Nur ein ungutes Bauchgefühl? - Die Diagnose "Reizdarm" im 21. Jahrhundert

"Dann wird es wohl ein Reizdarm sein!" Diese Diagnose erhalten all jene Personen gestellt, die an Schmerzen, Durchfällen, Verstopfungen und Blähungen leiden, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden konnte. Damit ist das "Colon irritabile", so die Bezeichnung im Fachjargon, eine Ausschlussdiagnose.

Vom eingebildeten Leiden zum multifaktoriellen Krankheitsbild

Vor einigen Jahrzehnten wurden die durchaus heftigen Beschwerden von der Schulmedizin lapidar als "eingebildetes Leiden" abgetan. Dann kam die Phase, in der psychosomatische Aspekte in den Vordergrund gerückt wurden. In letzter Zeit schlägt das Pendel wieder in eine andere Richtung. Für die Reizdarm-Symptome- so die neue Ansicht - sind in vielen Fällen andere Verdauungsstörungen, wie Unverträglichkeiten auf Fructose, Gluten, Sorbit und Lactose, eine Histaminintoleranz oder ein gestörtes Mikrobiom verantwortlich. Tatsächlich scheint die Darmflora (der umgangssprachliche Ausdruck für die Vielzahl an Mikroorganismen) hier eine Schlüsselrolle zu spielen. Die Bakterien-Diversität in der Darmschleimhaut, die man mit entsprechender Ernährung aufrechterhalten kann, verhilft uns nicht nur zu einer guten Verdauung, sondern auch zu einem intakten Immunsystem. Mehr noch: Störungen im überaus komplexen Nervensystem des Darms führen über die "Bauch-Hirn-Achse" zu einer Veränderung des Stoffwechsels im Gehirn.

Gestörtes Mikrobiom

Die Verbindung zwischen den Darmbewohnern und dem Gehirn ist keine Einbahnstraße: So verändert Stress das Mikrobiom. Umgekehrt kann eine krankhaft veränderte Darmflora Stress im Organismus hervorrufen. Ein ineffektives Mikrobiom kann die Schleimhaut des Verdauungssystem nicht ausreichend schützen, es kommt zu Entzündungsreaktionen und einem "leaky gut" (durchlässige Darmbarriere), sodass Schadstoffe und Toxine ungefiltert in den Körper - und auch ins Gehirn - gelangen können.
In einer aktuellen Studie der Meduni Wien konnte eine Forschergruppe an der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie zeigen, dass sich bei Menschen mit Reizdarmsymptomatik, aber auch bei Stress, Depressionen oder Angststörungen eine markante Signatur an Darmbakterien findet.

Mikroorganismen "richtig anfüttern"

Um eine gesunde Darmflora wieder herzustellen werden meist Prä-, Pro- und Synbiotika über Nahrungsergänzungsmittel zugeführt. Erste Studien zur Stuhltransplantation sind am Laufen. Dabei wird ein gesundes Mikrobiom eines Spenders direkt in den Verdauungstrakt der erkrankten Person eingebracht wird.
Beim Reizdarm hat sich auch eine besondere Diät als hilfreich erwiesen, die FODMAP-arme Ernährung. Dabei werden schlecht resorbierbare Kohlenhydrate und Zuckeralkohole ausgespart.
Meist lässt sich ein Mikrobiom deutlich einfacher positiv beeinflussen.
Als Schlüssel zur Behandlung einer Reizdarmsymptomatik sieht der Steirische Allgemeinmediziner Mathias Moser die Kombination aus einer Fastenkur mit Lebensstil- und Ernährungsumstellung. Dabei gehe es weit über die Grenzen persönlichen Wohlbefindens hinaus: "Was für den Darm gesund ist, ist auch für den Planeten gesund", so Mathias Moser. Schließlich finden sich auf Produkten aus industrialisierter Landwirtschaft, die über weite Strecken zu den Konsumenten gelangen, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und Anti-Pilzmedikamenten, die letztlich auch das Mikrobiom im Darm schädigen können.

Bauchhypnose als effektive Therapie

Um nachhaltigen Erfolg zu erzielen, sollte aber, so die Wiener Studiengruppe um Gabriele Moser, auch der ganzheitlich psychosomatische Ansatz verfolgt werden. Denn psychotherapeutische Methoden und auch die sogenannte "Bauchhypnose", bei der man sich, unter fachlicher Anleitung, gedanklich auf den Verdauungstrakt fokussiert, haben nachweislich Erfolge gezeigt.
Bevor die Diagnose Reizdarm gestellt wird, muss jedoch abgeklärt werden, ob sich andere medizinische Probleme dahinter verstecken - etwa chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, eine Parasitenbesiedelung oder Krebs. Nur die Dickdarmspiegelung kann hier - in Kombination mit speziellen Stuhluntersuchungen - Sicherheit geben.
Ronny Tekal spricht mit seinen Gästen in der aktuellen Ausgabe des Radiodoktors über das viel diskutierte ungute Bauchgefühl.

Moderation und Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Wie lange hat es gedauert, bis bei Ihnen die Diagnose "Reizdarm" gestellt wurde?
Wie stehen Sie zu dieser Ausschlussdiagnose?
Was hat Ihnen geholfen?
Wurden Sie auch in Bezug auf Unverträglichkeiten und die Diversität des Mikrobioms abgeklärt?

Service

Sendungsgast im Funkhaus Wien:

Dr. Friedrich Anton Weiser
Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie
Ärztezentrum Ost
Anton-Baumgartner-Straße 44,
A-1230 Wien
Tel: +43/1/ 813 79 34
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Homepage

Sendungsgast im Landesstudio Steiermark:

DDr. Adrian Mathias Moser
Arzt für Allgemeinmedizin
Präventivmediziner in der Steirischen GKK, Mikrobiomforscher
Rückertgasse 7
A-8010 Graz
Tel: +43/664/5918191
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Österreichische Patienteninitiative Reizdarm
Österreichische Gesellschaft für Probiotische Medizin
Studie zur Bauchhypnose bei Reizdarm (Gabriele Moser, Meduni Wien 2019)
Was das Mikrobiom mit dem Reizdarm zu tun hat (Gesellschaft der Ärzte, Vortrag von Julia Seiterer-Nack)
MiniMed zur Darmflora
Netdoktor zu Reizdarm
Was bei einem Reizmagen hilft

Buch-Tipps:

Friedrich A. Weiser, "Reizdarm - Diagnose, Therapie, Vorbeugung", Verlagshaus der Ärzte 2019

Julia Seiterer-Nack, "Was passiert im Darm?: Neues Wissen für mehr Darmgesundheit", Südwest-Verlag 2014

Adrian Schulte, "Alles Scheiße!? Wenn der Darm zum Problem wird", Knaur mensSana TB 2018

Martin Storr, Björn Bapst, "Darmhypnose: Den Reizdarm dauerhaft beruhigen" (Hörbuch),
Trias Verlag 2017

RuHe Recipes, "Reizdarm Ernährung: Low FODMAP Rezepte", Independently published 2018

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