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Die Egerländer Tracht
Birgit Müller - 10. April 2026, 14:00
Auf dem Foto ist meine Mutter Barbara Müller zu sehen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie 59 Jahre alt. Stolz und mit Freude trägt sie ihre Egerländer Tracht.
Die Vertreibung
Birgit Müller - 10. April 2026, 13:52
Das Bild zeigt das original Schreiben, welches die Familie meines Vaters Erhard Müller am 26.06.1945 überreicht bekam. Der Inhalt hat mich sehr schockiert:
Sinngemäß lautet die Übersetzung, dass man ausgewiesen wird, weil man bereits 1938 gegen die C.S.R. gearbeitet hätte (was natürlich nicht der Wahrheit entsprach). Alle Familienmitglieder müssen sich am Folgetag um 5:00h früh vor dem Schulgebäude einfinden und dürfen nur ein paar Sachen mitnehmen. Wer dem nicht Folge leistet, kommt ins Konzentrationslager.
Nachfolgend die Schilderung über die Vertreibung der Familie meines Vaters aus Waltersdorf (Kreis Böhmisch-Leipa) und die darauffolgenden Wochen:
Mein Opa Franz Müller war Landwirt mit einem eigenen Hof und arbeitete zusätzlich von 1940 bis 1945 als Hilfsarbeiter in den Achilleswerken in Oberpolitz. Die Großeltern meines Vaters, Franz und Theresia Müller, mussten 1936 ihren Besitz (die „Elemiehle“) verkaufen und zogen nach Bensen in eine Stadtwohnung.
Die Familie meines Vaters wurde am 27.06.1945 vertrieben. Am Vorabend des 27. Juni 1945 kam der Ortsgruppenleiter ins Haus und überbrachte die Nachricht, dass sich alle Bewohner am Morgen des nächsten Tages auf dem Dorfplatz zu versammeln haben.
Es durfte nur eine begrenzte Menge an Gepäck mitgenommen werden. Der Bevölkerung wurde vorgetäuscht, dass sie nur kurzfristig ihre Häuser räumen müssten und alle glaubten, sie kämen bald wieder zurück! Mein Vater hatte als Andenken an seinen älteren Bruder Franz ein paar gute Wehrmachtsstiefel bei sich – die wurden ihm auf dem Dorfplatz von einem tschechischen Soldaten sofort abgenommen.
Wie damals üblich, wurden alle Personen in einen Viehwaggon gedrängt und unter widrigsten Umständen abtransportiert.
Es geht das Gerücht, dass Theresia und Franz Müller das Leid der Vertreibung nicht ertragen haben und in Bensen „ins Wasser gegangen“ sind. Weder mein Vater noch andere Mitglieder der Familie wussten genau, was passiert war. Die Großeltern waren nicht mehr auffindbar. Es ist auch möglich, dass sie ermordet wurden.
Die Fahrt ging für meinen Vater Erhard Müller und seine Eltern zunächst nach Mockethal in Sachsen, wo er von Juli 1945 bis Ende September 1945 bei einem Bauern arbeitete. Danach wurde die Familie Müller weiter nach Lengefeld/Thüringen verbracht, wo Erhard wiederum bei einem Bauern arbeitete – von Oktober 1945 bis 31. März 1946 bei Familie Anding.
Im Dorf wurden sie von den Bewohnern gut aufgenommen und konnten sich nach und nach eine kleine Existenz aufbauen. Meine Großeltern bewohnten einen leerstehenden Bauernhof in Lengefeld.
Mein Vater bekam ein Zimmer bei Familie Grübner in Lengefeld als er dort bei Eugen Grübner seine Lehre als Stellmacher (Wagner) begann (01.051946 - 31.03.1949) und in Weimar in die Berufsschule ging. Mein Opa Franz Müller half in der Werkstatt bei Grübners mit. Eugen Grübners Sohn Kurt arbeitete ebenfalls im elterlichen Betrieb. Seine Frau Grete und er hatten sich mit meinen Großeltern angefreundet und sie blieben bis ins hohe Alter in Kontakt und haben Franz und Anna Müller öfters besucht, als diese später in Bayern wohnten.
