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29 Heimatvertriebene aufgenommen
Frau Zach, Jg. 1938 - 27. Juni 2025, 16:32
Ich war sechs Jahre alt in 45er Jahr am 6. Juni, da haben wir haben wir auf einer Wiese gearbeitet, und da ist ein Zug von Menschen auf der Straße runtergekommen von der anderen Ortschaft. Da hab ich noch zehn Kilometer von der Grenze in meinem Elternhaus gewohnt. Mein Vater war damals Ortsvorsteher, und wir haben eine neu gebautes Haus gehabt, wo noch niemand drin gewohnt hat. Und da war dann 29 Flüchtlinge aufgenommen. Da war von Holleschitz (Anm.: heute Holešice) der Bürgermeister dabei mit neun Kindern. Und der ist getragen worden auf so Brettern. Den haben die die Tschechen so geschlagen, dass er am ganzen Körper ganz blau war. Und der hat bei uns dann von Juni bis nächsten Juni, wo sie nach Deutschland gekommen sind, nur Pudding, Milch und Semmeln und Biskotten gegessen. Und bei uns hat er noch das Jahr gelebt und in Deutschland draußen ist er gestorben. Meine Mutter hat ihm damals alle Kopfpolster mitgegeben, die sind dann beim Hinauswandern im Juni in einen Viehwaggon hineingekommen, wo nichts drinnen war, nur in der Ecke ist ein Kübel gestanden für die Notdurft. Meine Mutter hat ihm für alle Kopfpolster und Decken mitgegeben und es wurde immer wieder betont, dass sie gut nach Deutschland gekommen sind, weil sie bei uns gut behandelt worden sind. Und wie sie hergekommen sind, hat meine Mutter gerade Brot gebacken. Zwölf Laibe, und die hab ich von unserem Haus zum anderen getragen und dazu eine Milch, und das ist dann meine Erinnerung an 45.
3. Essen in Kriegs- und Nachkriegszeit
Illi-3 - 22. April 2025, 11:32
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teil 3.
Bald nach Kriegsbeginn wurden Lebensmittel rationiert. Es gab Reichsnährmittelkarten, Reichsfleischkarten, Reichsfettkarten, Reichsbrotkarten, Reichsmilchkarten, Reichskarten für Marmelade, Zucker und Eier. Mit Kriegsfortschritt wurde es aber immer schwerer, selbst das zu bekommen, was einem per Karte zustand.
Aufgrund der anhaltenden Mangelsituation wurde die Rationierung auch von den alliierten Besatzungsmächten nach Kriegsende beibehalten. Man lernte mit Kalorien zu rechnen, für manche nicht ganz einfach: „I hob no nia Kalorien gessn und bin net varhungert“.) Man war darauf angewiesen, sich zusätzliche „Kalorien“ zu besorgen, sei es im eigenen Garten, durch „Hamstern“ bei Bauern, Abstauben auf Feldern oder durch Schwarzhandel, wobei die „Zigarettenwährung“ eine wesentliche Rolle spielte.
Schwerpunkt unserer Ernährung waren Kartoffeln und Mais. Brot nur aus „schwarzem (Roggen-)Mehl“. Weißbrot lernte ich das erste Mal Ende 1945 kennen, durch die englische Besatzung der russischen nachfolgte. Ich war enttäuscht, denn in meiner Vorstellung hätte Weißbrot süß sein müssen! Das schwarze Mehl wurde zur Herstellung der sogenannten „Einbrenn“ verwendet, mit der damals jedes Gemüse gestreckt wurde, um es ausgiebiger zu machen. Geschmeckt hat es mir nicht, aber ich hatte ja keine Wahl.
Kuchen, wenn überhaupt, backte meine Mutter aus Schwarzmehl, oder aus Mohrrüben oder Kartoffeln. Ich erinnere mich, dass sie mir nach meiner Polypen-Operation kurz vor Kriegsende liebevoll einen machte. Er war trocken und rau, aber ich war begeistert und berührt, und er war für meinen frisch operierten Hals sehr schmerzhaft.
In ganz besonderen Fällen war der Kuchen sogar mit Staubzuger zart bestäubt. Wenn sich dabei ein kleiner Zuckerbrocken bildete, dann erhielt ich den von meiner Mutter als „Extragabe“ in den Mund gesteckt, ein Glücksmoment.
Zucker wurde, soweit zu bekommen, durch Süßstoff, wie Saccharin, ersetzt. Ich musste lernen auf Süßes, wie die geliebten „Zuckerln“, zu verzichten. An echten Bienenhonig kann ich mich nicht erinnern, manchmal bekam man „Kunsthonig“. Einen bescheidenen „Ersatz“ haben wir Kinder entdeckt, zumindest im Sommer: Annähernd süß schmeckende Pflanzen, zum Beispiel die Blüten der Taubnesseln oder auch die allerdings säuerlich schmeckenden Blätter des Sauerampfers.
Milch kannte ich nur als Magermilch. Ich erinnere mich an „falsche Schlagsahne“, als besondere Attraktion bei besonderen Anlässen. Butter ein seltener Luxus, wenn es sie überhaupt gab. Auch hier erinnere ich mich an den gewaltigen Genuss, wenn mir meine Mutter als besondere seltene Gabe ein kleines Stück, ganz blank, ohne Brot, zusteckte, wie ich es ganz langsam im Mund zerrinnen ließ, in winzigen Portionen nach und nach hinunterschluckte. Eine Wonne! Wenn überhaupt, gab es Margarine, an Thea erinnere ich mich, auf Brot meist so dünn gestrichen, dass gerade die Löcher zugeschmiert waren.
