Grimms Märchenbücher

DPA / SWEN PFÖRTNER

Gudrun Sailer über Grimms Märchen

"Von Wäldern, Hexen und hundertjährigem Schlaf" - Weisheiten aus Grimms Märchen. Gudrun Sailer, Journalistin im Vatikan und Literaturwissenschafterin, macht sich Gedanken über Grimms Märchen und fragt am Beginn eines neuen Jahres, welche Fenster zur Welt sie öffnen. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Da ist eine bitterarme Familie. Der Hunger vernebelt den Eltern das Hirn, und die Mutter sagt: Die Kinder müssen weg, damit wenigstens wir leben können. Sie haben es erkannt: das ist "Hänsel und Gretel". Die Eltern setzen ihre Kinder im Wald aus, wo sie verhungern sollen. Doch es kommt noch böser. Im Wald treffen die Kinder gerade dort, wo sie meinen, sich sattessen und über-leben zu können, am Leb-Kuchenhaus, eine Hexe, die sie mästen und fressen will. Der Mutter schienen Hänsel und Gretel lebensbedrohlich, weil sie essen, für die Hexe sind sie ein Festessen.

Sie kennen den Rest: Weil die Hexe etwas blöd und blind ist, können die Kinder sie überlisten und ihrerseits in den Ofen schieben. Hänsel und Gretel gehen nach Hause, der Vater jubelt, die Mutter ist tot. Aus Kummer? Wir erfahren es nicht. Jedenfalls hat sie das Aussetzen ihrer Kinder nicht lang überlebt.

Hänsel und Gretel ist ein unfassbar grausames Märchen. Manche sagen, es tauge nicht zum Vorlesen. Ich meine, es taugt zum gemeinsamen Nachdenken. Was mich daran aufwühlt, ist das Leitmotiv Hunger. Hunger tötet. Wir kennen in unseren Ländern gottseidank schon lang keinen Hunger mehr, der uns so erniedrigt, dass wir andere in den Tod schicken würden, um selber zu überleben. Aber manche Kriege auf der Welt sind heute noch, oder wieder, Hungerkriege. Verteilungskriege. Menschen kämpfen gegeneinander ums nackte Leben, ums Essen. Wenn sie noch die Kraft dazu haben.

Hunger, verhungern heute, das ist ein Skandal, eine Beleidigung am Leben in einer Welt, die genug für alle bietet. Denke ich: Das geht mich nichts an, ist ja weit weg? Sind ja nicht Österreichs Wälder, in denen Kinder verhungern? Ich will heute dem Hunger nachspüren, den ich nicht habe, und solidarisch sein mit denen, die hungern. Unfreiwillig hungern, anders als wir.

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Playlist

Komponist/Komponistin: Engelbert Humperdinck/1854 - 1921
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Adelheid Wette/1858 - 1916
Gesamttitel: HÄNSEL UND GRETEL / Märchenoper in 3 Bildern / Gesamtaufnahme / 1.und 2.Bild
Titel: 1. Vorspiel zum 1.Bild (00:08:29)
Leitung: Sir Georg Solti
Orchester: Wiener Philharmoniker
Solist/Solistin: Lucia Popp /Gretel, Sopran
Solist/Solistin: Brigitte Fassbaender /Hänsel, Mezzosopran
Solist/Solistin: Walter Berry /Vater, Besenbinder, Bariton
Solist/Solistin: Julia Hamari /Mutter, Mezzosopran
Solist/Solistin: Anny Schlemm /Knusperhexe, Mezzosopran
Solist/Solistin: Norma Burrowes /Sandmännchen, Sopran
Solist/Solistin: Edita Gruberova /Taumännchen, Sopran
Chor: Wiener Sängerknaben
Ausführender/Ausführende: Norma Elizabeth BURROWES/24.4.1944 Bangor, England
Länge: 08:29 min
Label: Decca 4211112 (2 CD)

Sendereihe

Gestaltung