Brennende Kerze auf einem verschneiten Ast

APA/BARBARA GINDL

Bischof Hermann Glettler über Stille Nacht, Heilige Nacht

"Stille Nacht, Heilige Nacht". Gedanken über ein soziales und mystisches Glaubenslied, das vor 200 Jahren komponiert wurde, macht sich Hermann Glettler, Bischof der katholischen Diözese Innsbruck. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Weihnachten weckt die Freude der Kindheit auf: Der Duft der frischen Kekse, der Klang der Adventlieder, das unruhige Warten auf die Geschenke, der naive Glaube an das Christkind und - wenn auch jenseits aller meisterlichen Darbietungen: "Stille Nacht, Heilige Nacht". Ohne dieses Lied, das heuer seinen 200. Geburtstag feiert, wäre Weihnachten um vieles ärmer.

Faszinierend sind die Engel. Ich denke vor allem an den großen Engel in der alten Krippe unserer Bauernstube - oft mussten wir seine Flügel kleben, weil er ständig abgestürzt ist. Die Engel haben den ekstatischen Gesang auf dem Hirtenfeld angestimmt. Den Beduinen, die sich dort aufhielten, wurde "zuerst kundgetan" das Wunder aller Wunder. Sie wurden überschüttet mit Licht, das ist Gottes Geist, seine Herzensenergie - damals und heute unberechenbar. Gottes Herzenskraft befähigt zum Aufbruch und zur Freude.

"Hirten erst!" Shepherds first! Meist sind es im Evangelium die kleinen, unscheinbaren, oft naiv Glaubenden, denen sich der erwachsene Jesus vorzüglich zugewendet. Es wird berichtet, dass sie ihn ungeniert mit ihrer Not konfrontierten. Ich denke an die schreienden Blinden am Wegrand, an die blutflüssige Frau, die sich in der Menge eine Berührung Jesu erkämpft hat, und viele andere, von denen man in der Bibel lesen kann. Und sie alle - hatten Erfolg!

Dennoch weiß ich: Gott erhört nicht alle Gebete nach unseren Vorstellungen. Er nimmt uns in eine Schule der Enttäuschung. Er mutet allen, die ihn wirklich suchen, auch eine "Nacht des Glaubens" zu. Was ist zu lernen? Loslassen, leer werden, den inneren Resonanzraum öffnen. All das wird im mystischen Weihnachtslied besungen. Gott funktioniert nicht nach meinen Wünschen. Trotzdem macht es Sinn, für sich und andere zu beten. Gebet weitet das Herz, es stärkt die Aufmerksamkeit und weckt die Freude auf - trotz allem!

"Durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Jesus der Retter ist da!" Mit diesem Vers endet das berühmteste Weihnachtslied - zu kindlich?

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Playlist

Komponist/Komponistin: traditionell
Bearbeiter/Bearbeiterin: Walter Baco /Arrangement
Gesamttitel: LEISE RIESELT DER SCHNEE (WALTER BACO)
Titel: Variation über Stille Nacht
Ausführende: Walter Baco
Länge: 04:55 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag

Sendereihe

Gestaltung

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