Ein dünner „Ersatzkaffee“ aus Gerste oder Eicheln, „Muckefuck“ genannt, ersetzte den vom Markt verschwundenen Bohnenkaffee.
Dank der Früchte unseres Gartens, dank verwandtschaftlicher Unterstützung und dank eingesammelter Früchte aus den Wäldern hatten wir mit Süßstoff selbstgemachte Marmelade. Und um das Wachstum im Garten zu fördern, dienten die „Pferdeäpfel“, die auf den Straßen einsammelte, als Dünger.
Das Suchen und Brocken von wilden Beeren war eine selbstverständliche Tätigkeit für uns Kinder. Leistung an einem langen Tag bis zu 5 Liter Brombeeren oder 16 Liter Schwarzbeeren.
Mein eher als Rostlaube zu bezeichnendes Fahrrad, eingetauscht gegen unseren alten Kinderwagen, war wichtig, um das uns von Verwandten in Bruck geschenkte Gemüse und Obst nach Hause zu bringen. Die Fahrt auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße war eine Herausforderung, ohne Gepäckträger, so dass ich das, was es zu transportieren galt, im Rucksack zum Teil auf dem Rücken und zum anderen Teil in einem voluminösen Paket auf der Stange zwischen meinen Beinen hatte, was eine äußerst unbequeme, o-beinige Fahrweise erforderte. Dazu kam noch das dauernde Nachpumpen, denn die Fahrradschläuche hielten die Luft nur kurze Zeit, sie bestanden fast nur noch aus schlecht klebenden Flicken. Und sich noch einen „Patschen“ einzufangen, kam öfters auch noch dazu.
Aus den Wäldern holten wir auch Herrnpilze und Eierschwammerln, ich mit großer Begeisterung. Es waren die seltenen schönen Gelegenheiten, die ich mit meinem Vater verbringen durfte, denn daheim sah ich ihn selten, er war meist, auch sonntags, bei seiner beruflichen Tätigkeit.
Hauptnahrungsmittel war die Kartoffel, jährlich zugeteilt. 1944/45 ein ¾ kg pro Kopf und Woche, also ca. 25 kg für neun Monate, die wir kühl gelagert im Keller halten mussten, in der Hoffnung, dass im nächsten Sommer noch etwas übrig war, außer den nun gewachsenen Trieben. Auch Äpfel wurden über den Winter gelagert, und wenn man Glück hatte, wurden sie nicht ganz verrunzelt oder sogar faul.
Eine Chance, unseren Kartoffelvorrat etwas aufzubessern, lag darin, abgeerntete Felder nach Resten abzusuchen. Ich sehe noch meine Mutter und mich in der Abenddämmerung gebückt dahingehen, den Blick angestrengt auf die Erde gerichtet, um nichts zu übersehen. Man brauchte Geduld und Glück, um fündig zu werden, wobei ein gelegentlicher Griff in ein noch nicht abgeerntetes Feld doch mit einem schlechten Gewissen verbunden war.
Besonders erinnere ich mich auch an das, was wir die „gelbe Gefahr“ nannten, an den Sterz, auch als Polenta, Mais oder als Kukuruz bekannt, man könnte Mais sogar als überlebenswichtiges Lebensmittel einstufen. Meine Mutter war äußerst kreativ, sie setzte den Mais für zahlreiche Speisevarianten ein: Brot aus Maismehl, Suppen, der übliche bröckelige oder auch dünnflüssigen Sterz, manchmal mit Süßstoff gesüßt auch als „Mehlspeise“, alles mehr oder weniger gelb aussehend.
Und hier unser weihnachtliches Festmenü 1945: Gemischter Salat mit Wurst und dunklen Semmeln. Und der Stephanitag wurde mit Ersatzkaffee und falschem Schlagobers begangen.
Außer mit der Lebensmittelkarte konnten Lebensmittel auch im Tauschhandel, nach Kriegsende auch am Schwarzmarkt erworben werden. Um dazu „Zigaretten-Geld“ zu kreieren, lernten wir, solche selbst herzustellen: Anpflanzen in unserem Garten, gut gedüngt mit den gesammelten Pferdeäpfeln, Auffädeln und Trocknen der Blätter auf Schnüre, Bestreichen mit Zuckerwasser, Zusammenlegen zu fingerdicken Stößen, Erhitzen im Backrohr, Schneiden und Eindrücken in leere Zigarettenröhrchen.
Den Respekt vor dem, was auf dem Teller ist, den sparsamen Umgang mit Essen, haben wir damals sicher gelernt. Auf dem Teller etwas überzulassen, gab es nicht, wäre unvorstellbar gewesen, ebenso etwas nicht zu essen, auch wenn es gar nicht schmeckte. Sogar den Teller abzulecken, wurde manchmal toleriert, weil es im Sinne einer rationellen Essensverwertung lag.