Das zerstörte Dorf
Birgit Müller - 10. April 2026, 13:39
Das Elternhaus meiner Mutter Barbara Müller befand sich in Ranzengrün (Rancngrýn), einem kleinen Bauerndorf im Kreis Karlsbad (Karlovy Vary), dem heutigen Tschechien.
Leider wurde das Dorf Ranzengrün nach Ende des Zweiten Weltkrieges vollkommen vernichtet und zu einem Truppenübungsplatz für das tschechische Militär umfunktioniert (Vojenský újezd Hradištĕ).
Genau dort wo der rote Stern eingezeichnet ist, befand sich ehemals Ranzengrün.
Aussteuerkiste meiner Oma Rosa
Birgit Müller - 10. April 2026, 13:32
In früheren Zeiten war es üblich, dass eine Braut eine sog. Aussteuer mit in die Ehe brachte. Diese bestand meist aus Bett- und Tischwäsche. Es ist anzunehmen, dass die Aussteuerkiste meiner Oma Rosa seit mehreren Generationen weitergereicht wurde.
Die Beschriftung wurde erst 1946 hinzugefügt, da meine Großeltern diese Kiste als persönliches Gepäckstück bei der Vertreibung aus der Heimat mitgeführt hatten.
Heute befindet sich dieses einmalige Erbstück im Besitz einer meiner Cousinen.
Stunden der Angst
Birgit Müller - 10. April 2026, 13:21
Meine Mutter Barbara Müller erzählt von der Zeit in ihrem Heimatdorf Ranzengrün (ehemals Kreis Karlsbad, später Kreis Kaaden/Sudetenland) gegen Ende des Zweiten Weltkrieges:
Die Russen haben immer die Frauen vergewaltigt - ich weiß noch, einmal sind die Russen vorne zur Tür rein und ich bin hinten zum Fenster rausgesprungen… das sehe ich noch direkt, dass ich zum Fenster rausgesprungen bin, da war ich vielleicht 12 Jahre alt. Ich bin ins Freie gerannt, sie haben mich noch gesehen, und haben weitergesucht – doch dann haben sie die Verfolgung aufgegeben.
Das war eine blöde Zeit! Die Russen haben auf den Bauernhöfen immer etwas zum Essen gesucht. Nachts haben wir bei unserem Nachbarn auf dem Heuboden geschlafen, um uns vor den Russen zu verstecken. Bei seiner Scheune ging keine Treppe hinauf und wir haben, nachdem wir oben lagen, die Leiter mit hochgezogen, so dass niemand zu uns hinaufkommen konnte. Dann waren die Betten in den Zimmern alle leer und das ist natürlich aufgefallen. Mutter und Vater waren allein im Haus und die Russen haben uns überall gesucht und immer wieder geschrien: „Wo ist Matka“? (Wo ist das Mädchen?) Dann haben sie die Schränke vorgezerrt, um zu schauen, ob wir uns dahinter versteckt haben. Sie sind immer unangemeldet gekommen, meistens nachts.
Schwerer Abschied
Birgit Müller - 10. April 2026, 12:12
Meine Mutter Barbara Müller berichtet über die Vertreibung aus Ranzengrün (früher Kreis Karlsbad, später Kreis Kaaden / Sudetenland) und die Flucht nach Bayern.
Trotz des oft schwierigen Lebens während des Krieges war meine Mutter im Egerland sehr glücklich und liebte die Natur und ihre Haustiere. Als nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Vertreibung der deutschen Einwohner aus dem Sudetenland begann, war das für meine Mutter ein schwerer Schicksalsschlag; sie sagte, dass sie am Vorabend noch hinaus auf die Weide rannte und jeden Baum ein letztes Mal umarmte, bevor sie für immer gehen musste.
