Martin Schenk über Neid

Das ungelebte Leben. Wie Neid entsteht und warum der das Gegenteil von Genießen ist, erklärt Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie. - Gestaltung: Martin Gross

In der Wiese des Stadtgartens steht ein Schild mit "Betreten verboten". Männer, Frauen und Kinder haben sich mit einem Esskorb und einem Tuch im Gras niedergelassen. Die Aufregung ist groß, Beschimpfungen werden laut. Doch: Wäre es nicht für uns alle fein, im Gras zu sitzen, zu plaudern, zu trinken, zu spielen? Warum wenden wir uns nicht gemeinsam mit einer Petition an die Stadtregierung mit dem Wunsch, einen Teil der Stadtparkwiese zur Benützung frei zu geben? So geschehen. Die Stadt hat eingelenkt. Seither spielen Kinder im Gras, Verliebte halten Hand, Familien setzen sich auf einen Plausch. Der Ärger ist verflogen.

So funktioniert der Neid. Das Enteignete wird gegenüber einer als anders definierten Gruppe als Eigenes angesprochen. Es waren offensichtlich nicht "wir", die das Verbot aufgestellt haben, die Wiese zu betreten. Die Wiese wird gegenüber dem anderen als Eigentum reklamiert, aber zugleich im Verhältnis zur eigenen Person als fremd angesprochen. Das ungelebte, für unmöglich gehaltene Leben wird von den anderen gelebt und erscheint somit als möglich. Es ereignen sich zwei Dinge. Einerseits die Ausblendung des eigenen Wunsches, in der Wiese zu liegen, andererseits die Unterordnung unter die Instanz, die diesen Wunsch verunmöglicht.

Der Neid ist so wirkungsvoll, weil er Menschen spaltet. Leute, die eigentlich ähnliche oder sogar gleiche Interessen haben. Er ist ein Gift für die Gesellschaft, für uns alle. Weil er sagt: "Du oder ich", aber nie: "Wir beide." Es gibt ein Beispiel von Arbeitern in einem englischen Betrieb, die Lohnverbesserung wollten. In den Verhandlungen haben sie darauf verzichtet, nur damit eine andere Gruppe, die sie nicht mochten, die Erhöhung nicht bekommt. Der Grund, einem anderen etwas nicht zu gönnen, ist so stark, dass man selber den Nachteil in Kauf nimmt. Umgekehrt formuliert: Der Neid schadet einem selbst, weil man sich das, was einem nützt, selbst versagt. Der Neid narkotisiert den eigenen Genuss.
Oder die Mindestsicherung. Jetzt wird Asyl als Grund für die Kürzungen genannt, aber es trifft Familien mit Kindern, Leute mit Arbeit unter der Armutsgrenze, pflegende Angehörige - und schadet damit allen. Durch den Neid auf die Flüchtlinge vergisst man das. Diese Verblendung, dass der Neider lieber selbst auf etwas verzichtet, als es dem Beneideten zu gönnen, schadet ihm selbst.

Positiv gesprochen: Der Neid weist mich auf das hin, was ich eigentlich gerne hätte oder gerne wäre, was ich brauche, was mir gefällt, was ein gutes Leben ermöglicht. "Genießen" kommt übrigens aus dem Mittelhochdeutschen und heißt: die Güter des Lebens gemeinsam "nutz-nießen". Hängt ja schließlich auch sprachgeschichtlich mit "genesen" zusammen.

Die Bibel beginnt mit einem Brudermord. Kain tötet seinen Bruder Abel. Aus Neid. Die biblischen Geschichten haben einen starken Blick auf den Neid, denken wir an das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg oder an die Geschichte vom barmherzigen Vater. Der verlorene Sohn kommt zurück und der Vater feiert ein Fest. Der andere Bruder ist neidisch, obwohl ihm die ganzen Jahre nichts fehlte und ihm auch jetzt nichts weggenommen wird. Es ist kein Zufall, dass das Fest, das Genießen, der Stein des Anstoßes ist.

In der Notschlafstelle beginnen sich Bewohner ausziehbare Wäschetrockner zu organisieren, die sie vor ihren Zimmerfenstern montieren, um ihre Hemden draußen zu trocknen. Die Zimmer sind eng, der Platz ist begrenzt, die Luft ist knapp. Soweit so sinnvoll. Die neuen Trockner lösen aber bei den Anrainern im Haus große Empörung aus. Wie schaut das aus? Im Hof? Was soll das? Die Notschlafstelle wird mit erbosten Anrufen bombardiert. Nach wenigen Tagen aber, wie von Zauberhand, wachsen aus den anderen Fenstern im Hof dieselben ausziehbaren Trocknervorrichtungen. Das ist offensichtlich keine so schlechte Idee. Finden auch die Anrainer. Die Zimmer sind im gesamten billigen Altbau eher klein, so spart man Platz und hält die Feuchtigkeit draußen. Die wütenden Angriffe waren ab diesem Moment übrigens verflogen.

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