Männerknappheit, starke Mütter und Wärmestuben

Martha Hansl, Jg. 1944

Die letzten Heimkehrer sind erst 1955 aus den Kriegsgefangenenlagern nach Hause gekommen. Bis dahin war ja die Männerknappheit in Wien sehr, sehr groß. Und in meiner Klasse waren 50 % der Kinder ohne Vater. Zum Teil wusste man, er ist im Krieg gefallen. Oder man wusste nicht, kehrt er irgendwann einmal heim. Zu Weihnachten: Es gab nichts zum Schenken. Da hat man eine Kleinigkeit bekommen, nach heutiger Sicht nicht einmal der Rede wert. Man hat sich über selbstgestrickte Fäustlinge oder Socken oder Schals gefreut. Der Großteil dieser vaterlosen Kinder hat auf die Frage, was sie sich wünschen, gesagt, na ja, vielleicht dass der Papa nach Hause kommt, weil die Mama ist ja so allein. Also das hat mich damals als Kind so berührt, weil ich hatte das Glück, einen sehr alten Vater zu haben, der nicht mehr eingezogen wurde in den Krieg. Und da muss ich aber anhängen, dass diese Mütter, diese Frauen ja alleine waren. Und das waren für meine Begriffe, für mein Empfinden, das waren wahre, eman...

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 25. Juni 2025

Kind nach 1945

Alice Harmer

Auszug aus dem Buch: Alice Harmer „Auf dem Dach ist die Aussicht endlos oder Die Nachzüglerin"

Der Winter 1945/46 war kalt wie nie zuvor. Ausgerüstet mit schwerem Mantel aus Gummi, Haube und Stiefeln aus Leder, trat der Mann in die Pedale, lenkte das Rad vorsichtig über hartgefrorene, holprige Erde. Die Beiwagenmaschine, die er sich als Geselle erspart und im Stroh verborgen hatte, konnte er nicht mehr finden. Im Krieg ging vieles verloren. Als der gute Bürger zur Landesverteidigung befohlen wurde, musste er seine Familie verlassen. Unter Militärkommando war er fünf Jahre lang unterwegs in Italien, Frankreich, Belgien, Ungarn bis vor Stalingrad, um dort von Granatsplittern niedergestreckt zu werden. Sein Auftrag: Vieh zu arisieren und daraus Gulasch zu kochen. Die Erinnerung an Bäuerinnen, die ihre einzige Kuh festhielten und sich mitschleifen ließen, haftete jahrzehntelang an dem Soldaten, die verzweifelten Bitten, erschütternden Klagen, hallten in seinem Ohr. Nach Ende des Krieges trug er im Rucksack sein eigenes Werkzeug. Wahlweise stieg er vom Rad, öffnete ein Tor und b...

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 25. Juni 2025

In Wien verschwanden plötzlich meine Bücher

Ilse Urbanek, Jg. 1935

Meine Mutter hat gefunden, ich müsste ins Gymnasium gehen. Oder ich sollte. Ich wollte auch. Und hat mich zur Großmutter nach Wien geschickt, wo es nichts gegeben hat, natürlich, noch viel weniger als draußen im Waldviertel. Im Lastzug konnten wir mit nach Wien fahren, meine Mutter und ich. Sie hat einen großen Rucksack mit Erdäpfeln und Sachen zum Essen mit gehabt. Und zu Fuß mussten wir dann von Strebersdorf über eine Behelfsbrücke in die Stadt marschieren. Und ich bin nur mit meinen Lieblingsbüchern gereist. Und irgendwann in den nächsten Wochen war plötzlich ein Buch weg und dann war das nächste weg. Erst Jahre später bin ich draufgekommen, dass meine Tante und meine Großmutter die Bücher auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel eintauschen mussten.

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 24. Juni 2025

Wodka auf Ex trinken rettete Cousine

Udo Saldow, Jg. 1929

Ich war 16 Jahre bei Kriegsende. Ich war, wie Alle, ein strammer, kleiner Hitlerjunge, das musste man ja sein, das war verpflichtend. Und es war auch nicht unlustig für uns. Wir waren nicht von Politik beleckt, nur von, wie sich dann herausgestellt hat, leerem Patriotismus. Und so gingen die letzten Tage des Krieges im Chaos und als eigentlich von uns empfundenes Abenteuer zu Ende. Mir fällt ein, dass zum Beispiel in der Wohnung meiner Großmutter zwei sowjetische Offiziere einquartiert waren, die sehr höflich und nett waren. Und ich hatte eine hübsche Cousine, etwas älter als ich. Sie war mal zu Besuch und die beiden Offiziere wollten sich diese Cousine aneignen und versuchten das damit uns betrunken zu machen. Also nicht mit Gewalt. Und ich erinnere mich, ohne je Alkohol getrunken zu haben, habe ich dann aus Wassergläsern den Wodka für meine Großmutter, für meine Cousine oder mich Ex getrunken. Und die Reaktion der Offiziere war überraschend. Sie haben mir Beifall geklatscht. Und...

