Abgerissene Plakatwand

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Schizophrenie - Die große Unbekannte

Wer von einer Depression oder Ängsten betroffen ist, kann darüber heutzutage offen sprechen, ohne schief angeschaut zu werden. Anders ist dies bei der Schizophrenie. Dieser Krankheit mutet noch immer etwas unheimliches, ja beinahe gefährliches an, weiß doch kaum wer so recht, worunter die Betroffenen eigentlich genau leiden. Grund genug, einmal eine ausführliche Sendung darüber zu machen.

Viele unterschiedliche Symptome

Rund ein Prozent der Bevölkerung ist von einer Schizophrenie betroffen. Männer gleich häufig wie Frauen. Der Erkrankungsbeginn ist im Jugend- bzw.- frühen Erwachsenenalter. Die Schizophrenie zählt zu den endogenen Psychosen und ist eine äußerst vielgestaltige Krankheit. Typische (aber nicht immer gleichzeitig auftretende) Symptome sind Wahnvorstellungen (z.B. Verfolgung- oder Vergiftungswahn), Halluzinationen (etwa Stimmen hören) und Denkstörungen. Das Denken wirkt zerfahren und ohne innere Logik. Generell sind Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung vermindert. Weitere häufige Symptome sind sozialer Rückzug, mangelnder Antrieb, ein Abflachen der Gefühle sowie unwillkürliche Bewegungen und Unruhezustände. Die Krankheit kann in Schüben verlaufen oder aber chronifizieren. Insbesondere in den akuten Phasen, in denen Wahn und Halluzinationen vorherrschen, sehen die Betroffenen nicht ein, dass sie krank sind, weshalb sie eine Therapie auch oft jahrelang ablehnen.

Was sind die Ursachen?

Bezüglich der Ursachen der Schizophrenie tappt man noch weitgehend im Dunkeln. Als sicher gilt eine genetische Vorbelastung. Ist ein Elternteil schizophren, erkranken zehn Prozent der Kinder ebenfalls. Forschungen zufolge liegt der Schizophrenie ein gestörter Hirnstoffwechsel zugrunde. Bei Erkrankten soll ein Teil der Dopamin- bzw. Glutamat-Signalwege (Dopamin und Glutamat sind Neurotransmitter) überaktiv sein. Bildgebende Verfahren konnten zeigen, dass auch das Gehirn Veränderungen aufweist. So sind einerseits Teile des Hippocampus (er ist für die Gedächtnisleistung zuständig) verkleinert. Außerdem sind die mit Gehirnflüssigkeit gefüllten Kammern im Gehirn (Ventrikel) häufig erweitert. Schließlich geht man davon aus, dass manche Menschen Stress, sei es im Beruf, der Familie etc., weniger gut kompensieren können und dadurch fallweise eine Schizophrenie entwickeln.

Gut wirksame Medikamente

Zur medikamentösen Therapie stehen Antipsychotika und atypische Antipsychotika zur Verfügung. Erstere wirken gut gegen die so genannte Positiv-Symptomatik mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen. In einigen Fällen verschwinden die Beschwerden damit zur Gänze. Zur Behandlung der Negativ-Symptome wie Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit etc. verwendet man die atypischen Antipsychotika. Die Symptome lassen sich dadurch aber nur teilweise verringern. Sind die PatientInnen gut eingestellt, sind Rückfälle selten. Besteht bereits eine längere Phase ohne Krankheitszeichen, kann gemeinsam mit dem Arzt auch über das Absetzen der Medikamente nachgedacht werden.

Psychotherapie ebenfalls sinnvoll

Dabei geht es vor allem darum, den PatientInnen mehr Wissen über ihre Krankheit zu vermitteln und Wege aufzuzeigen, wie sie damit im Alltag umgehen können. Soziotherapeutische Begleitung kann darüber hinaus verhindern, dass soziale Folgeschäden innerhalb von Familie, Arbeit etc. entstehen.
Eine wesentliche Rolle spielen natürlich wie bei allen psychischen Erkrankungen Angehörige und Freunde. Man sollte sich der Schwere der Krankheit bewusst sein und hilfreich zur Seite stehen. Überfürsorglichkeit jedoch ist kontraproduktiv, denn die Betroffenen können viele Dinge des Lebens selbständig erledigen.

Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Mag.a Nora Kirchschlager

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Ist ein Familienmitglied von Ihnen an Schizophrenie erkrankt?

Welche Symptome hat der/die Betroffene?

Sind Sie selbst betroffen?

Nehmen Sie Medikamente? Gehen Sie in Psychotherapie?

Wie reagiert die Umwelt auf Ihre Erkrankung?




Service

Sendungsgäste im Funkhaus Wien:

Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata
Medizinische Universität Wien
Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie
Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien
Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien
+ 43 1 40400 35470
E-Mail
Homepage

Sigrid Steffen
Mutter eines von Schizophrenie betroffenen Sohnes
im Vorstand des Angehörigenvereins AHA in Salzburg
und stellv. Vorsitzende der HPE Österreich (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter)

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Österr. Bundesverband für Psychotherapie
Psychiatrische Soforthilfe (Psychosoziale Dienste Wien)
Selbsthilfegruppe von pro mente
HPE Österreich (Hilfe für Angehörige)
Tagung "Die subjektive Seite der Schizophrenie: Nicht ohne Netz - Psychose in neuen Kontexten" (Wien, 21.-23.2.2019)
Was ist eine Schizophrenie?
Infos auf netdoktor.at
Behandlungsleitlinien
Psychosen

Buch- und Filmtipps:

Daniel Hell, Daniel Schüpbach, "Schizophrenien - Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige", Verlag Springer 2016

Klaus Gauger, "Meine Schizophrenie", Verlag Herder 2018

Asmus Finzen, "Schizophrenie: Die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen", Psychiatrie Verlag 2013

"Der Boden unter den Füßen" (Spielfilm, Österreich 2019, Regie: Marie Kreutzer)

Sendereihe