

Bei Gesprächen über den Krieg ging mein Vater
Ludwig Blamberger, Jg. 1943
Ich kann mich nur an eines erinnern, dass viele Männer, wenn wir einen Ausflug gemacht haben, dann immer irgendetwas über den Krieg erzählt haben. Und dass mein Vater dann immer aufgestanden und gegangen ist. Also das sind die Eindrücke. Zu Hause hat er nie drüber geredet. Und auch alle Gespräche mit anderen über den Krieg hat er gemieden, wenn die meisten über Kriegserlebnisse, wo sie Helden waren, erzählt haben. Ich habe nur eine Erinnerung, dass er in Kiew war, in der Ukraine und irgendwo am Rande mit diesen Erschießungen zu tun hatte. Ja, ich bin ein absoluter Pazifist. Ich habe das einfach erlebt, was da war und der Verlust. Und ich sehe diese vielen Leute, die gestorben sind. Also für mich war das eine Geschichte, die unvorstellbar ist und ich fühle mich auch in dieser Zeit hier nicht wohl, wo ein Schritt zurück passiert in die Vergangenheit und man sich wieder gegenseitig über Kontinente hinweg anbrüllt, und das ist einfach eine fürchterliche Geschichte.
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 25. Juni 2025
Postmeisterin hat Soldaten verraten
Frau Freudenthaler, Jg. 1935
Ich hab den Bombenangriff am 16. Oktober 1944 live erlebt in Linz. Aber dann, 1945, war ich im Mühlviertel und habe dort das Kriegsende erlebt, in Königswiesen. In Wien war schon eine Regierung und dort in Linz, ist zuerst SS gekommen, ich war im Dorf bei meiner Tante. Die SS, die wollten eben da noch verteidigen, denn die Russen waren im Anzug. Und die SS ist noch aus dem Dorf gelaufen. Die Russen hinterher. Und das war noch ein richtiges Kriegsende dort. Dann sind die Amerikaner gekommen nach den Russen. Und das vorher, das ist auch eine tragische Sache: in den ersten Maitagen oder letzten Apriltagen hat die Postmeisterin vom Dorf, bei der kam ein junger Soldat, wollte mit seinen Eltern telefonieren, hat es auch gemacht und hat gesagt. „Ich bin so nahe zu daheim, ich komm jetzt. Der Krieg, es ist aus.“ Die Postmeisterin, eine so fanatische Frau, hat das sofort weitergegeben. Er wurde noch sofort standrechtlich geköpft oder gehängt. Das war in den letzten Tagen, wo in Wien sch...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 23. Mai 2025
Sogar auf die Gräber fielen Bomben
Frau Freudenthaler, Jg. 1935
Ich lese Ihnen von meiner Cousine, Viktoria Blasl, vor. Sie schreibt als Überschrift: „Sogar auf die Gräber fielen Bomben“. „Meine Eltern wohnten in Linz in der Altstadt. Am zwölften Februar 45 gingen sie das Heulen der Sirene in den eigenen Keller. Doch da kam der Luftschutzwart und sagte zu ihnen, sie solle lieber in das gegenüberliegende, stärkere Haus kommen. Sie liefen mit. Doch Bomben fielen bereits, als sie in das Vorhaus kamen. Sie wurden verschüttet. Mit einem Schlag verlor sie Vater und Mutter. Die Mutter fand man nach drei Tagen auf einem Leiterwagen liegend. Den Vater fand man erst nach drei Wochen unter dem Schutt, als die Todesursache der Eltern kam, konnte ich nicht per Bahn nach Linz fahren von Enns. So ging ich in die Ennser Kaserne und fragte, ob mich ein Militärauto mitnehmen könnte. Nach langem Reden nahm mich eines mit. Dann konnte ich mit meiner Schwester alles weitere besprechen. DieToten dieses Viertels der letzten Nacht waren im Turnsaal der Raimundschule...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 23. Mai 2025
Opa weinte bei Radioübertragung des Staatsvertrags
Horst Stadler, Jg. 1945
