

(Kein) Wodka für den russischen Offizier
Frau Ganglbauer, Jg. 1941
Die Russen waren in der Kaserne Wetzelsdorf untergebracht, dort sind sie durch die Straßen und es herrschte eine fürchterliche Angst. Vor allem die Frauen fürchteten sich, weil sie oft vergewaltigt wurden. Meine Mutter wurde in der Frauengassen ausgebombt, sie lebte deshalb bei ihren Eltern in Wetzelsdorf. Die Frauen haben sich alt und arm angezogen, die Tochter am Dachboden versteckt. Eines Tages kam einer, dessen Uniform vermuten ließ, dass er einen höheren Rang innehatte. Er ging ins Haus hinein, setzte sich in die Küche, meine Großmutter und mein Großvater, der pensionierter Revieroberinspektor war, meine Mutter und ich drückten uns an die Wand. Er saß da, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte „Wodka, Wodka“! Meine Großmutter und Mutter sagten immer wieder, sie hätten keinen, er wiederum brüllte wieder „Wodka“! Ich dachte mir, dass das komisch war, geh dann mit einem Glas zum Wasserhahn, fülle es mit Wasser und stelle es vor ihn hin. Er hat so zu lachen begonnen, schall...
weiterlesenBesatzungsmächte Steiermark 19. Mai 2025
1. Erlebnisse in den letzten Kriegswochen
Illi-1
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 1. Teil.
1933 geboren verbrachte ich die Kriegs- und Nachkriegszeit zusammen mit meiner ältere Schwester und meinem dreijähriger Bruder bei meinen Eltern, in einer Mietwohnung in Leoben wohnend. Wenn ich an diese frühe Zeit zurückdenke, dann fallen mir vor allem die häufigen Fliegeralarme ein, die viele Zeit, die wir im Luftschutzkeller verbrachte. Auf Leoben fielen aber keine Bomben, wohl aber hörten wir oft die auf Graz zufliegenden Flugzeuge. Der heute bei Feueralarm gegebene Sirenenton, der den Fliegeralarm einleitete, berührt mich heute noch unangenehm. Ich war nicht begeistert, immer wieder nachts aus dem warmen Bett geholt zu werden, aber man nahm es als selbstverständlich hin, wir Kinder kannten es nicht anders. Rückblickend zeigt es mir, dass sich der Mensch an von ihm nicht zu beeinflussende Umstände gewöhnen kann. So hatte ich auch keine Angst, dass etwas Schreckliches passieren könnte. Das Schicksal, ausgebombt zu werden oder wie es vielen anderen damals erging,...
weiterlesenFamiliengeschichten Steiermark 22. April 2025
2. Teil: Kriegsende mit russischer Besatzungsmacht
Illi-2
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teil 2.
Das Kriegsende war eine gravierende Änderung. Ich kannte zuvor nichts anderes als das SN-Regime und ganz plötzlich war ich kein Hitlerjunge (Pimpf) mehr. Total ungewohnt und mir deshalb schwerfallend, war zum Beispiel die erforderliche andere Art des Grüßens, statt des alleinigen „Heil Hitler“ nun „Grüß Gott“, „Guten Morgen“ bzw. „Guten Abend“ oder sogar „Küss die Hand“! So passierte einem zum Beispiel oft noch lange, dass beim Eintritt des Lehrers in die Schulklasse automatisch die rechte Hand in die Höhe schnellte, so wie es einem jahrelang beigebracht wurde. Man spürte eine allgemeine Veränderung der Stimmungslage, einerseits Freude, dass der Krieg zu Ende ist, andererseits aber Besorgnis, wie die Zukunft unter den Besatzungsmächten sein wird. Denn eine Verbesserung der Lebensumstände zeigte sich nicht, im Gegenteil, der Mangel an allem war noch gravierender. In meiner Erinnerung waren die nächsten zwei Jahre die härtesten, die ich erlebt habe. Wir Kinder mussten ...
weiterlesenBesatzungsmächte Steiermark 22. April 2025
3. Essen in Kriegs- und Nachkriegszeit
Illi-3
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teil 3.
