Magdalena Holztrattner über Klimapilgern

"Sonntag als Unterbrechung". Magdalena Holztrattner, Direktorin der katholischen Sozialakademie Österreich, begleitete einen Tag lang Klimapilger auf ihrem Weg von Rom nach Katowice. - Gestaltung: Martin Gross

Heute lebe ich eine Unterbrechung. Es ist ein nebeliger, düsterer Novembermorgen. Gegenüber der Jesuitenkirche im 1. Wiener Bezirk liegt das Inigo. Dieses feine Lokal ist ein Betrieb, der Menschen wieder in den Arbeitsmarkt integriert. Dort treffe ich eine Gruppe von Klimapilgern, die ich einen Tag lang begleite. Sie gehen von Rom nach Katowice. Dort findet bis zum 14. Dezember die UN-Klimakonferenz statt.

Wir stärken uns bei warmem Tee und einer Buttersemmel mit Honig. Die Philippinos, die den ganzen Weg gehen, erzählen von ihrem Pilgern. Gestern wurden sie von Bundespräsident Van der Bellen empfangen. Mit im Gepäck ist auch ein Brief von Kardinal Schönborn, der das Pilgern für Klimagerechtigkeit unterstützt.

Wir brechen auf. Der Winter empfängt uns mit ersten Schneeflocken. Wir pendeln uns gemeinsam auf ein Tempo ein, der Rhythmus des Gehens tut allen gut. Der Weg führt uns durch Wien mit seinem Mauerwerk, auf vielen Asphaltstraßen. Ganze Fluten von Autos donnern an uns vorbei, Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit sind oder zu wichtigen Terminen. Ich habe meine Terminflut unterbrochen, um mit dieser Gruppe zu pilgern.

Wir haben wetterfestes Gewand an. Das brauchen wir, um dem Schnee, der in Nieselregen übergegangen ist, mit einem Pfeifen auf den Lippen zu begegnen. Immer wieder machen wir eine Pause. Warmer Tee wärmt von innen. Solche gemeinsamen Unterbrechungen tun gut. Sie sind notwendig, um das Ziel erreichen zu können, ohne erschöpft zu sein.

Ich frage einen der Philippinos, warum er sich diese Mühen des weiten Weges antut. Er geht, sagt er, um Gerechtigkeit für seine Geschwister zu erlangen. Sie sind umgekommen beim letzten Wirbelsturm, der auf seiner Insel große Zerstörung hinterlassen hat. Eine schmerzhafte Folge des Klimawandels.

Nach ein paar Stunden betreten wir das Flughafengelände von Wien-Schwechat. Ein Flughafen ist ein spezieller Ort. Er ist nicht für Fußgänger gedacht, das wird uns deutlich bewusst. Die Straßenführung ist für Flugzeuge und Autos.

Jedes Jahr fliegen noch mehr Menschen über Wien. Die Konsequenzen für das Klima sind bekannt. Trotzdem möchte die Bundesregierung Umweltverträglichkeitsprüfungen ad absurdum führen. Werden frische Luft, sauberes Wasser und fruchtbarer Boden geopfert, weil wir immer alles und sofort haben wollen? Solche Fragen beschäftigen uns beim Gehen.
Ein Flughafen ist ein spezieller Ort. Flughäfen sind heute große Shopping-Malls. Alles soll stets verfügbar sein. Auch Menschen. Bis zu 12 Stunden und mehr am Tag. Wie im Hamsterrad. Dabei sind Unterbrechungen so wichtig, z.B. der Sonntag. Er erinnert uns daran, dass wir nicht nur Produzenten und Konsumentinnen sind. Wenigstens ein Tag in der Woche ist dafür gedacht, um als Gemeinschaft zu feiern, um in einer Gruppe eine Bergtour zu machen, um einfach nur ausschlafen zu können. Durch den arbeitsfreien Sonntag entsteht eine besondere Art des Wohlstands: Zeitwohlstand. Zeit fürs Faulsein, Zeit, um Beziehungen zu pflegen - Beziehung mit Freundinnen, mit mir selbst, mit Gott.

Es ist finster geworden und kalt. In Fischamend, gleich hinter dem Flughafen erreichen wir das Tagesziel. Im Pfarrhof erwartet uns ein heißer Tee. Nach mehreren Pilgerstunden im kalten Regen ist das eine wohltuende Unterbrechung.

Eine Unterbrechung war dieser Tag des Klimapilgerns. Mir ist wieder bewusst geworden, dass unser aller Engagement für Klimagerechtigkeit wichtig ist. Und dass wir Menschen nicht nur zum Arbeiten auf der Welt sind. Daran kann uns der arbeitsfreie Sonntag jede Woche erinnern.

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