Ich hab einen Opa gehabt, eigentlich Großonkel, ich bin am Bauernhof groß geworden, er war einer, der sehr kritisch mit dem Hitler war. Aber er war so alt, dass er nicht mehr eingezogen worden ist. Er hat mir von der Nachkriegszeit erzählt. Ich weiß noch, dass er erzählt hat: am 15. Mai 1955 hat sich der Opa zwei Monate davor einen Volksempfänger gekauft. Hat eh kein Geld gehabt, aber hat ihn sich geleistet. Und dann bin ich am 15. Mai mit ihm auf der Ofenbank gesessen, und dann sind um 11 Uhr Leopold Figl und die Staatsvertragsunterzeichnungsmächte auf den Balkon übertragen worden, wo Figl die Worte gesagt hat „Österreich ist frei“. Mein Opa hat nie geweint und in diesem Augenblick hat er wie ein kleines Kind vor Freude geweint. Da war er 80 Jahre alt. Und seitdem bin ich ein glühender Verfechter der Demokratie, der Werte der Freiheit, der Vielfalt, weil ich merke, was für ein Schatz das ist, wenn man das verloren gehabt hat. Für mich ist das sicher in meiner Einstellung ein Wendep...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 20. Mai 2025
Über den Hohen Göll zu den deutschen Großeltern
Frau Seebacher, Jg. 1940
Ich leb hier in Braunau, also in Ranshofen. Braunau ist ja die Geburtsstadt Hitlers. Ich bin Jahrgang 40 und mein Bruder 42 und unser Vater stammte aus Westfalen und ist aber, als ich drei Jahre alt war, im Krieg gefallen. Meine Mutter hat dann nochmal geheiratet und wir hatten eine kleine Schwester, die war noch ein Baby und wir sollten die Ferien bei unseren Großeltern in Westfalen verbringen. Aber unsere Brücken waren ja gesprengt in Braunau. Und es gab keine Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen. Auch nicht über die Staustufe ungefähr zehn Kilometer von hier weg, was meine Mutter alles versucht hat. Und so sind wir auf die Idee gekommen, nach Salzburg bzw. Hallein zu fahren. Mein Stiefvater und meine Großmutter haben uns begleitet, weil meine Mutter hatte ja das Baby. Und wir fuhren dort und gingen unter den Hohen Göll, da gab es eine Hütte genau an der Grenze. Und ich glaube, das war das Purtschellerhaus. Und da haben sich viele Menschen getroffen. Und von der anderen Seite ...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 20. Mai 2025
Familiengeschichten Oberösterreich 14. Mai 2025
Familiengeschichten Oberösterreich 9. Mai 2025
Meine Eltern - von Westfalen nach Gosau und Wien
Ursula Dorfinger
Nach Kriegsende schafften es meine Eltern von Hagen in Westfalen, woher meine Mutter stammte, nach Gosau in Oberösterreich und vier Jahre später nach Wien, woher mein Vater kam.
Mein Vater, geboren 1914 in Wien, war während des Zweiten Weltkriegs als Kurier in Deutschland im Einsatz. Dort, in Hagen in Westfalen, lernte er meine Mutter, geboren 1923, kennen und verliebte sich in sie. Nach Kriegsende versuchten sie, sich nach Österreich durchzuschlagen. Sie fuhren aus Geldmangel, und weil sie keine Reisedokumente hatten, auf Güterzügen mit und gelangten schließlich nach Bayern, wo sie die Grenze zu Fuß über den beschwerlichen Weg über den Hohen Göll nach Salzburg überquerten. Nachdem es aufgrund der mangelnden Papiere für sie unmöglich war, nach Wien zu gelangen, fand mein Vater Arbeit in Gosau in Oberösterreich. Er war Schweißer für den Gosau Stausee und arbeitete in Tunneln unterhalb des Sees. Im Jänner 1946 heirateten meine Eltern in Gosau und im darauf folgenden September kam mein Bruder zur Welt. Für meine Mutter, aus dem Flachland in Deutschland stammend, war das Leben in Gosau, mit dem engen Tal und dem vielen Schnee in Winter, eine drastische Veränder...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 6. Mai 2025
Das ungeheure Telefon
Frau Felgitscher
Meine Mutter und ich lebten damals allein im Haus, mein Vater war schon verstorben. Ende der 1950er Jahre ließen wir das Telefon bei uns einleiten, es war uns aber nicht ganz geheuer. So beschlossen wir, dass diejenige abheben muss beim Läuten, die näher dem Apparat befindet. Das Fazit war, dass jede wegzulaufen begann, wenn es läutete. Dann hob doch eine lachend ab, manchmal waren wir auch zu spät dran. Das erzähl ich so gern meinen Enkelkindern und können sich nicht vorstellen, dass man Angst vor einem Telefon haben konnte.