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 20. Mai 2025

Zeitzeugenberichte im Buch „Jugend unter Hitler“

Maria Grabner

Ich habe vor drei Jahren ein Buch über 25 Zeitzeugenberichte herausgegeben: die Interviewpartner:innen waren damals Jugendliche, deshalb heißt mein Buch auch „Jugend unter Hitler“. Sie haben den Krieg und Nachkriegszeit mitgemacht, sehr berührende Geschichten. Grabner, Maria / Watteck, Marina C. Jugend unter Hitler. Menschenschicksale im Dritten Reich – Zeitzeugen berichten. Kralverlag, 2021 Das ist im Kral-Verlag 2021 herausgekommen. Ich bin so froh, dass ich das gemacht hab und auch befreiend für die Menschen, dass sie das für die nachfolgenden Generationen erzählen konnten. Die Geschichten spielen in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland und Kärnten. Eine Dame erzählt vom Todesmarsch in Brünn.

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 19. Mai 2025

"Wir haben das nicht gewusst"

Herr Scheibenreiter

Herr Scheibenreiter über Geschichtslügen

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 14. Mai 2025

Das illegale Bordell im Gemeindebau

Erika Nigl

Soldaten kraxelten durchs Fenster

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 14. Mai 2025

Mein erster Russe - Liebe auf den ersten Blick

Erika Nigl

Erika Nigl begrüßt freudig den ersten Russen im Keller

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 14. Mai 2025

Der "Picknickkorb" der Russen

Erika Nigl

Erika Nigl erinnert sich an Hilfe von den Russen 1945

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 14. Mai 2025

Der hungrige Bruder

Erika Nigl

Erika Nigl erinnert sich an den Hunger 1945

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 14. Mai 2025

"Legalisierung" durch Karl Renner

Frau Mühlfeld

Frau Mühlfelds erhält den Namen ihres Vaters und wird ehelich

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 13. Mai 2025

Das "illegale" Kind

Frau Mühlfeld

Frau Mühlfelds Vater war Jude, ihre mutige Mutter rettete sie

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 13. Mai 2025

Kindheit mit den Amerikanern

Frau Mühlfeld

Frau Mühlfeld war täglich bei amerikanischen Besatzungssoldaten

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 13. Mai 2025

Zum Aufpäppeln in die Niederlande geschickt

Veronika Philipp

Wir waren, könnte man sagen, arme Leute. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals Hunger gelitten hätte. Ganz im Gegenteil. Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich wäre zu viel gefüttert. Aber trotzdem hat man mich dann nach dem Krieg in die Niederlande geschickt, mit einem Kindertransport zum Aufpäppeln sozusagen. Und da hatte ich den Eindruck, dieses Erlebnis in ein fremdes Land zu kommen, sich da eingliedern zu müssen und zu können, in eine fremde Familie und so, das hat mir sehr geholfen, auch fürs spätere Leben. Also ich kann einfach auf fremde Menschen zugehen, ohne Angst, ohne auf sie herabzuschauen, ohne sie fälschlicherweise zu bemitleiden oder so, wie das häufig mit Flüchtlingen ja passiert ist. Man gibt ihnen was, aber so von oben herab. Und das war eigentlich. Das Positive an den grauenvollen Ereignissen, die der Krieg natürlich für uns alle gehabt hat. Ich war das kleinste von den Kindern, habe ich den Eindruck habe, das muss 1947, gewesen sein, also war ich noch ...

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 9. Mai 2025

Als die Kosaken zu uns Kulturlosen kamen

Veronika Philipp

Wir haben ganz am Stadtrand gewohnt, also wirklich schon fast auf dem Land. Das Haus der Großeltern war ehemals eine Meierei und da hat es einen großen, großen Hof gegeben, um den das Haus herum gebaut war. Und 45 sind Kosaken gekommen, mit sehr vielen so kleinen Pferdewagen und unser ganzer Hof war vollgestellt. Es waren keine Männer im Haus, sie haben uns gut behandelt, sie haben sogar gekocht. Es war eine Art Eierspeis mit Speck, sie haben uns auch aufgefordert, zu essen. Meine Mutter hat gesagt, es ist uns so schlecht davon geworden, weil wir waren ja so ausgehungert und das fette Essen, das war ein bissl mühsam. Ich habe einen gleichaltrigen Cousin. Sie können sich vorstellen, 45, wir waren zweieinhalb Jahre ungefähr alt, und in der Mitte des Hofes ist ein großer Tisch gestanden, um den haben wir im Sommer immer gegessen, und mein Cousin und ich, wir sind auf den Tisch geklettert, damit wir sozusagen besseren Überblick haben über all das Gewurl. Da ist ein Offizier, der auch ei...

weiterlesen

Frauen, Mütter, Kinder Wien 9. Mai 2025