Bald nach Kriegsbeginn wurden Lebensmittel rationiert. Es gab Reichsnährmittelkarten, Reichsfleischkarten, Reichsfettkarten, Reichsbrotkarten, Reichsmilchkarten, Reichskarten für Marmelade, Zucker und Eier. Mit Kriegsfortschritt wurde es aber immer schwerer, selbst das zu bekommen, was einem per Karte zustand. Aufgrund der anhaltenden Mangelsituation wurde die Rationierung auch von den alliierten Besatzungsmächten nach Kriegsende beibehalten. Man lernte mit Kalorien zu rechnen, für manche nicht ganz einfach: „I hob no nia Kalorien gessn und bin net varhungert“.) Man war darauf angewiesen, sich zusätzliche „Kalorien“ zu besorgen, sei es im eigenen Garten, durch „Hamstern“ bei Bauern, Abstauben auf Feldern oder durch Schwarzhandel, wobei die „Zigarettenwährung“ eine wesentliche Rolle spielte. Schwerpunkt unserer Ernährung waren Kartoffeln und Mais. Brot nur aus „schwarzem (Roggen-)Mehl“. Weißbrot lernte ich das erste Mal Ende 1945 kennen, durch die englische ...
weiterlesenVersorgung Steiermark 22. April 2025
4. Was gab es noch im Krieg und danach
Illi-4
Auszuge aus der Geschichte meiner Familie, die ich als Zeitzeuge (geboren 1933) für meine Kinder und Enkel geschrieben habe, um die Lebensumstände in früheren Zeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teil 4.
In Zeiten der Not hat Kleidung keinen modischen Stellenwert. Kleidung jeder Art, Stoffe, Wolle, neu zu kaufen, war kaum möglich, selbst mit Bezugsschein, der "Reichskleiderkarte", gab es nur wenig. Obwohl es an allem fehlte, schaffte man es doch, nicht nackt, sondern eben mit alten, x-mal reparierten oder umgenähten Klamotten herumzulaufen. Man war froh, überhaupt etwas zum Anziehen zu haben, bei Kindern, wenn es „noch“ oder „in etwa“ passte, und geflickte Sachen mussten selbstverständlich weitergetragen werden, zu klein gewordene Kleider und Schuhe wurden an jüngere Geschwister oder Kinder von Verwandten und Bekannten weitergegeben. So „erbte“ mein jüngerer Bruder manches von mir, und ich wiederum von meiner älteren Schwester. Etwas auszusortieren, weil es nicht mehr schön war oder nicht mehr gefiel, war undenkbar. Auch im Winter trug ich als Bub dieselbe kurze Lederhose wie im Sommer und dazu lange Strümpfe, die von einem „Strumpfbandhalter“ festgehalten wurd...
weiterlesenVersorgung Steiermark 22. April 2025
Auf der Flucht vor den Russen
Gilda P.
April 1945, Söding in der Weststeiermark. In einem nationalsozialistischem Landdienstheim für Mädchen herrscht Aufregung: Die Russen kommen, das Heim muss geräumt werden. In diesem Heim sollten die Mädchen eine landwirtschaftliche Ausbildung machen. Gilda P. (16) hätte nach dem - erhofften - Sieg der Deutschen ins eroberte Russland geschickt werden sollen, um dort die Landwirtschaft auf Vordermann zu bringen. Doch es kam anders. Die Mädchen flüchten zu Fuß in ihre jeweiligen Heimatorte. Gilda P. ist mehrere Tage unterwegs. Sie marschiert querfeldein. Auf einer Wiese macht sie plötzlich eine grausige Entdeckung: zwei Soldaten hängen an einem Baum. Offenbar Deserteure. Ermordet in den letzten Kriegstagen. Gilda setzt sich in die Wiese und weint bitterlich. Ein Erlebnis, das sie niemals vergessen konnte.