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 6. Mai 2025
Hiesige z'erscht, Zuagroaste nur, wann a Platz is
Gunther Neumann
Mythen - und die Realität unser aller Aufnahme- & Hilfsbereitschaft
Meine Großeltern bzw. meine damals jungen Eltern kamen nach dem zweiten Weltkrieg 1945/46 als Vertriebene nach Österreich und fanden im Salzkammergut Aufnahme – oder Unterschlupf. Auch wenn die idyllische Gegend anders als die großen Städte kaum vom Krieg verheert war: die Not war überall groß, und die Aufnahmebereitschaft der Ansässigen hielt sich in Grenzen. Die alliierten Besatzungsmächte ließen allerdings keinen Widerspruch zu. Öffentliche Hilfe war natürlich nicht vorhanden, aber beim „Hamstern“ – so hieß das Betteln und Tauschen von irgendetwas gegen Essen – steckten ihnen manche etwas zu. Hunderttausenden ging es ähnlich, oder noch viel schlechter. Nur wenige Monate zuvor waren ja noch ganz anders geschundene Menschen durch österreichische Dörfer getrieben worden: Einige Landsleute hatten gemordet, andere gejohlt, viele beschämt bis entsetzt weggeschaut, wenige hatten – unter Lebensgefahr – den Erbarmungswürdigen etwas Essbares gegeben. Über die prozentuale Verteilung von Mut...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 24. April 2025
"Sie Znaimer Gurkn!", "Sie foaste Nudel!"
Helmut Friedrichsmeier, Jahrgang 1944
Wortgefechte mit den Einquartierten Die Amerikaner waren die ersten Einquartierten bei uns in der Bad Ischler Sommervilla meines verstorbenen Großvaters. Ich hab das spannend gefunden, diese Soldaten in Uniform bei uns zu haben. Meine junge Mutter war auch interessiert am Kontakt. Und das hat meine Großmutter verurteilt: Was werden die Leute sagen! Bald darauf mussten wir eine Flüchtlingsfamilie aus der Brünner Gegend in unserer Villa aufnehmen. Das war natürlich nicht das, was meine Großmutter wollte; die Amerikaner hatten noch einen gewissen Status verliehen. Mich hat es gefreut, weil ich als einen Spielkameraden hatte, während meine Großmutter sich bald mit der Frau dieser Flüchtlingsfamilie verfeindet hat. Meine Großmutter hat immer gesagt: Sie Znaimer Gurkn! Znaim war ja eine Gemüsezucht Gegend. Und die Frau aus Südmähren hat gesagt: Sie foaste Nudel! Meine Großmutter war ja nicht ganz schlank. An solche Wortgefechte kann ich mich erinnern. Die sind dann auch nach einei...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 21. April 2025
Vater gerettet von KZ-Insassen in Mauthausen
Eric Maier, Jahrgang 1959
Mein Vater war 1928 geboren und ist in den letzten Kriegstagen mit 16 Jahren und 9 Monaten zum Volkssturm eingezogen worden. Er war gebürtig aus Amstetten und ist zur Bewachung einer Flakstellung nördlich von Linz in Lichtenberg eingeteilt worden. Unmittelbar bei Kriegsende, also sie waren junge Buben, ist ihnen vom Kommandanten gesagt worden, sie sollen ihr Zeug wegschmeißen und schauen, dass sie heimkommen. Mein Vater ist mit zwei anderen zu Fuß Richtung Amstetten zurück. Unmittelbar am Tag der Befreiung von Mauthausen ist er dort am Abend angekommen und ist auf freigekommene KZ-Insassen gestoßen. Einer davon war ein höherer russischer Militär. Der hat einem Bauern dort gesagt, sie sollen die Burschen in einen Stadel einquartieren über Nacht, ihnen was zu essen geben und auf sie aufpassen, weil die marodierende SS alle Fahnenflüchtigen sofort erschießt. Das heißt, er hat dem wahrscheinlich sein Leben zu verdanken. Mein Vater hat mir das wiederholt erzählt, es dürfte ihn sein L...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 18. April 2025