Meine Mutter Barbara Müller erzählt:
Am 13.09.1946 wurden wir (meine Eltern, einige meiner Geschwister und ich) in aller Früh mit einem Lastwagen abgeholt und nach Karlsbad-Meierhöfen in ein Lager gebracht. Das Vieh (Kühe, Ziegen, Hühner und Schweine) blieb im Stall. Der Hund an der Kette bellte wie verrückt. Mitnehmen durften wir 70 kg pro Person, es war ja schon die sog. „humane Ausweisung“. Die Leute vor uns durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Im Lager blieben wir eine Woche unter widrigen Umständen. Die sanitären Anlagen und Toiletten waren verstopft, überall stand das Wasser. Wir waren in Barracken untergebracht, mehrere Leute in einem Raum. Es gab Stockbetten und Matratzen, keine Decken.
In der Früh waren wir von Wanzen zerstochen. Zum Essen gab es nicht viel – wir sollten ja selbst für eine Woche Verpflegung mitnehmen – es bestand hauptsächlich aus Brot. Ab und zu bekamen wir Eintopf oder Suppe und Tee.
Nach einer Woche wurden wir im Viehwaggon über die Grenze nach Bayern gebracht (30 Personen mit Gepäck in einem Waggon). In Wiesau wurden wir mit DDT-Pulver am ganzen Körper eingepudert und entlaust. Bei manchen Transporten wurden den Deutschen die Haare völlig abrasiert und sie wurden bis zur Grenze gebracht, von dort aus mussten sie zu Fuß flüchten. Das blieb uns wenigstens erspart und weiter ging es nach Bamberg für drei Tage. Wir waren in einer Turnhalle untergebracht (unweit von der Brücke mit der Kunigunde). Das Essen mussten wir uns zu Fuß abholen.
Wir wurden nach drei Tagen nach Dambach bei Fürth transportiert. Zum Essen gab es meist kalte Kartoffeln in der Schale und dazu Sprotten.
In einem Café blieben wir dann drei Wochen, bis wir auf verschiedene Orte verteilt wurden. Wir kamen nach Tuchenbach, 12 km von Fürth entfernt. Ich begann von 1947 – 1949 eine Lehre als Betriebshandstickerin in Emskirchen.
Wir blieben bis November 1949 in Tuchenbach, dann zogen wir nach Pentenried (Landkreis Starnberg, Bayern) in das Haus einer meiner Brüder.
Harte Zeiten
Birgit Müller - 10. April 2026, 12:06
Ich erzähle von den Erfahrungen einer meiner Tanten, die sie nach Kriegsende 1945 gemacht hat.
Auch meine Tante Lotte hatte mit ihrer Familie schlimme und harte Zeiten durchgemacht. Tante Lotte stammte aus Habstein (Jestřebí), ca. 150 km von Ranzengrün entfernt.
Meine Tante erzählt:
Es war im Jahr 1945, der Krieg war aus und ich war im 21. Lebensjahr. Wir hatten viel mitgemacht, u.a. den Einmarsch der Russen, was sehr schrecklich war. Mein Vater hat uns Frauen vor den Russen versteckt aus Angst vor Vergewaltigungen. Vater war allein im Haus. Die Russen brachten ihm hunderte Eier, die er ihnen braten musste. Dazu floss Schnaps in rauen Mengen; die Russen hatten immer Schnaps. Vater musste einen Zeitpunkt abwarten, um uns unbemerkt Essen bringen zu können. Die Russen suchten ständig nach Frauen – Vater musste vorsichtig sein.