Im Sommer 1945 und 1946 konnte ich zur Unterstützung der Nahrungsmittelversorgung meiner Familie etwas beitragen, indem ich ihnen meine Lebensmittelkarte überlassen konnte, weil ich jeweils zwei Monate als „Bauernknecht“ in der Weststeiermark im Einsatz war. Der erste begann zu Ferienanfang einen Tag vor meinem 12. Geburtstag . Es war harte Arbeit, speziell für einen eher unterernährten Zwölfjährigen, aber ich machte sie gern und ich bekam ausreichend zu essen. In einem Brief schilderte ich es meiner Großtante: „Täglich um 6,30 aufstehen, mit dem Rad der Tante Resi (die Bäuerin) fahr ich Milch abliefern, dann Grünfutter holen in einem Schubkarren für die Kühe und Schweine, mittags und abends Stall ausmisten, beim Kühe füttern helfen und Schweine, Hasen und Hühner füttern. Am Vor- und Nachmittag verschiedenes: In der ersten Zeit bei der Weizenernte: Bänder machen, die Garben zusammenbinden, zusammentragen, auf Gerüste binden. Dann begann die Heuarbeit: Mähen wurde mir nicht beigebracht, aber das Gras auseinander streuen, zu Mittag wird es umgedreht und abends auf Wände (Holzgestelle) aufgehängt. Nach einigen Tagen dann wird es von den Wänden auf einen Leiterwagen geladen, der von einer Kuh gezogen in die Scheune gefahren wird. Meist aber wurde die Kuh geschont, wegen ihrer Milchproduktion, und wir schoben den Heuwagen selbst, vorne in den Deichseln der alte Bauer und ich hinten. Es ging mit Karacho den Berg hinunter und unten über eine schmale Brücke, die erwischt werden musste, über den Bach. Später im Jahr dann Äpfel brocken. Danach kam auch der Mais dran: wird gebrochen und dann geschält. Bei der Weinlese war ich dann nicht mehr dabei, musste nach Hause in die Schule.“
Bei diesem Einsatz passierte es, dass ich beim „Rübenhauen“ meinen linken Fuß traf. Ein Stück Haut und Fleisch flog auf das Feld, zur Freude eines Huhns. Die Wunde blutete stark. Zum Arzt gehen war nicht vorgesehen. Man fand rasch eine passende Betätigung für mich, sitzend, das Bein hochhaltend: Mohn „Auskiefeln“. „Untätiges Herumlungern“ war eben auch nicht drin.
Im Blick vom Heute zurück in diese Zeit möchte ich bemerken, dass ich nicht bedaure, diese Zeit des allgemeinen Mangels erlebt zu haben. Sie hat bis heute noch Spuren hinterlassen.
Man lernte, mit buchstäblich allem sparsam umzugehen und auf eine eventuelle weitere Verwendung zu achten, eben mit dem zurecht zu kommen, was man hatte.
Ein bildhaftes Beispiel dazu: Ich drücke jede von mir benützte Tube bis zum letzten Rest aus, oder schneide sie auf, um den Rest verwerten zu können. Und wenn ich irrtümlich zu viel herausgedrückt habe, dann versuche ich, es wieder zurück in die Tube zu ziehen!
Das Wort „Nachhaltigkeit“ gab es damals nicht, aber man hielt sich daran. Heute wird dieses Wort viel gebraucht, aber es wird kaum danach gelebt.
4. Was gab es noch im Krieg und danach
Illi-4 - 22. April 2025, 11:35
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teil 4.
In Zeiten der Not hat Kleidung keinen modischen Stellenwert. Kleidung jeder Art, Stoffe, Wolle, neu zu kaufen, war kaum möglich, selbst mit Bezugsschein, der "Reichskleiderkarte", gab es nur wenig. Obwohl es an allem fehlte, schaffte man es doch, nicht nackt, sondern eben mit alten, x-mal reparierten oder umgenähten Klamotten herumzulaufen. Man war froh, überhaupt etwas zum Anziehen zu haben, bei Kindern, wenn es „noch“ oder „in etwa“ passte, und geflickte Sachen mussten selbstverständlich weitergetragen werden, zu klein gewordene Kleider und Schuhe wurden an jüngere Geschwister oder Kinder von Verwandten und Bekannten weitergegeben. So „erbte“ mein jüngerer Bruder manches von mir, und ich wiederum von meiner älteren Schwester. Etwas auszusortieren, weil es nicht mehr schön war oder nicht mehr gefiel, war undenkbar.
Auch im Winter trug ich als Bub dieselbe kurze Lederhose wie im Sommer und dazu lange Strümpfe, die von einem „Strumpfbandhalter“ festgehalten wurden, womit ich mich jedoch gar nicht wohlfühlte. Der Vorfall bei unseren Schießübungen, davon habe ich an anderer Stelle berichtet, hinterließ in meinem Strumpf zwei kleine Löcher. Diese wurden natürlich „gestopft“. Diese Strümpfe musste ich noch einige Jahre weitertragen, wuchsen aber mit mir nicht mit, so dass die beiden Löcher allmählich nach unten wanderten! Strümpfe-Stopfen, was ich zur Entlastung meiner Mutter auch lernen musste, war eine Notwendigkeit, es konnte so weit gehen, dass ein Strumpf schließlich fast nur noch aus „Stopfe“ bestand.
