Gudrun Sailer über Grimms Märchen

"Von Wäldern, Hexen und hundertjährigem Schlaf" - Weisheiten aus Grimms Märchen. Gudrun Sailer, Journalistin im Vatikan und Literaturwissenschafterin, macht sich Gedanken über Grimms Märchen und fragt am Beginn eines neuen Jahres, welche Fenster zur Welt sie öffnen. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Kindern soll man ja so viel und so lang wie möglich vorlesen, heißt es. Ich tue das nicht aus mütterlichem Pflichtbewusstsein, wie man zum Zähneputzen anhält, sondern mit Euphorie, besonders an Winterabenden. Und weil wir im Ausland leben, in Italien, lese ich am liebsten Grimms Märchen vor. Deutsche Märchen. Ich habe uns eine österreichische Ausgabe in drei Bänden aus den 60ern besorgt, auf die ich große Stücke halte.

Wenn ich am Abend vorlese, kommt es vor, dass mir so eine Geschichte noch in der Früh nachgeht. Märchen haben ihre Weisheit, sie sind nie zu Ende gelesen. Da gibt es Helden, Not und Glück, liebreiche arme schöne Mädchen, Hexen, kluge Tiere und Figuren zum Fürchten. Reibt man an der Oberfläche, kommt mehr. Wie der gute Geist aus der Lampe.

Das Lieblingsmärchen meiner Tochter ist Rapunzel. Schnell erzählt: Die böse Alte hält das Mädchen einsam im Turm im Wald gefangen. Rapunzel aber singt. Und ihr Gesang steht, wie ihr Haar, für die Sehnsucht nach dem anderen. Die endlich erfüllt wird: Ein Prinz hört ihr Lied, ist verzaubert, will die Sängerin sehen, nicht nur hören. Rapunzel lässt ihr Haar herunter. Die Hexe entdeckt das Liebespaar, blendet den Prinzen, verstößt das Mädchen. Nach langer Zeit finden sie einander in einem öden, fremden Land wieder. Ihre Tränen waschen ihm die Augen heil, er kann wieder sehen. Spätes Glück.

Ob der Prinz ahnt, was kommt, als er dem Lied nachgeht? Er hat Sehn-Sucht, er sucht zu sehen. Denn was mich berührt im Hören, das will ich sehen. Was mich ergreift, das möchte ich selbst ergreifen - wie einen Zopf, ein Seil, das mich nach oben zieht. Ich nehme mir vor, dass ich heute hinhöre auf das, was mich anspricht, was mir Sehnsucht macht nach etwas Hohem, Kostbaren und Schönen. Die Zeiten im Turmzimmer der Sehnsucht sind kurz, aber sie zählen im Alltag.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Alan Menken/geb.1949
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Howard Ashman/1950 - 1991
Bearbeiter/Bearbeiterin: Mark McGurty
Bearbeiter/Bearbeiterin: Crafton Beck
Album: THE MAGICAL MUSIC OF DISNEY
* Nr.1 Introduction (00:01:49)
Titel: Suite aus dem Film "The little mermaid" / "Arielle, die Meerjungfrau"
Chor: Indiana University Singing Hoosiers
Choreinstudierung: Robert Stoll
Ausführender/Ausführende: Annie Livingstone /Gesang m.Begl.
Ausführender/Ausführende: Camille Saviola /Gesang m.Begl.
Orchester: Cincinnati Pops Orchestra
Leitung: Erich Kunzel
Länge: 01:49 min
Label: Telarc CD80381

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