weiterlesenFluchtgeschichten Steiermark 5. Juni 2025
Befreier und Vergewaltiger
Judith Beer
wiederholte Gruppenvergewaltigungen in der Steiermark
Meine Mutter, Jahrgang 1922, ihre Geschwister, Eltern und Verwandte lebten zu Kriegsende östlich von Graz – beim Hauenstein, eine wunderschöne Gegend. Anfang Mai 45 – meine Mutter war 23 Jahre alt und hatte ein Neugeborenes – kamen die „Befreier“ ein ukrainisches Regiment der Roten Armee von Osten. Sie blieben vorübergehend in der Gegend, für einige Wochen, wenige Monate und trieben im Chaos des Kriegsendes ihr Unwesen, verübten Verbrechen, über die bis heute viel zu wenig bekannt ist und kaum geredet wird. (Vielleicht auch um darüber weiter schweigen zu können, was die Wehrmacht in Russland mit den Frauen tat?) Der Cousin meiner Mutter berichtete: (meine Mutter schwieg, sie sprach nur mehr „funktional“, war in gewisser Weise sprachlos für den Rest ihres Lebens) Abends klopften die Soldaten an Türen, um Frauen und Mädchen abzuholen. Wurde nicht gleich geöffnet, schossen sie in die Luft, verbreiteten so Angst und Schrecken. Es war ihnen keine zu jung und keine zu alt. Die Ki...
weiterlesenFrauen, Mütter, Kinder Steiermark 24. März 2025
Britische Soldaten werfen Essen weg
Karin Tierrichter
Neuer Blick auf britische Besatzer
weiterlesenFamiliengeschichten Steiermark 15. Mai 2025
DIE AUMÜHL Geschichte und Geschichten
Rudolf Schlaipfer
Ergebnis eines "Grabe wo Du stehst" und "Oral History" Projektes 1988-1991. 1991 habe ich als erster in unserer Region die zivilen Opfer des Nationalsozialismus in Erinnerung gerufen. U.a. wurden 139 Menschen in Hartheim vergast.
GELEITWORT 1991 Vor gut einem Jahrzehnt begann auch in Österreich die "Grabe, wo Du stehst"-Bewegung, die von Sven Lindquist in Schweden so beeindruckend gestartet worden war, Fuß zu fassen. "Geschichte von unten" nannte sich ein erster, von Hubert Christian Ehalt edierter Sammelband, in dem konkrete österreichische Projekte, ausländische Fallbeispiele und wissenschaftspolitische Absichtserklärungen publiziert wurden. Wie erfolgreich "Grabe, wo Du stehst"-Ansätze eingesetzt werden können, wie nützlich die Resultate sein können, das zeigt Rudolf Schlaipfers Text über die Aumühl. Er geht weit in die Geschichte zurück, um aus den Dokumenten der Archive frühere Jahrhunderte ins Blickfeld zu rücken. Sobald aber die moderne Industriegesellschaft entsteht, Arbeiter auf den Plan treten, wird die eigenständige Qualität dieses neuen historischen Arbeitens sichtbar. Im Leben in der Kolonie verschränken sich Beruf, Alltag, Kultur und Familie zu einem bunten Bild, werden Lebensschicksale un...
weiterlesenFrauen, Mütter, Kinder Steiermark 20. Juni 2025
Der Russe, der gerne eine Freundin gehabt hätte
Gilda P., Jg. 1929
Die Propaganda gegen die Russen war sehr hart im Vergleich zu dem, was wir dann erlebt haben. Die Russenzeit war insofern die mieseste Zeit in der ganzen Besatzung, weil es nichts zu essen gab. Die Russen haben uns eingesalzenen Speck gegeben. Aber das konnten wir nicht essen. Sonst haben wir von den Russen nichts bekommen, weil sie ja auch rationiert waren. Ich erinnere mich, da war mal ein russischer Offizier, der wollte unbedingt eine Freundin haben, zum Beispiel mich hätte er haben wollen. Aber eine liebe Freundin hat sich vor mich gestellt. Die haben sehr viel herumgekaspert. Das war so lustig. Er hat mit ihr verhandelt um mich, aber sie hat ihm gesagt: die ist viel zu jung, da machen wir nix. Ich war damals 16. Und dann ist er weg. Ich hab damals noch absolut nix wissen wollen von Männern.
weiterlesenBesatzungsmächte Steiermark 25. April 2025
Der Schleichhandel in der Steiermark
Gilda P., Jg. 1929
Grundsätzlich war der Zusammenhalt nach dem Krieg sehr groß. Man halt zusammengehalten, damit man durchkommt. Aber ein paar haben es sich irgendwie gerichtet und sich mit Schleichhandel beschäftigt. Die sind tadellos gekleidet auf der Straße dahergekommen. In Graz, im Volksgarten hat es viel Schleichhandel gegeben. Da gab es auch oft Razzien. Ich war nur einmal dort, denn ich wollte keine verbotenen Sachen machen. Dort konnte man alles tauschen, auch seine Goldsachen. Auch bei uns in Mitterdorf gab es Schleichhandel. Aber das war mehr im Haus, nicht auf der Straße. Einige Leute sind dadurch reich geworden. Die sind ins Burgenland gefahren oder in die Oststeiermark zu den Bauern und haben Sachen geholt. So hat der Schwarzhandel funktioniert.