Nicht mehr reparables Gestricktes wurde aufgetrennt und aus der Wolle etwas Neuers gestrickt. Aus kleinsten, auch schäbigsten Stofffetzen fabrizierten meine Mutter, meine Großmutter und meine Großtante mit viel Geschick Kleidungsstücke, und wenn das nicht möglich war, dann wurde zumindest noch zur Selbstherstellung hergestellt. Man hatte auch kein Problem damit, ein zu kurzes Kleis mit einem ganz anderen Stoff zu verlängern. Wie etwas aussah, war nicht wichtig, Hauptsache, man hatte wieder etwas zum Anziehen.
Schuhe wurden x-mal neu besohlt, bis die Löcher zu groß waren. Ein Loch vorne konnte es aber ermöglichen, den Schuh länger zu tragen, wenn der Fuß schon darüber hinausgewachsen ist.
Eine anschauliche Vorstellung gibt das folgende Zitat aus einem Brief meiner Mutter an unsere Großtante: „ …der Kleine hat nichts mehr anzuziehen, besonders keine Hosen. Am meisten Jammer ist es mit den Schuhen. Alle 3 haben nichts mehr, keine Reparatur seit fast einem Jahr, von neuen gar nicht zu reden. Das Mädchen trägt meine und Mutters Schuhe, den Bub kann ich bald nicht mehr in die Schule schicken. Er trägt Mädchenschuhe mit hohen Absätzen. Der Kleine hat nur ein einziges Paar und ich zittere schon, wenn sie kaputt gehen. Er geht doch so gerne hinaus. Sockerln für den Sommer hat er auch nicht mehr, sind zu klein. Alles geht aus und nichts kann man anschaffen. Wenn es nur bald warm werden würde, dann können die Buben barfuß gehen. …“
Noch zwei kurze Stellen aus Briefen meiner Mutter: „ …. Die Matratzen in unseren 2 Betten sind nur noch Fetzen,“ und „ …. Vielleicht hast Du noch ein Handtuch, aus dem man ein Hemd schneidern könnte?“
Die schlechte Versorgungslage betraf auch die Brennstoffe. Kohle und Holz zur Beheizung der Öfen und Herde wurde nur in beschränkter, rationierter Menge zugeteilt. Es gab lange Wartezeiten und nur Braunkohle in schlechter Qualität, das heißt mit hohem Aschegehalt und beim Brand die Luft verpestend. Mit großen Plakaten, einen schwarzen Mann mit einem Auge, einen Sack tragend darstellend, der "Kohlenklau“, wurde zu Sparsamkeit aufgefordert.
Die Zuteilung des Brennstoffs erhielt man im Herbst, vor das Haus auf den Gehsteig geworfen und es gehörte wiederum zu meinen Aufgaben, das Ganze durch das Kellerfenster in den Keller zu schaufeln und später imder Gebrauchsfall in Eimern nach oben in die Wohnung zu tragen. Damit es über den Winter, die meisten waren sehr kalt, ausreichte, musste sehr sorgfältig damit umgegangen werden. Das heißt, wir heizten nur den Kachelofen im Wohnzimmer und diesen auch nur im Bedarfsfall ein. Somit war der einzige durch den Kohleherd einigermaßen warme Raum die Küche, in der sich im wesentlichen unser Leben abspielte. Natürlich zogen wir uns daheim auch wärmer an.
Und der ebenfalls kohlebeheizte Badeofen wurde höchstens jeweils am Freitag angeschürt, das war Badetag für alle. Zur Reinigung diente Kernseife. Der letzte Seifenrest wurde auf ein neues Stück Seife geklebt, um nichts zu vergeuden.
Nichts, was wir benützten, durfte weggeworfen werden, sondern wurde für eine eventuelle Wiederverwertung sorgfältigst aufgehoben. Papier gab es in Form der einen Zeitung, dem „Völkischen Beobachter“, selten als Einwickelpapier oder Sackerln, - Kunststoff kannte man noch nicht. Die Geschenke für Weihnachten und Geburtstage waren im selben Papier eingewickelt und mit denselben Bändern verschnürt, die schon in den Jahren davor dafür eingesetzt waren. Papierreste diente zum Feuermachen im Herd und im Ofen. Zeitungspapier, entsprechend klein zugeschnitten und weichgerubbelt war unser Toilettenpapier. Die schwarz verfärbten Unterhosen waren dabei das geringere Übel.
Zahnstocher wurden aus abgebrannten Zündhölzern geschnitzt. Zahnpasta Tuben wurden aufgeschnitten, um an den letzten Rest ihres Inhalts zu gelangen. Runde Metallblättchen, mit Schrauben festgehalten, dienten zum Verschließen von Löchern in Pfannen und Töpfen. Dies sah nicht besonders attraktiv aus, aber die Töpfe waren wieder funktionsfähig. Auch dies zählte zu meinen Aufgaben im haushalt.
Natürlich musste auch mit Strom gespart werden. Oft war er abgeschaltet, meist zur Hauptzeit. Möglichst schwache Glühbirnen waren angebracht, 40 Watt, mit 60 Watt-Birnen hatte man schon ein schlechtes Gewissen. Dass das Licht nur dann brannte, wenn man es wirklich brauchte, war selbstverständlich. Lampen brennen lassen, ohne sie zu brauchen, war eine große Sünde! (Und ist eds auch noch!)
