Ein Paar in einer Ausstellung von Edvard Munch

AFP/DANIEL ROLAND

Johanna Schwanberg über Edvard Munch

"Bilder der Seele". Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, über den norwegischen Jahrhundertwendestar Edvard Munch anlässlich dessen 75. Todestages. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Zunächst sehe ich Grün-, Braun- und Ockertöne. Dann erst blicke ich gebannt auf die stechenden dunklen Augen. Schauen sie mich an oder blicken sie fragend über mich hinweg? Die Augen gehören einem jungen Mann mit breiten roten Lippen und vollen brauen Haaren. Es ist ein Selbstporträt Edvard Munchs im Jahr 1886 - damals gerade 23 Jahre alt und am Beginn seiner Künstlerlaufbahn.

Der norwegische Maler hatte zur Zeit der Entstehung dieses Selbstbildnisses sein Ingenieurstudium bereits hingeschmissen, um sich ganz der Kunst rund um den Kreis der intellektuellen Boheme in Kristiania, dem heutigen Oslo, zu widmen. Auch erste Kritik aufgrund seiner innovativen expressiven Malweise hatte er bereits einstecken müssen. Sie wurde in der Presse als "Schweinerei" oder "Narretei" abgetan.

Edvard Munch ließ sich davon aber nicht beirren. Schließlich war der künstlerische Weg eine Möglichkeit, den Traumata der Kindheit kreativ zu begegnen. Zeitlebens kreisen Munchs Werke um Fragen nach der Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Schließlich hatte er Mutter und Schwester bereits früh verloren. Auch er selbst war stets kränkelnd und immer wieder dem Tode nahe. Zeitlebens kämpfte der Künstler mit Depressionen und Alkoholismus.

Munchs Selbstbildnis fasziniert mich, weil ich hier einen Menschen vor mir sehe, der gleichermaßen selbstbewusst wie rätselnd in die Welt blickt. Seine Zerrissenheit, seine Ängste, seine Einsamkeit hat er in eine unvergleichliche Bildsprache übersetzt, die heute noch Tausende Menschen berührt.

Der junge Mann begeistert mich aber auch, weil er genau hinschaut. Weil er den Dingen auf den Grund geht und im wahrsten Sinne des Wortes versucht herauszufinden, was sich unter der sichtbaren Oberfläche befindet. So entdeckt man auf dem Selbstporträt aus dem Jahr 1886 immer wieder Stellen, wo die bloße Leinwandstruktur zu sehen ist. Der Künstler hatte hier die Farbschichten abgekratzt, bis er auf den Malgrund stieß. Diese kleinen Wunden in der pastosen Malerei machen das Bild so besonders zugänglich: Sie erlauben mir, meine eigene Verletzlichkeit darin zu erkennen.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Edward Elgar/1857 - 1934
Titel: Konzert für Violine und Orchester in h-moll op.61
* Allegro - 1.Satz (00:17:13)
Violinkonzert
Solist/Solistin: Itzhak Perlman /Violine
Orchester: Chicago Symphony Orchestra
Leitung: Daniel Barenboim
Ausführender/Ausführende: Daniel BARENBOIM /isral.Pianist u.Dirigent/15.11.1942 Buenos Aires
Länge: 17:13 min
Label: DG 4133122

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