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Bürgerkarte? - Nur für IT-Profis!

Thomas Bredenfeld über maximale Bürgerferne

Die theoretische Verbreitung der Bürgerkarte ist bereits größer, als viele denken, denn bei der E-Card der Sozialversicherung, der Bankomatkarte und auch bei Mobiltelefonen lassen sich Bürgerkarten-Funktionen frei schalten.

Zugegeben: Charmant ist der Gedanke ja, sich eine ganze Reihe an lästigen Wegen zu sparen, wenn man sich mit der Bürgerkarte seine Daten online vom Meldeamt, der Finanz und anderen Behörden holen oder Anträge einbringen kann. Die Bürgerkarte biete, so heißt es, die nötige Sicherheit und Vielseitigkeit. Ihre theoretische Verbreitung ist bereits größer, als viele denken, denn bei der E-Card der Sozialversicherung, der Bankomatkarte und auch bei Mobiltelefonen lassen sich Bürgerkarten-Funktionen freischalten. Praktisch wäre auch das Signieren von Rechnungen, die dann per Mail verschickt werden können und voll gültig für die Finanz sind.

Doch wer denkt, dass nach dem papierlosen Büro nun der papierlose und entsprechend bequeme Behördenverkehr kommt, hat sich getäuscht: Beginnt man die Recherche zur Bürgerkarte im Netz, wird man zunächst von Website zu Website weitergereicht: Von www.buergerkarte.at zu www.a-sit.at, von der Sozialversicherung zu www.chipkarte.at und weiter zu www.a-trust.at. Überall ist von Bequemlichkeit, Sicherheit und Bürgernähe die Rede, überall "findet e-Government stadt".

In erster Linie kommen während dieser Suche aber Fragen darüber auf, wer die Bürgerkarte eigentlich macht, wer welche Rolle spielt, wer eine Behörde, ein Verein, eine Firma, eine Initiative oder ein Monopolist ist, wer warum welche Produktempfehlungen abgibt und warum nur die staatsnahe Mobilkom die "A1 Signatur" anbietet (oder vielleicht besser: anbieten darf). Immerhin geht es um Vertrauen im Umgang mit der eigenen digitalen Identität - hier kommt das erste Bauchweh auf.

Wie die Bürgerkarte praktisch funktioniert, wo man welchen Kartenleser herbekommt oder wie's mit Mac- und Linux-Usern ausschaut, erfährt man nur nach mühsamer und geduldiger Feinsuche. Wie so oft im öffentlichen und behördlichen Bereich wird auch hier in erster Linie nur an die Microsoft-Welt gedacht. Linux- und Mac-Versionen sind unfertig und in den "Bitte-Lesen-Dateien" stehen Dinge, die die Verwendung riskant erscheinen lassen. Mit dem Einstieg als "Root" bei der Installation werden zum Beispiel von Laien Dinge verlangt, die selbst für Techniker nicht ganz trivial sind.

Sollte der Einsatz der Bürgerkarte in manchen Bereichen verpflichtend werden, wird möglicherweise einiges nach dem Gleichheitsgrundsatz klagbar sein, was die Windows-Lastigkeit dieses "Angebots" angeht. Als Beispiel für ein solches Szenario mögen die Streitereien dienen, zu denen das "Elster"-Verfahren in Deutschland geführt hat, wo die Finanzbehörden zunächst quasi die ausschließliche Verwendung von Windows für die Übermittlung von Steuerdaten erzwungen hatten.

Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bürgerkarte von einer Allianz aus Technikern und Politikern geboren wurde, die einen real existierenden Computer-Benutzer noch nie aus der Nähe gesehen haben und für die das Wort "Usability" vollkommen unbekannt ist.

Dass dann schließlich bei einer der vielen Websites zur Bürgerkarte beim Browser plötzlich die Warnung vor einem ungültigen Sicherheitszertifikat aufspringt, entlockt einem dann nur noch ein halb mitleidiges Lächeln.

Insgesamt ist die Bürgerkarte derzeit eine technische Herausforderung, die dem Programmieren eines Videorecorders oder dem Verstehen des vollen Funktionsumfangs eines Mobiltelefons in nichts nachsteht. Eine wirkliche Chance kann man der Bürgerkarte wohl erst geben, wenn das an sich gute Konzept klar, verständlich und zentral kommuniziert wird und wenn Installation und Handhabung etwas von dem bekommen, was uns Apple zum Beispiel mit iTunes und iPod vorführt.

24.01.2007

Thomas Bredenfeld lebt als Maler, Fotograf, Medienproduzent, Trainer und Fachautor für Mediensoftware in Wien.

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Matrix, Sonntag, 28. Jänner 2007, 22:30 Uhr

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