Zur Korrespondenz: Jemanden eine Nachricht zukommen zu lassen, da brauchte man Geduld. Eine Post gab es, aber sie war nicht zuverlässig und dauerte nicht Tage, sondern Wochen, vor allem nach Kriegsende, da alles von den Besatzungsmächten kontrolliert wurde. Das führte oft zu besorgten, sich oftmals überschneidenden Rückfragen. Ein Telefon in unserer Wohnung habe ich nicht erlebt. Damals hatten es nur die Wehrmacht und Behörden. Die Vorstellung, mit jemanden zu reden, den ich gar nicht sehe, war mir ohnehin nicht geheuer. Für dringende Informationen ging man zur Post und sendete ein Telegramm oder telefonierte von dort, aus Kostengründen tunlichst beschränkt auf wenige Worte.
Spielsachen, wie man sie heute kennt, waren ebenfalls absolute Mangelware. Entsprechend spärlich waren immer die Gabentische. Dank der regelmäßig von mir an meine Großtante in Linz gerichteten schriftlichen Berichte kann ich heute nachlesen, was ich z. B. 1945 zu Weihnachten bekommen habe: ein Puppenkasten zur Aufbewahrung meiner Bastelwerkzeuge, drei Bücher (Der Löwe von San Marcus, Das Geheimnis der RA 113 und Fridtjof Nansen), ein Teller Kekse (aus Roggenmehl), ein Stück Torte, ein Luftkampfspiel. Das war`s und machte viel Freude! Ja, ein Teller Kekse war schon etwas Besonderes! Ich fühlte mich ausreichend beschenkt.
Gegenseitige Besuche, wie z.B. Geburtstagseinladungen, kannte ich nicht. Der soziale Kontakt mit anderen Kindern fand im Wesentlichen im Hof hinter dem Haus und auf der Straße statt. Es waren immer genügend Kinder aus unserem Haus und der Nachbarschaft da, mit denen ich „Verstecken“, „Tempelhupfen“, „Schneider-leih-mir-die-Schere“, „Zur-Suppe-greift“ oder auch Völkerball spielte. Oder wir spielten ganz einfach „Familie“, mit verteilten Rollen. Oder „Ringel-Ringel-Reihe“.
Ein beliebtes Spielgerät war die sich üblicherweise in jedem Hof befindende „Klopfstange“, ihr eigentlicher Zweck, die Teppich-Reinigung, für uns Kinder war sie ein intensiv genutztes Turngerät.
80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs usw.
Rosemarie Philomena Sebek - 7. Mai 2025, 14:36
Ich, Rosemarie Philomena Sebek, geb. 1939, erlebte den Zweiten Weltkrieg, die Besatzung und die Unterzeichnung des Staatsvertrags.
80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs,
70 Jahre „Österreich ist frei“.
Ich, als uneheliches Kind im Dezember 1939 geboren, habe den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende und den Abzug der Alliierten erlebt.
Ab April 1944 war meine Mutter mir mir evakuiert in Kalchgrub bei Schärding, Oberösterreich.
Da sich die Bombenangriffe durch die Alliierten vor allem auf Städte konzentrierten, ging man daran, Frauen mit kleinen Kindern aus den Ballungszentren zu evakuieren, das heißt in ländliche Gebiete zu verschicken. Dort war es sicherer, hieß es, und die Menschen konnten besser mit Lebensmitteln versorgt werden.
So kam es, dass ich die Zeit zwischen meinem vierten und sechsten Lebensjahr auf dem Land verbrachte.
Während der Zeit unserer Evakuierung fuhren wir einige Male nach Wien, wo mir mulmig zumut war, wenn Erwachsene in Hektik gerieten, da Sirenen heulten und im Radio der Ruf des Kuckucks ertönte, womit Tiefflieger angekündigt wurden. Dann schnappte mich ein Familienmitglied und verfrachtete mich und den bereitstehenden Luftschutzkoffer, in dem sich Dokumente, Wertgegenstände und etwas Ersatzwäsche befanden, in den Luftschutzkeller, wo wir warteten, bis die Gefahr vorüber war und Entwarnung erfolgte.
Ich erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs in Oberösterreich, das von den Amerikanern erobert worden war.
Im Spätherbst 1945 übersiedelte meine Mutter mit mir wieder nach Wien. Und diese Rückreise gestaltete sich kompliziert. Notdürftig unser Hab und Gut zusammengepackt, fanden wir mit unserem Gepäck Platz in einem Zug nach Linz, wo ein Zwischenaufenthalt auf dem durch Bombentreffer stark beschädigten Bahnhof angesagt war. Dort verbrachten wir die Nacht in der Hoffnung, am nächsten oder übernächsten Tag werde die Weiterfahrt möglich sein. Es gab allerdings ein Problem. Wir hatten zwar gültige Bahntickets, jedoch keine amtlich bestätigten Reisebewilligungen. Trotzdem fanden wir am nächsten Tag Platz in einem überfüllten Zug und entgingen im allgemeinen Tumult genauer Kontrollen durch die Grenzsoldaten, sodass wir unbehelligt die Demarkationslinie passieren konnten und am gleichen Abend Wien erreichten.
Ich war glücklich, wieder bei meinem geliebten Großvater und bei meiner geliebten Großmutter zu sein.
Als ich nach meiner Rückkehr aus Kalchgrub zum ersten Mal wieder mit Großvater in die Innere Stadt fuhr, kam mir Wien wie ein riesiger Trümmerhaufen vor. Die Oper, der Steffel und das Burgtheater waren Ruinen. Von mancher Sehenswürdigkeit, die mir Großvater vor zwei Jahren gezeigt hatte, war außer Schutt nichts übrig geblieben.
