Ein Paar in einer Ausstellung von Edvard Munch

AFP/DANIEL ROLAND

Johanna Schwanberg über Edvard Munch

"Bilder der Seele". Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, über den norwegischen Jahrhundertwendestar Edvard Munch anlässlich dessen 75. Todestages. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Der Kuss, 1898

Fasziniert blicke ich auf die Holzmaserungen. Auch auf die Jahresringe und die Spuren von Astknoten. Mein Blick ist gefesselt von der lebendigen Struktur des Holzes und der monochromen Farbigkeit. Plötzlich entdecke ich eine schwarze figurale Darstellung, die sich aus der gräulichen, linierten Fläche herausschält. Es ist ein sich umarmendes Paar, das hier gezeigt wird. Die Liebenden wirken miteinander verschmolzen, haben die Arme umeinander geschlungen. Das Spannende ist, dass die Gesichter zu einer amorphen Fläche verbunden sind, keine Individualität zu erkennen ist. Genauso wenig wie eine räumliche Verortung der Szene. Die Umarmung könnte überall stattfinden: zu allen Zeiten, an allen Orten.

Das Holzschnitt-Blatt stammt aus einer Serie von Druckgrafiken, Zeichnungen und Gemälden, in denen sich Edvard Munch mit dem Thema des "Kusses" befasste. Seit den frühen 1880er Jahren bis kurz vor seinem Tod vor 75 Jahren hat Munch unaufhörlich mit dem Sujet des "Kusses" gerungen. So als würde er die Innigkeit einer Beziehung, die er in der Realität selbst immer nur kurzfristig erlebte, mittels seiner Kunst einfangen wollen.

Mich interessieren die Holzschnitt-Varianten des "Kuss"-Themas von Edvard Munch besonders. Denn sie beziehen die Schönheit und Verletzlichkeit des organischen Materials in den Schaffensprozess mit ein. Auch spiegeln sie Munchs Modernität, der immer wieder bewusst außerkünstlerische Momente in seine Arbeit integrierte. Munch hat sich bei der Komposition bewusst von der Holzstruktur leiten lassen und somit sichtbar gemacht, dass es im Leben oft wichtig ist, die Zügel loszulassen und auf das zu vertrauen, was ohnehin schon da ist.

Mitunter war Munch sogar noch viel radikaler und hat seine Werke durch sogenannte "Rosskuren" gezielt der Verwitterung ausgesetzt, um dem Zufall und dem Fehlerhaften eine Chance zu geben. So meinte er einmal in Bezug auf ein Bild: "Warte nur, bis es ein paar Regenschauer, Kratzer von Nägeln und derlei mehr abbekommen hat und in allen möglichen miserablen und undichten Kisten rund um die Welt geschippert worden ist. Ja, mit der Zeit kann es noch gut werden! Noch ein paar kleine Fehler und es wird richtig gut."

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Edward Elgar/1857 - 1934
Titel: Enigma op.36 - Variationen über ein eigenes Thema
* 11. Variation 9 (Nimrod) - Adagio (00:03:25)
Orchester: Scottish National Orchestra
Leitung: Sir Alexander Gibson
Länge: 03:25 min
Label: Chandos 8431