Als dann die schreckliche Zeit mit den Russen vorbei war, kam das Schlimmste: aus der Tschechei kamen Autos mit der Aufschrift „Revanche“. Eines Tages kam ein tschechischer Polizist zur Hausdurchsuchung. Er fand eine Hakenkreuzfahne im Kleiderschrank. Als mein Vater aus der Arbeit kam, fuhr ein Omnibus vor. Man lud alle Männer auf und brachte sie ins Konzentrationslager. Frauen und Kinder waren allein. Wir ließen einmal die Haustüre auf und schon kam ein tschechisches Ehepaar und besetzte unser Haus. Wir durften nicht mehr auf’s Klo, alles schlossen sie ab. Wir hatten oben 1 ½ Zimmer. Da wir wussten, dass wir fortgehen mussten, haben wir versucht, von unseren Sachen wenigstens 30 kg einzupacken. Wir durften nur 80 kg mitnehmen. Da muss man Bettzeug und Wäsche und alles, was man so braucht, zusammenpacken. Als wir dann vor unserem Gepäck saßen, wollten uns die Tschechen noch etwas davon wegnehmen. Ich riss das Fenster auf und schrie auf Tschechisch, dann auf Russisch, um Hilfe. So ließen sie von uns ab. Danach mussten wir zur Sammelstelle. Dort wurden wir gefilzt. Mein Bruder hatte meine Zeugnisse in der Hosentasche. Diese nahmen die Tschechen und zerrissen sie und lachten: „Jetzt gehen du arbeiten, wenn du kein Zeugnis hast!“ Nachdem kein Transport nach Deutschland ging, brachten uns die Tschechen in ein Konzentrationslager. Wir hatten einen winzigen Raum, den wir mit noch einem Ehepaar teilen mussten. In der Nacht kamen die Wanzen. Ich wurde sehr krank, schwere Kopfgrippe. Man hat mich ins Krankenhaus gebracht. Weil ich eine Deutsche war, durfte ich das Bett nicht für mich allein haben, man legte mir noch eine andere Deutsche dazu. Meine Mutter hat im Krankenhaus gearbeitet und versucht, mir Essen zu bringen, aber ich konnte nicht viel essen. Nachdem lange kein Transport nach Deutschland ging, brachte man uns wieder in meinen Heimatort Habstein zurück. Wir kamen dort in ein Armenhaus und trafen auf eine Familie, die Häuser besaßen und sie wurden zu einer befreundeten Familie. Der Mann arbeitete auf dem Bürgermeisteramt und er ließ mich wissen, dass ich flüchten solle, denn die jungen Mädchen sollten eingesperrt werden. Glücklicherweise bekam ich einen Brief von meinem guten Freund Alfred. Er hatte gehört, dass es uns so schlecht ging und er schrieb, dass ich ins Egerland in seine Heimat Ranzengrün kommen solle. Aber wie sollte ich das machen?
Zugfahren war für uns Deutsche verboten! Wir mussten als Erkennungszeichen eine weiße Armbinde tragen.
Da ich ein mutiger Mensch bin, wagte ich es, in einen Zug zu steigen und ich kam bis Brüx (Most). Dort hat man mich aus dem Zug geholt. Der Fahrdienstleiter hatte jedoch viel zu tun und war abgelenkt – während er telefonierte, kamen zwei ehemalige deutsche Soldaten und es fuhr gerade ein anderer Zug ein. Die Soldaten packten meine Sachen, halfen mir auf den Zug und weg war ich! Ich musste in Wickwitz (Vojkovice) durch den Wald gehen, in dem die Russen lagerten. Es ging alles gut. Lange musste ich zu Fuß gehen, um nach Rodisfort zu gelangen. Dort hat Alfreds Schwester, gewohnt. Ich blieb eine Nacht bei ihr und am nächsten Tag in der Früh liefen wir zusammen nach Ranzengrün – das dauerte ca. ein bis zwei Stunden.
Eines schönen Tages kam Alfred über die Grenze nach Ranzengrün zurück und am nächsten Tag ging ich mit ihm zusammen über die Grenze nach Deutschland. Wir wurden beschossen. Alfred war ein erfahrener Soldat – er wusste, was zu tun war – und wir haben uns hingelegt und unter Sträuchern versteckt. In Bayern angekommen, musste ich mich vor der Militär-Polizei verstecken, ich hatte ja keine Papiere und die Amerikaner waren genau.
Zwischenzeitlich sind meine Eltern mit dem Viehwaggon nach Schwaben gekommen. Mein Bruder war damals 15 Jahre alt und musste für die Russen Kühe treiben. Danach kam er als Bauernknecht zu den Tschechen und musste vor dem Stall schlafen. Wenn gebadet wurde, badeten zuerst fünf Tschechen und dann zum Schluss der Deutsche. Als mein Bruder dann schließlich zu den Eltern kam, hatte er abertausend Flöhe.