Und überall begegneten wir Soldaten. Je nachdem, in welcher Zone wir uns befanden, waren es Russen, Amerikaner, Engländer oder Franzosen. Es gab allerdings eine Ausnahme: die Innere Stadt. Der erste Bezirk wurde als internationale Zone von den vier Alliierten gemeinsam verwaltet. Daher saßen dort Militärpolizisten aller vier Besatzungsmächte in einem Jeep, wenn sie auf Streife fuhren. Die „Vier im Jeep“ galten bald als Symbol für ein einzigartiges Arrangement der Großmächte in Europa.
Der zehnte Bezirk, in dem ich aufwuchs, unterstand den Sowjets. Bei der Befreiung Wiens vom Naziregime durch die Russen war es zu schlimmen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung gekommen. Plünderungen, Vergewaltigungen, Mord und Verschleppung. Freilich vermieden es Erwachsene, vor Kindern über diese Gräueltaten zu sprechen. Doch irgendwie erfuhren wir davon, zumal einige größere Kinder unmittelbar mit derartigen Übergriffen konfrontiert worden waren.
Gegenüber dem Wohnhaus meiner Großeltern befand sich eine Brotfabrik. Ein Teil dieses Gebäudes diente russischen Soldaten als Quartier. Eines nachmittags stand ich am Fenster und vernahm Geschrei und das Getrampel soldatischer Stiefel. Einen offenbar gestohlenen Brotlaib fest umklammert, lief ein etwa zwölfjähriger Junge den Gehsteig entlang. Hinter ihm, schreiend und wild ihre Waffen schwenkend, eine Schar russischer Soldaten. Es dauerte nicht lange, da hatten die Verfolger den Buben eingeholt und verabreichten ihm eine Tracht Prügel. Eine brutale Szene. Was, wenn sich die Soldaten in ihrem Zorn dazu hinreißen ließen, den Jungen zu verletzen, zu verschleppen oder gar zu erschießen? Gott sei Dank ließen die Russen bald von dem jugendlichen Missetäter ab, woraufhin dieser schluchzend davon rannte. Er durfte sogar den Laib Brot behalten. Schließlich wussten die Besatzer um die Hungersnot Bescheid, unter der die Bevölkerung litt. Einen offensichtlichen Diebstahl durften sie jedoch nicht ungestraft lassen.
Dieser Vorfall hatte meine Angst vor Soldaten vertieft, und ich vermied es, ihnen nahe zu kommen. Jetzt, nach Kriegsende, sehnten sich die Menschen nach einem Leben in Frieden. Nach dem Motto „Glücklich ist, wer vergisst …“, versuchten sie Leidvolles zu verdrängen und bevorzugten nostalgisch harmlose Unterhaltung.
Am 13. Mai 1946 fand die Hochzeit meiner Mutter mit Engelbert Schwarz statt. Von da an waren wir eine Vater-Mutter-Kind-Familie und ich hieß nicht länger Rosemarie Dubkowitsch, sondern Rosemarie Schwarz. Ich hatte nicht das geringste Problem, mich an die neue Situation, an einen Vater und an einen neuen Namen zu gewöhnen. Und er war für mich ein idealer Vater, später ein idealer Großvater für meine Töchter und ein idealer Urgroßvater für meine Enkelkinder.
Mein Vater war Schneider. In den vierziger, fünfziger und auch noch in den sechziger Jahren gab es kaum Konfektionskleidung zu kaufen. Daher nähten viele Frauen ihrer Kleider selbst. In Ausnahmefällen wurde eine Schneiderin aufgesucht. Für Männer war die Kleiderfrage nicht so einfach zu lösen, denn man muss viel vom Schneiderhandwerk verstehen, um einen Anzug nähen zu können. Mein Vater betonte stets, er sei englischer Schneider – also ein klassischer Herrenschneider, der ebenso klassische Damenkostüme nähen konnte. Er nähte mir hübsche Röcke, Mäntel und Kostüme. Für das Nähen meiner Kleider und Blusen war meine Mutter zuständig und ihre Schwester, Tante Grete, strickte für mich Westen und Pullover.
Nach 1945 wurde der Begriff „Wiederaufbau“ zum Synonym für Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Hoffnung beflügelte Menschen und spornte sie zu unglaublichen Leistungen an. Sie war auch die treibende Kraft, als die Wiener keine Anstrengungen scheuten, um ihre Stadt wieder erstehen zu lassen. Bereits im Jahr 1947 konnte der Betrieb des Riesenrads aufgenommen werden und im Dezember 1948 eröffnete Kardinal Innitzer das Langhaus des im Krieg ausgebrannten Stephansdoms, dessen völlige Instandsetzung im Frühjahr 1952 mit dem Geläute der neugegossenen Pummerin gefeiert wurde.
Ab 1951 besuchte ich die Frauenoberschule im Wiener Frauenerwerbsverein, die ich 1959 mit der Matura abschloss.
Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am 15. Mai 1955, unterzeichneten die Außenminister und Botschafter der vier Alliierten und der österreichische Außenminister Leopold Figl den Österreichischen Staatsvertrag.
