausführende: Roby Lakatos /Violine
Ausführender/Ausführende: Ernest Bango /Gitarre
Ausführender/Ausführende: Kalman Cseki /Klavier
Ausführender/Ausführende: Oszkar Nemeth /Kontrabaß
Ausführender/Ausführende: Laszlo Boni /2.Violine
Länge: 04:43 min
Label: DG 4596422

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