Aber, wir haben alles überlebt – Krieg und Bomben, Russen, Tschechen. Danke, lieber Gott!
Eine abenteuerliche Flucht
Birgit Müller - 10. April 2026, 11:58
Ich berichte über die Erinnerungen einer Anverwandten aus Hermsdorf (Kreis Böhmisch-Leipa), Sudetenland.
Die Familie meiner Tante Ilse wurde erst ganz zum Schluss ausgewiesen; da sie in Hermsdorf (Heřmanice) ein Lebensmittelgeschäft führten, mussten sie zunächst im Ort bleiben, damit die Infrastruktur gewährleistet war. Die Menschen, welche zuletzt vertrieben wurden, durften nicht einmal mehr ihre Pässe oder Geld mitnehmen, sie waren völlig mittellos. Ilse hatte jedoch vorgesorgt: schon Monate zuvor hatte sie, wenn im Laden etwas verkauft wurde, heimlich Geld abgezweigt und die Scheine in den doppelten Boden ihrer Reisetasche eingenäht. Das war höchst gefährlich und wäre schwer bestraft worden, wenn es das Militär entdeckt hätte.
Ilses Eltern wurden nach Oschersleben (damals Ostzone bzw. DDR) verbracht, aber Tante Ilse entschloss sich vorher zu einer abenteuerlichen und lebensgefährlichen Flucht über die Grenze nach Westdeutschland:
Sie fuhr mit einem LKW mit und musste dem Fahrer dafür ihren kompletten Proviant geben. Der Fahrer schmiss Ilse auf der Anhöhe eines Berges kurzerhand aus dem Wagen, da er glaubte, sie hätte sich während einer Pause an dem LKW zu schaffen gemacht. Nun stand Ilse allein da und hatte Glück im Unglück: sie traf auf Zigeuner, welche Schwarzhandel betrieben, sich gut im Grenzverkehr auskannten und Ilse mit auf die Reise in den Westen nahmen.
Ihren Ehemann lernte Tante Ilse bereits in ihrer Heimat kennen. Sie blieben ständig in Kontakt, kamen nach Kriegsende in München wieder zusammen und bauten sich eine Existenz in Pentenried (Landkreis Starnberg/Bayern) auf.
Ilses Eltern wurden später im Rahmen der Familienzusammenführung nach Pentenried übersiedelt (so wie meine Oma Anna und mein Opa Franz nach Unterpfaffenhofen-Germering, im Landkreis Fürstenfeldbruck/Bayern, geholt wurden).
Die Zeit während des Zweiten Weltkrieges
Birgit Müller - 10. April 2026, 11:47
Es handelt sich um eine Erzählung meiner Cousine Rosl, die 1939 erst 16 Jahre alt war und bereits Schlimmes gesehen und erlebt hatte.
Als am 01.09.1939 der Zweite Weltkrieg begann, wurde das Leben in Ranzengrün, dem Heimatdorf meiner Mutter Barbara Müller, noch schwieriger und es brachen düstere Zeiten an. Mein Opa musste Gott sei Dank nicht mehr in den Krieg ziehen, denn er war bereits 55 Jahre alt und sollte die Landwirtschaft aufrechterhalten. Als Bürgermeister war er außerdem dafür verantwortlich, im Dorf die Panzersperren zu errichten – genutzt haben sie leider nichts.
Meine Cousine Rosl erzählt:
Die Heimat meiner Mutter Rosa, das Sudetenland, war vor dem Zweiten Weltkrieg unter tschechischer Verwaltung. Die Männer mussten den Wehrdienst bei den Tschechen ableisten. Damals war es Vorschrift, dass ein Soldat vor dem 21. Lebensjahr nicht verheiratet sein durfte, auch wenn er ein Kind hatte.
Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen bis etwa Juni/Juli 1945 „Freiwild“ – die siegreichen Mächte konnten über sie verfügen, wie über eine Ware. So kamen Russen oder Tschechen und suchten junge Mädchen, um sie zu vergewaltigen. Da ich gerade 16 Jahre alt war, war ich ständig in Gefahr. Aus diesem Grund trug ich ausschließlich Männerkleidung mit Hut oder Mütze, darunter versteckte ich meine langen Zöpfe. Meine kleineren Geschwister waren angewiesen, mir sofort Bescheid zu geben, wenn sich fremde Männer dem Hof näherten. Einmal war ich gerade am Bach, als ich gewarnt wurde, so sprang ich kurzentschlossen in sehr hohe Brennnessel, bis die Männer sich entfernt hatten. Ein anderes Mal versteckte ich mich im Heu, um nicht entdeckt zu werden. Die russischen Soldaten hatten sich kundig gemacht und wollten nicht ohne Mädchen den Hof verlassen. Sie suchten in Haus und Hof nach mir. Dabei stachen sie mit einer langen Gabel im Heu herum, um mich in meinem Versteck ausfindig zu machen. Ich konnte den Zinken der Gabel schon sehen, wurde aber zum Glück nicht entdeckt!
Mein Bruder Kurt, der damals erst 13 Jahre alt war und ich wurden von den Tschechen zu Hause abgeholt und mussten im Wald arbeiten. Untergebracht waren Mädchen und Buben getrennt, jeweils bei deutschen Familien, die ein Zimmer für die Kinder bereitstellen mussten. Am nächsten Tag kamen wieder die Tschechen und machten eine Hausdurchsuchung, sie wollten z.B. Schmuck oder sonstige Wertsachen finden, um gegen die Deutschen mit Gewalt vorgehen zu können. Schließlich verlangten sie nach Rahm (Sahne). Die Frau konnte ihnen aber keinen Rahm geben, weil sie die Milch an die Molkerei abgeliefert hatte. Weil sie die Wünsche der Tschechen nicht erfüllen konnte, wurde die Frau zuerst die Treppe hinuntergestoßen und anschließend an den Haaren mit dem Gesicht nach unten über die Straße geschleift und dann mit einem großen Prügel geschlagen, bis sie keinen Laut mehr von sich gab. Schließlich ließen sie von ihr ab. Die schwer verletzte Frau schleppte sich mit letzter Kraft ins Feld hinaus, um nicht noch einmal diesen Peinigern in die Hände zu fallen. Am Nachmittag kam der Soldat zurück und suchte noch einmal nach ihr. Was aus dieser Frau geworden ist, weiß ich nicht, aber wahrscheinlich ist sie an ihren schweren Verletzungen gestorben.
Keine schöne Kindheit
Birgit Müller - 10. April 2026, 11:38
Ein kurzes Interview mit meiner Mutter Barbara Müller. Sie stammte aus dem Sudetenland, aus Ranzengrün (zunächst Kreis Karlsbad, dann Kreis Kaaden).
Einmal fragte ich meine Mutter Barbara Müller:
„Was war dein schönstes Kindheitserlebnis? Was war besonders schön in der Heimat?“
Sie antwortete: „Da haben wir keine schönen Erlebnisse gehabt… Wir haben alle am Tisch gesessen, der Vater an der Schmalseite, danach die Mutter und dann ich und da hat er mir Augen hingemacht, wenn ich nicht gegessen habe, denn ich habe immer mit der Mutter gegessen. Ich habe schon meinen Teller gehabt, aber die Mutter hat mir dabei geholfen, wenn der Vater nicht hingeschaut hat, weil ich einfach nicht so viel gegessen habe; ich habe keinen Hunger gehabt, ich weiß auch nicht warum... wir haben auch am Hof mithelfen müssen, den Hühnerstall ausmisten oder so was ähnliches haben wir immer machen müssen.“
Als ich sie fragte, ob sie sich über etwas Bestimmtes oder einen Besuch von jemanden jedes Mal sehr gefreut hat, sagte sie: „Zu uns ist niemand gekommen.“
Dann meinte sie noch abschließend: „Ich war dauernd an der Mutter ihrem Kittel gehängt, an ihrer Schürze, immer war ich bei der Mutter.“
