Marco Uschmann über den Adventkranz

Marco Uschmann, evangelischer Pfarrer und Herausgeber der Zeitschrift "Die Saat", erzählt die Geschichte des Adventkranzes, den 1839 der evangelische Pfarrer Johann Hinrich für Hamburger Straßenkinder erfunden hat. - Gestaltung: Martin Gross

In meinem Beruf als Pfarrer und Journalist komme ich mit vielen interessanten Menschen zusammen. Das gilt auch für die Adventzeit. Nun ist wieder die Zeit der Adventkränze.
Ich darf seit Jahren schon MitarbeiterInnen der Diakonie begleiten, wenn sie Adventkränze überreichen. So waren wir jetzt mit der neuen Direktorin der Diakonie, Maria Katharina, Moser, im Parlament und in Ministerien. Auch Bundespräsident Alexander van der Bellen bekommt einen Adventkranz in der Hofburg. Bischof Michael Bünker oder Kardinal Christoph Schönborn werden ebenfalls jedes Jahr besucht und auch ihnen wird ein Adventkranz überreicht. Mit dabei sind immer Kinder und Jugendliche, die Adventlieder singen und auf Instrumenten spielen.

Meist nehmen sich die Besuchten Zeit für uns, plaudern mit den Kindern und den DiakoniemitarbeiterInnen und es gibt Gelegenheit, auch ernste Themen anzusprechen. Einmal hat ein Minister etwas Bemerkenswertes zu uns gesagt: "Wissen Sie", sagte er, "wenn Sie alle Jahre wieder kommen und den Adventkranz bringen, Lieder singen und wir Weihnachtskekse essen, dann ist das die einzige Zeit im Advent, in der es hier ein wenig besinnlich wird. Ich schätze es sehr, dass Sie uns den Adventkranz schenken."

Nun kann man dem entgegenhalten, dass ein Ministerium nicht unbedingt besinnlich sein sollte oder muss. Das ist wahr: In den Politikerbüros sollte gearbeitet werden und in erster Linie das Wohl des Volkes im Vordergrund stehen. Allerdings geht es bei Politikern und Politikerinnen oft genug sehr hektisch zu, und da tut es gut, wenn es diese eine besondere Feier in der Adventzeit gibt. So jedenfalls wurde es gesagt bei der Adventkranzübergabe vergangene Woche im Parlament. Ausdrücklich bedankt hat sich Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka diese Woche für die Stunde Besinnlichkeit, Zitat "die uns geschenkt wurde und die so wichtig ist im Leben."

Der Adventkranz, den die Diakonie überreicht, ist ein ganz besonderer. Erfunden wurde er 1839 von dem evangelischen Pfarrer und Begründer der Diakonie Johann Hinrich Wichern. Er wollte Straßenkindern die Zeit bis Weihnachten verkürzen. Der Hamburger Wichern nahm sich 1833 einiger Kinder an, die in großer Armut lebten. Er gründete das sogenannte Rauhe Haus, ein altes Bauernhaus, wo diese Kinder professionell betreut wurden.

Wie das bei Kindern so ist, fragten auch sie ständig, wie lange es noch dauere bis Weihnachten, wann es denn endlich soweit sei und überhaupt, wann denn endlich Weihnachten sei. Schließlich hatte Pfarrer Wichern eine geniale Idee: Er setzte auf ein altes Wagenrad jeden Tag im Advent eine kleine rote und für jeden Adventsonntag eine große weiße Kerze zum Anzünden. Für die Adventsonntage gab es eine große Kerze mehr, so dass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten.

Dieser Original-Adventkranz hat jedes Jahr unterschiedlich viele Kerzen. Heuer sind es 23 Kerzen - 19 kleine und vier große. Dieser besondere Adventkranz der Diakonie findet sich etwa auf dem Wiener Christkindlmarkt am Rathaus oder in Klagenfurt. Eines aber eint alle Adventkränze: Sie weisen hin auf Weihnachten und zählen die Zeit bis zum großen Fest. Sei es mit Kerzen für jeden Tag oder mit vier Kerzen, eine für jede Woche in der Adventzeit. Sie zeigen etwas Wichtiges: Warten will gelernt sein, warten ist schwierig und warten kann sich lohnen. Denn was für die Kinder gilt, das gilt ja ebenso für die Erwachsenen. Oft genug kann es vielen Zeitgenossen nicht schnell genug gehen, wenn ein Ziel erreicht werden soll. Und da tut ein Adventkranz einfach gut, denn er kann zeigen, dass es andere, wesentlichere Dinge gibt im Leben als einen schnellen Erfolg. Viele Menschen ahnen das und viele sehnen sich danach: ein wenig Ruhe, ein wenig Gelassenheit und vielleicht auch ein wenig Vorfreude auf Weihnachten. Sonst hätte die Adventzeit keine so starke Anziehungskraft. Manchmal gelingt es, das zu erkennen und es zuzulassen. Und dann wird die Adventzeit wertvoll.

Denn es ist ja schon bemerkenswert, dass der Adventkranz Kinder und Jugendliche vor knapp 200 Jahren im Heim ebenso berührt hat wie heute Minister oder einen Bundespräsidenten. Brauchtum - mag schon sein. Aber ein ganz wichtiges. Alle Jahre wieder.

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