"No Trespassing" - Schild

AFP / ROBYN BECK

Achtung privat!

Rückzug ins Exklusive (2). Gestaltung: Daphne Hruby

Jeden Morgen öffnet der imposante Gitterzaun seine Pforten, der Sicherheitsmann winkt und die Familie verlässt ihre geschlossene Privatwelt, ihre Gated Community. Hinter ihnen schließt sich das Tor sofort wieder. Die Wachhunde wurden durch zwei Kameras ersetzt, die ihren Besitzern zwar nicht mehr sehnsüchtig, aber dafür umso gründlicher hinterherblicken. Als erstes wird das Kind in eine schicke Privatschule gebracht. Sollte ein Familienmitglied erkranken, befindet sich gleich ums Eck eine Privatklinik.

In Europa erfreuen sich derlei Angebote immer größerer Beliebtheit. In den USA oder Brasilien verschanzen sich wohlhabende Menschen schon seit langem hinter dicken Mauern. Manche Gated Communities sind mehr als tausend Hektar groß und verfügen über eigene Spitäler, Einkaufzentren und Kinos. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssten das Areal theoretisch nie verlassen.

Der Privatisierungstrend ist aber längst nicht mehr nur eine elitäre Angelegenheit. Sei es im Bildungs-, Wohn- oder Gesundheitsbereich. 2017 besuchte etwa bereits jeder zehnte österreichische Schüler eine private Lehranstalt, in Wien war es sogar fast jeder fünfte - Tendenz steigend. Diese Entwicklungen hängen oft mit einer Überlastung der öffentlichen Systeme zusammen.

Gleichzeitig ziehen sich Menschen in einer immer stärker globalisierten Welt gerne in abgeschottete Gemeinden oder Subkulturen zurück. In einer Zeit, in der auch noch der persönlichste Lebensbereich auf diversen Plattformen zur Schau gestellt, jeder öffentliche Schritt von Kameras begleitet und Nicht-Erreichbarkeit einem als archaische Unart ausgelegt wird, sehnen sich viele wieder nach mehr Privat-Sphären.

Die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum ist fließend und ständigen Veränderungen unterworfen. Das gilt auch für die Zutrittskriterien. Der Prater - heute eines der beliebtesten öffentlichen Naherholungsgebiete Wiens - wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts für alle Gesellschaftsschichten geöffnet. Das funktioniert ebenso in die andere Richtung. Öffentliche Räume können auch wieder privat werden.

Nur weil man ein Gebiet betreten oder nutzen darf, gehört es einem aber noch lange nicht. Der Gebrauch ist an gewisse Regeln gebunden - das gilt auch für staatliche Angebote.Eben diese wurden in jüngerer Zeit zum Teil privatisiert. Während die Öffnung bestimmter Sektoren durchaus Vorteile mit sich bringen kann, beschäftigen andere Verkäufe bis heute die Gerichte. In einigen Ländern sind selbst so sensible und lebensnotwendige Bereiche wie die Wasserversorgung in private Hände gelegt worden. Die Folgen waren teils so verheerend, dass einige Staaten wieder zurückgerudert sind.

Aber nicht nur hier stehen private Interessen oftmals im Widerspruch zum Gemeinwohl. Wie viel Privatisierung verträgt eine Gesellschaft? Wo geht der persönliche Lebensbereich in den öffentlichen über? Und was ist heutzutage noch privat?

Service

"Was mehr wird, wenn wir teilen" von Elinor Ostrom. Herausgegeben und überarbeitet 2011 von Silke Helfrich

Studie "Vergleich Europäischer Systeme der Wasserversorgung und Abwasserentworgung" von Michael Getzner, Bettina Köhler, Astrid Krisch und Leonhard Plank. Erschienen im September 2018

"Achtung Sozialstaat. Wem er nützt, wen er vergißt, wie man mit ihm zurecht kommt" von Ehrenfried Natter und Christoph Reinprecht. Erschienen 1992 im "Europa Verlag".

"Raum - Mensch - Gerechtigkeit: Sozialethische Reflexionen zur Kategorie des Raumes" von Martin Schneider, Erschienen 2012 im "Verlag Ferdinand Schöningh".

"Soziale Funktionen städtischer Räume im Wandel" von Martin Scheutz (Hg.), Gerhard Fouquet, Ferdinand Opll und Sven Rabeler. Erschienen 2018 im "Thorbecke Verlag".

Studie der Abteilung Kommunlapolitik in der AK Wien "Bürgerinnenbeteiligung in der Stadt: Zwischen Demokratie und Ausgrenzung?" von Katharina Hammer (Hg.). Erschienen 2013

Partizipative Stadtentwicklung und Agenda 21: Diskurse - Methoden - Praxis" von Marc Diebäcker. Erschienen 2004 im "Verband Österreichsicher Volkshochschulen".

"Abweichung und Soziale Kontrolle" von Günter Stummvoll. Erschienen 2013 in: "Forschungs- und Anwendungsfelder der Soziologie" von Eva Flicker (Hg.), Rudolf Forster (Hg.) im "Facultas Verlag"

"Wohnen und die Fragmentierung des Sozialen: Gentrifizierung als Symptom gesellschaftlicher Transformation" von Christoph Reinprecht. Erschienen 2019 in: "Gentrifizierung in Wien: Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Praxis" von Justin Kadi, Mara Verlic (Hg.). Wien, Bundesarbeitskammer, S. 27-36.

"Durchs Reden kommen die Leute zusammen? Kommerzielle Veränderungsprozesse im Stadtteil und deren gemeinschaftsbildende Effekte" von Yvonne Franz und Michael Friesenecker. Erschienen 2019 im Verlag der "Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien".

"Behind the Gates: Life, Security and the Pursuit of Happiness in Fortress America" von Setha M. Low. Erschienen 2004 im "Routledge Verlag"

"Wohnen ‚für alle' in Zeiten der Wohnungsmarktkrise? Der soziale Wohnungsbau in Wien zwischen Anspruch und Wirklichkeit" von Yvonne Franz und Elisabeth Gruber. Erschienen 2018 in der Zeitschrift "Standort - Zeitschrift für Angewandte Geographie" Band 42, Ausgabennummer 2.

"Ursachen für Kostensteigerungen und zukünftige Herausforderungen im österreichischen Gesundheitssystem" von Monika Riedel und Gerald Röhrling. Erschienen in "WISO" 32. Jg. Nr 1/2009, 14-32.

Der "Rezeptblog" des Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer

Sendereihe