Ich, damals 16 Jahre alt, war mit einigen Mädchen meiner Klasse in den Garten des Belvederes gepilgert, wo wir dichtgedrängt in einer unüberschaubaren Menschenmenge standen und gespannt nach dem großen Balkon des Schlosses blickten. Endlich öffnete sich das Tor des Marmorsaals und die schmächtige Gestalt Leopold Figls wurde sichtbar. Triumphierend schwenkte er das sowohl von Politikern als auch von der Bevölkerung heißersehnte Dokument. Unbeschreiblich der Jubel, in den wir ausbrachen. Österreich war frei! Für uns Jugendliche öffnete sich damals das Tor zu einem Leben in einer neuen unbekannten Art von Freiheit.
Laut Staatsvertrag endete am 25. Oktober 1955 die Frist für den Abzug der Besatzungstruppen aus Österreich. Zehn Tage zuvor wurde das Burgtheater mit Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ wieder eröffnet. Meine Deutschprofessorin hatte uns auf dieses Großereignis vorbereitet. Der Höhepunkt der Aufführung war der Auftritt des bereits greisenhaft wirkenden Raoul Aslan als Ottokar von Hornek. Es herrschte spannungsgeladene Stille im Zuschauerraum, als er zu Grillparzers berühmtem Lob auf Österreich und seine Menschen ansetzte:
„ … es ist ein gutes Land,
Wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwindet! (…)
Schaut rings umher, wohin der Blick sich wendet,
Lacht’s wie dem Bräutigam die Braut entgegen! (…)
Drum ist der Österreicher froh und frank,
Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden,
Beneidet nicht, lässt lieber sich beneiden …“
Zehn Tage danach, am 5. November 1955, erfolgte die feierlichen Eröffnung der Staatsoper mit Beethovens „Fidelio“. Ich lauschte mit Freundinnen der Lautsprecherübertragungen am Platz vor der Oper. Wir waren ergriffen von freudiger Aufbruchsstimmung. Die Zeit, da die Vier im Jeep in der Wiener Innenstadt unterwegs gewesen waren, gehörte endgültig der Vergangenheit an.
Webseite
https://de.wikipedia.org/wiki/Rosemarie_Philomena_Sebek
Social Media Seite
https://www.podcast.de/podcast/2876068/g039schichtn-aus-ramasurien
Abschiedslieder unterm Sternenhimmel
Gerlinde, Jg. 1943 - 9. April 2025, 09:57
Früheste Kindheitserinnerung: Das weiß ich erst hinterher, was da los war. Ich war bei meiner Oma bis zum dritten Lebensjahr. Und eines Nachts bringt sie mich zum Fenster, und weil ich noch so klein war, hat sie mich auf einen Schemel gestellt, dass ich rausschauen konnte. Und es war ein wunderschöner, sternenklarer Himmel. Und nach einer Weile habe ich Musik gehört. Lieder wurden gesungen, ich war gebannt. Und dann habe ich gesehen, wie viele, viele Leute im Takt vorbeimarschieren, das hat mir auch gefallen. Meine Oma hat nichts gesagt, aber ich hab gespürt... (...). Und hinterher habe ich erfahren, dass ihr jüngstes Kind vorbeimarschiert ist. Die wurden alle eingezogen, und das war der Abschied. Der Burschi war 19 und ist ein halbes Jahr darauf gestorben. Gefallen im Krieg.
Abtreibungen durch sowjetische Militärärztinnen
Josefa Trimmel, Jg. 1935 - 6. Mai 2025, 15:23
Beim Einmarsch der russischen Truppen in Schattendorf warfen die Soldaten freundlich Zuckerl auf die Straße. Doch es gab auch Misshandlungen und Vergewaltigungen. Sowjetische Militärärztinnen führten bei betroffenen Frauen, die schwanger wurden, Abtreibungen durch.
Abzug der Russen und Traumatisierte Männer
Eva Steininger - 9. Mai 2025, 15:22
In meiner Schulzeit gab es zwei Klassenzüge. Ein Zug war von 8 bis 12 Uhr und ich war im zweiten Klassenzug von 1 bis 4 Uhr Nachmittag. Es waren über 50 Kinder in der Schule in der Klasse. Es wurde ausgesprochen autoritär unterrichtet. Ich hab vom Unterricht ganz wenig mitbekommen, bin ganz hinten gesessen in den letzten Reihen. I Und dann 55 sind die Russen abgezogen. Das war wie ein Volksfest in Zwettl. Die Blasmusik ist gefahren, die Russen sind abgezogen, teilweise wurde gewunken und sind Freundschaften entstanden zu den Einheimischen. Aber man war sehr froh. Generell war man sehr froh, dass sie abgezogen sind. Ich habe in Erinnerung, es waren alle traumatisiert. Also ich glaube, alle Männer, die vom Krieg heimgekommen sind, waren verrückt oder hätten in ein Irrenhaus gehört. Aber die Situation war natürlich damals so, dass da erst diese Traumatisierungen noch gar nichts gewusst hat. Dann war große Not. Und für solche Einrichtungen gab es natürlich kein Geld. Man konnte ja nicht alle alle Männer in ein Irrenhaus geben. Aber als Kind habe ich in Erinnerung, wenn ich am Gehsteig oder auf der Straße gehüpft bin, auf den Pflastersteinen, so Tempelhüpfen. Und wenn ich da so plötzlich gehupft bin, dann habe ich eine Watsche von irgend jemandem, von einem Mann bekommen. Und wenn ich dann ganz verdutzt geschaut habe und überhaupt nicht gewusst habe warum, dann hat es geheißen: „Schau net so blöd, wennst weiter so blöd schaust, gibt´s noch eine!“ Also es war eine total brutalisierte Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Es ist allen Kindern gleich gegangen. Man kannte nichts anderes. Ich habe dann später einmal eine Mal und Kunsttherapie Ausbildung gemacht und da wurde mir dann sehr bewusst, dass ich ein typisches Nachkriegskind bin. Ich bin auch traumatisiert von meinem Vater. Er war sehr gewalttätig. Meine Mutter hat sich mit 72 Jahren dann von ihm scheiden lassen. Meine Mutter war eine Vierteljüdin und in Echsenbach in einem Sägewerk, einem Arbeitslager interniert. Sie war auch ziemlich gezeichnet von dieser Zeit. Und ich rede auch mit meinen Kindern und mit meinen Enkelkindern über diese Zeit. Und besonders die Enkelkinder sind sehr interessiert an das, an was ich mich noch erinnere und noch ist.