weiterlesenVersorgung Steiermark 24. April 2025
Die Gesellschaft war männerlos
Ilse Karner
Es waren die Frauen vollkommen auf sich allein angewiesen. Man war froh, wenn der Vater zurückgekommen ist. Diese Gesellschaft war total männerlos. Die Frauen hatten Angst, sowohl dass die Russen vergewaltigen und auch, dass sie das nicht schaffen allein. Von wegen einer schönen Zeit in der Jugend, das ist ihnen alles gestohlen worden. Und so viele haben dann ihre Männer, ihre Söhne verloren und damit praktisch das ganze Leben war kaputt. Es wurde darüber nicht gesprochen, über weder vor dem Krieg noch nach dem Krieg. Man hat nur versucht rauszukommen aus dieser Misere und arbeiten, leisten und etwas besser leben. Aber das ging lang, in langsamen Schritten. Man hat jetzt schon so lang für eine Aufarbeitung gebraucht, deswegen rufe ich auch an ich freue mich, dass das gemacht wird für die nächsten Generationen, weil die heutige kann sich ja gar nicht vorstellen, was das für ein Elend war. Wenn Fliegeralarm sind wir durch die Straßen bis zum Schlossbergstollen gerannt. Meine Perso...
weiterlesenBesatzungsmächte Steiermark 7. Mai 2025
Die Nachbeben des Heimatverlusts
Daniela Müller
Als 1969 Geborene kann ich über die Zeit 1945 - 1955 freilich nichts sagen. Darüber, dass auch mein Leben im Schatten der Flucht meiner Großeltern aus dem damaligen Jugoslawien stand - sie waren Donauschwaben - durfte ich in den vergangenen Jahrzehnten einiges erfahren. Vor allem, was es betrifft, nicht bearbeitete Traumata zweier Generationen aufzuarbeiten, die allzu früh gestorben und manche davon nie wirklich in ihrer neuen Heimat angekommen sind. Meine Familiengeschichte sehe ich als Lehrbeispiel aus Norbert Elias' "Etablierte und Außenseiter". 2015 durfte ich für die Salzburger Nachrichten, für die ich als freie Redakteurin arbeite, einen Beitrag verfassen, siehe Anhang. Heute denke ich, dass es gerade meine Familiengeschichte war, die den Berufswunsch Journalistin in mir geweckt hat.
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Fluchtgeschichten Steiermark 26. März 2025
Die Wunder modernen Komforts
Karin Tierrichter
Russische Besatzungssoldaten waschen Kartoffeln
weiterlesenFamiliengeschichten Steiermark 15. Mai 2025
Eierspeise mit weinendem russischen Soldaten
Gertrud Grinschgl, Jahrgang 1936
Meine Mutter war eine junge Witwe mit uns drei Kindern. Wir mussten flüchten zu meinem Großvater nach Stambach. Und einen Tag später, da waren die Russen in diesem Gebiet. Da haben sie eine Flak aufgestellt beim Haus vom Großvater. Und da wurde hin- und hergeschossen mit den Amerikanern, die in Lafnitz waren. Das ist auch ein Dorf, fünf Kilometer von Grafendorf weg. Am nächsten Tag, wo ich mich sehr gut erinnern kann, sind von Schloss Reitenau Soldaten übern Bach herübergekommen, mit Stiefeln und Kübeln in der Hand. Da hatten sie aufgeschlagene Eier drinnen. Mein Großvater musste den Ofen einheizen, und da haben sie Eierspeise daraus gemacht. Und ich kann mich gut erinnern, uns Kinder hatten sie auch mit am Tisch und haben uns auch Eierspeise zum Essen gegeben. Mein kleiner Bruder war damals vier, fünf Jahre alt, und da hat ein junger russischer Soldat meinen Bruder in den Arm genommen und hat zu weinen angefangen. Wir haben das dann so verstanden, er hat zu Hause auch so einen ...
weiterlesenBesatzungsmächte Steiermark 20. April 2025
