Marina Zwetajewa, Ausschnitt Buchumschlag

SUHRKAMP VERLAG

Eine frauenfeindliche Dystopie

Internationaler Frauentag 2019: "Unsere Zeit ist die Kürze. Unveröffentlichte Schreibhefte". Von Marina Zwetajewa (aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold). Es liest Elisabeth Findeis. Gestaltung: Peter Zimmermann

Die 1892 in Moskau geborene Marina Zwetajewa gilt neben Anna Achmatowa als bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts. Ob sie in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren auf den Wahnsinn der Zeit reagierte oder sich im französischen Exil an ihre Kindheit und Jugend zurückerinnerte, ob sie verstorbene Dichterkollegen heraufbeschwor oder sich scharfsinnig mit poetologischen Fragen auseinandersetzte - stets tat sie es auf unverwechselbare Weise. Zwetajewas Dichtung erwuchs aus ihrer eigenen komplizierten Persönlichkeit, ihren vielseitigen Begabungen, ihrer Exzentrik und einem dichterischen Umgang mit der Sprache. Gott, Dasein, menschliche Seele, Vorbestimmung des Dichters, Schicksal Russlands, griechische Mythologie, geistige Freundschaft und weibliche Sexualität waren Themen ihrer Arbeit.

Von 1922 an lebte Marina Zwetajewa mit ihren beiden Kindern Ariadna und Georgi im Exil, ihr Ehemann Efron hatte im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft und war nach Berlin geflohen. Die folgenden Jahre verbrachten sie in Berlin, Prag und vor allem Paris. Als sie sich in de 30er Jahren mit dem Gedanken trug, aus dem Exil zurückzukehren, stellte Marina Zwetajewa aus ihren Schriften all das zusammen, was ihr in künstlerischer und persönlicher Hinsicht wichtig war und ergänzte es um nachträgliche Selbstkommentare: eine Art Nachlass zu Lebzeiten, den sie dann, 1939, mit nach Russland nahm, während sie ihre literarischen Manuskripte aus Angst vor Beschlagnahmung bei Freunden im Ausland deponierte. Diese Schreibhefte waren nie für die Veröffentlichung bestimmt. Sie lesen heißt: sich auf fragmentarische Texte, gekürzte Briefentwürfe, Vorlagen für Gedichte und abrupte Themenwechsel einlassen. Es heißt freilich auch: dem sehr persönlichen Blick einer extrem eigenwilligen, starken Frau auf das Leben und Schaffen ihres letzten Jahrzehnts zu folgen. "Unsere Zeit ist die Kürze" nennt sich die deutsche Ausgabe der Schreibhefte.

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