Vater ließ die Leute fürs Mehl anschreiben
Maria Peham, Jahrgang 1968
Mein Vater ist mit 17 zur Ausbildung als Soldat nach Frankreich geschickt worden und war dann in russischer Gefangenschaft. Die Ereignisse haben ihn lebenslang geprägt. Eine Depression, die sich im Alter zu einem schweren Verlauf entwickelt hat. Nach dem Krieg hat er, wie vorgesehen, die Mühle in Oberösterreich übernommen, im Tal der sieben Mühlen, wo ich auch aufgewachsen bin. (..) Und nach dem Krieg, hat er dann immer erzählt, waren viele Leute sehr hungrig und konnten nicht zahlen, wenn sie Mehl geholt haben in der Mühle. Er hat sie nie weggeschickt, sondern hat sie anschreiben lassen. Und vieles wurde auch dann nicht bezahlt. Und die Anekdote dazu war, als in den 70er Jahren mein Bruder ein Mofa hatte, hat ihn mein Vater losgeschickt und gemeint, es gibt noch Leute, die ihm Geld schulden, und wenn er das eintreiben mag, kann er es behalten. Mein Bruder war sehr geschäftstüchtig und hat das dann gemacht. Meine Oma, die ich nie gekannt habe, ist kurz nach dem Krieg 1948 ge...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 18. April 2025
Ukrainer hat sich in meine Mutter verliebt
Therese Eisenmann, Jahrgang 1953
Also ich bin geboren in Gosau im Salzkammergut. Und ich hörte von meiner Mutter immer diese Geschichte von den Ukrainern, die dort in einer Holzknechtshütte "gehaust haben", so hat das immer geheißen. Das waren Kriegsgefangene natürlich, und sie haben den Frauen in der kleinen Landwirtschaft, wo meine Mutter geboren worden ist, total geholfen. Also beim Heumachen und beim Holzmachen. Man muss sich vorstellen, in Gosau waren die Winter ja sehr kalt. Da hat man Holz machen müssen, um da überhaupt durchzukommen. Einer von den Ukrainern hat sich in meine Mutter verliebt. Meine Mutter hatte aber schon ein Kind und hat auf ihren Mann, den Hans Eisenmann, gewartet, der aber dann erst 1947 heimgekommen ist. Sie hat das nie direkt gesagt, aber ich nehme an, dass sie auch verliebt war in den Seham, so hat der geheißen. Und nachher, glaube ich, dass sie immer erwartet hätte, dass von ihm einmal Post kommt. Ich habe eine Fotografie von ihm. Da ist er abgebildet mit einer Ziehharmonika, und d...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 18. April 2025
Heimat und Flucht Johann Kilianowitsch
Johann Kilianowitsch
Ich erzähle von meiner Kindheit - Heimat und Fluchtgeschichte 1939 - 1947 Aufgeschrieben von Marion Kilianowitsch
TEIL 4 – Bevorstehende Rückkehr in die Heimat, Johann Kilianowitsch Im Sommer 1945 erreichte uns die Nachricht, dass wir Flüchtlinge wieder nach Hause dürften. Das war eine Vereinbarung zwischen den Amerikanern und Tito dem Präsident Jugoslawiens. Wir verließen unsere Einzimmerwohnung, in der wir fast ein Jahr wohnten und Amerikanische Soldaten brachten uns auf einem Lastwagen von Obernberg und nach Ried auf den Güterbahnhof. Dort standen zwei, ungefähr 100 Meter lange Silolager. Beide Hallen waren leer nur Strohmatratzen lagen am Boden. Wir warteten dort bis endlich ein Zug für unsere Rückreise nach Subotica bereit stand. Endlich war es soweit! Diesmal war es kein Viehwaggon sondern ein Personenzug. In diesen Zug durften nun die Flüchtlinge aus der ersten Halle einsteigen, dann war der Zug voll. Wir waren traurig und sahen uns sehr Leid, noch nicht in unsere Heimat zurückzukehren und noch länger zu warten. “Gott sei Dank!“ Wir konnten nicht ahnen, dass das ein großes Glück für ...
weiterlesenFamiliengeschichten Oberösterreich 5. April 2025