Acht Geschwister auf Kinderverschickung
Brigitte Lohinger, Jahrgang 1945 - 22. April 2025, 01:31
Schon im Alter von sechs Wochen erkrankte Brigitte Lohinger an der Ruhr, die dank der Hilfe eines jüdischen Arztes behandelt werden konnte. In den folgenden Jahren wuchs die Wiener Familie auf 8 Kinder an, und 1950 erkrankte der jüngste Bruder an einer Lungenentzündung. Die Familie hat Penicillin erhalten, was damals bemerkenswert war. Um die acht Kinder der Familie aufzupäppeln, wurden sie ins Ausland verschickt. Brigitte Lohinger selbst kam im Alter von fünf Jahren nach Südtirol, später in die Schweiz und schließlich nach Dänemark zu einer alleinstehenden Frau, die sich liebevoll um die Kinder kümmerte. Meistens wurde Brigitte Lohinger zusammen mit einem Geschwisterteil verschickt. Die Eltern wussten nicht, wo genau ihre Kinder untergebracht wurden. Wie konnten sie das aushalten? Dennoch schien es die einzige Möglichkeit zu sein, die Kinder zu versorgen. Brigitte Lohinger selbst hatte als Mädchen keine Schwierigkeiten mit der Situation, im Gegensatz zu einem jüngeren Brüder, der früh verstarb. Er hat die Belastung des Weggeschicktwerdens sein Leben lang mit sich getragen. Er wurde als kleines Kind ohne ein Geschwisterteil ins Ausland geschickt, was für ihn besonders traumatisch war.
Alleine im Zug mit 6 Jahren
Dr. Prammer - 9. Mai 2025, 18:32
Dr. Prammer fährt mit dem Zug zu seinem Vater
Als Kind mit russ. Major im offenen Jeep gefahren
Dietrich Hardouin, Jahrgang 1941 - 18. April 2025, 15:25
1945 oder Anfang 1946 haben mich meine Eltern als Baby zur Sicherheit vor den Russen, aus Angst, zu meiner Großtante und Großonkel nach Waidhofen an der Ybbs gebracht. Sie haben mich verschickt mit einem LKW. Ich wurde dort bei Tante und Onkel in der Herrschaftsvilla untergebracht, einem wunderschönen großen Haus. Das wurde wenige Tage oder Wochen nachher von den Russen besetzt. Ein russischer Major hat Onkel und Tante, inklusive mich im unteren Bereich des Hauses untergebracht, weil er oben seine Residenz und seine Kommandantur eingerichtet hat. Mein Onkel war General, aus der Wehrmacht 1943 aus Altersgründen entlassen. Seine ganzen Orden hatte er versteckt am Dachboden, mit allem, was er noch aus der Nazi-Zeit hatte und was auf seine Generalität hätte schließen lassen. Der wirkliche Rang meines Onkels in der Wehrmacht wurde dann irgendwie entdeckt. Der russische Major hat aber keine Ressentiments gehabt; sondern er hat seinen Adjutanten sofort meinem Onkel zur Verfügung gestellt und hat salutiert, wenn mein Onkel da war. Der Major hat auch veranlasst, dass der Onkel, die Tante und ich wieder in den oberen Stock gehen durften und hat seine Leute in den unteren Stock einquartiert. Und von diesem Tag an hat der russische Major meinem Onkel wegen seiner Tätigkeit in der Kriegszeit in der Wehrmacht ständig Respekt gezollt. (...) Der Herr Major hat mich als 5, 6-Jähriger fast wie sein eigenes Kind behandelt. Ich habe Süßigkeiten und zu essen bekommen, und ich durfte im Jeep mitfahren. Also es war eigentlich eine traumhafte Zeit für mich. Und ich habe das teilweise noch sehr, sehr deutlich in Erinnerung. Es endete damit, dass mich meine Eltern dann irgendwie nach Wien zurückbekommen wollten, und da hat der Major mich nach Wien geschickt im offenen Jeep. (..) Das erzähle ich, um zu zeigen, dass sich nicht alle russischen Militärs damals schlecht benommen haben. Es gab auch Lichtblicke, wie meine Geschichte zeigen soll.
