Ein politisch aktiver Autor

Jura Soyfer

Jura Soyfer ist gewiss einer der großer Außenseiter der österreichischen Literatur. Das meiste produzierte er in der Zeit des Ständestaates. Er war vergessen, er war ein Geheimtipp, bis 1980 die Werkausgabe, betreut von Horst Jarka, erschien.

Jura Soyfer war schon als 15-, 16-Jähriger politisch aktiv und 1929, mit 17 Jahren, begann die Mitarbeit beim politischen Kabarett der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. 1930 erschienen seine ersten Publikationen. Ab 1931, im Alter von 19 Jahren, begann er, regelmäßig für die "Arbeiterzeitung" zu publizieren. "Zwischenrufe links" hießen diese Gedichte, polemische Texte gegen das Bestehende, gegen das Regime, unerhört interessante kleine Vignetten und eine andere Stimme im Chor der damaligen deutschsprachigen Literatur in Österreich.

Ende 1937 wird Soyfer wegen illegaler Betätigung verhaftet, er kommt vor das Landesgericht und zwar wegen praktizierender Tätigkeit als Kommunist, wird allerdings 1938, am 17. Februar, also etwa einen Monat vor dem Einmarsch Hitlers, auf Grund einer Amnestie für alle politischen Häftlinge entlassen. Er ist 25 Tage in Freiheit und versucht zu fliehen, wird allerdings an der Schweizer Grenze verhaftet. Soyfer war knapp 26 Jahre alt, als er im KZ Buchenwald an Typhus starb. Umso beachtlicher ist das Werk - rund 1.000 Druckseiten -, das er hinterlassen hat.

Das Unglück des Fortschritts

Wichtig ist vor allem seine Produktion im Bereich des Theaters. In den Jahren 1936/37, in der Ära Schuschnigg, entstanden fünf Theaterstücke kürzeren Umfangs. Das zweite Stück davon, "Der Lechner Edi schaut ins Paradies", ist vielleicht das bewegendste und auch wichtigste dieser Stücke, ein Stück, das Gültigkeit hat weit über die Zeit seiner Entstehung, ein Stück, das gerade in der gegenwärtigen Situation von Bedeutung ist, denn es geht um Arbeitslosigkeit.

Es geht um ein junges Paar, der Lechner Edi und seine Freundin Fritzi. Edi ist arbeitslos, sieht vor sich keine Zukunft. Da begegnen die beiden einer Maschine, einer Zeitmaschine. Die Maschine ist ja auch das Hassobjekt vieler Arbeitsloser gewesen, denn die Maschine hat sie ja um ihre Existenz gebracht. Edi und Fritzi setzen sich in diese Zeitmaschine, um den Fortschritt gleichsam rückgängig zu machen. Sie rasen die Zeit zurück. Die Entdeckungen und Erfindungen können aber nicht mehr rückgängig gemacht werden, also will man, um gleichsam das Unglück der Menschheit zu verhindern, auch die Schaffung des Menschen unmöglich machen. Sie kommen in ein Büro, in dem der Mensch erzeugt wird, und der arbeitslose Edi legt gleichsam Protest ein gegen die Erschaffung des Menschen und sagt zu Gott: "Greif oh Herr nicht in den Lehm, den du Adam willst benennen. Was du schaffst wirst du, nachdem du es schufst, nicht mehr erkennen."

Hier spricht sich deutlich ein Schöpfungspessimismus aus. Ich glaube, dass diese etwas naive Form der Präsentation solch wichtiger und die Menschheit immer wieder bewegender Gedanken, dass die Präsentation dieser Gedanken in diesem Stück, so einfach sie auch sein mag, sehr eindringlich und sehr glücklich ist.

Natürlich ist auch die Erschaffung des Menschen nicht mehr rückgängig zu machen, Edi muss erkennen, dass der Mensch nun einmal da ist. Seine Freundin fragt ihn "Was sollen wir jetzt machen?" und er sagt "Frag nicht so viel, auf uns kommt es an", das heißt, es kommt also auf die Solidarität unter den Arbeitern an. Gerade dieses "Auf uns kommt es an" ist die Devise, die Soyfer mehr oder weniger mit leiser Stimme an sein kleines Publikum weitergeben wollte.

Bezug auf konkrete Ereignisse

Das Romanfragment "So starb eine Partei" handelt von der Sozialdemokratischen Partei, von ihrem Untergang. Dieser Text ist ein Ausnahmefall in der österreichischen Literatur, er ist einer der wenigen politischen Romane dieser Zeit, die auf die konkreten Ereignisse Bezug nehmen. Er ist auch ein sehr schmerzlicher Abschied von der österreichischen Sozialdemokratie. Da gibt es die alte Garde, die noch irgendwie solide ist, die aber kaum mehr was zu tun hat, und vor allem den kleinen Funktionär Robert Blum. Dieser kleine Funktionär Robert Blum hat den Namen eines ganz großen Helden, eines Revolutionärs aus dem 48er Jahr. Kurzum, man merkt es auch hier, dass die satirische Kraft Soyfer nicht verlassen hat. Soyfer hat vor allem aber etwas erkannt, nämlich den verhängnisvollen Charakter des österreichischen Opportunisten und so hat er auch eine Figur, Zehetner als Inbegriff der österreichischen Wandlungsfähigkeit - um es vorsichtig zu sagen - charakterisiert.

Aus Vorsicht war Zehetner Mitglied verschiedenster Vereine und Parteien, trug am Rockaufschlag das Abzeichen aller heimattreuen und christlicher Männer, so befand sich in einem Geheimfach seiner Brieftasche eine Mitgliedskarte, die ihn als deutschbewussten Arier legitimierte. Denn zwar war ihm die plebejische Art dieser Partei, die sich geschmackloserweise Arbeiterpartei nannte, überhaupt alles Preußische tief zuwider. Aber die Braunhemden durchzogen die Stadt schon so selbstbewusst, als ob es Berlin wäre, und ihr "Deutschland erwache" erfüllte täglich die Straßen. (...) Nicht in Zehetners Brieftasche, sondern sorgfältig versteckt unter der Wäsche seiner Frau befand sich eine andere Mitgliedskarte. Sie wurde seit vielen Jahren nicht mehr hervorgeholt und ihre letzte Beitragsmarke stammte vom August 1921, aber sie war da, unversehrt, durchtränkt von Lavendelgeruch, für ihre Existenz gab es keine Entschuldigung, nichts kam seinem Selbstbewusstsein zu Hilfe, wenn er an dieses dünne Büchlein dachte. Manchmal, von begeisternden Kameradschaftsabenden oder von strammen Aufmärschen heimkehrend, ging er, die ermunternden Reden seiner Führer noch im Ohr, seinem Wäscheschrank zu und riss mit rauer Hand die Tür auf. Der sozialdemokratische Parteiausweis ist also gut versteckt.

Der Zwischenruf von links

Soyfer ist für viele nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Art Mythos geworden, für die so genannten "heimatlosen Linken" war er eine Autorität geworden, als sie auf Distanz zu ihrer Partei zu gehen suchten. In den 1970er Jahren etwa, als die Partei sich einen großbürgerlichen Anstrich gab, da war Jura Soyfer noch der Zwischenruf von links, könnte man sagen. Man konnte ihn in der Liedermacherszene sehr gut auswerten, durch die Edition von 1980 und durch die Biografie von Horst Jarka haben wir auch verlässliches Material, wir wissen jetzt mehr über Soyfer, wir wissen vor allem, dass er ganz fest zum Kanon der österreichischen Literatur gehört. Und eines ist vielleicht noch wichtig: Soyfer war ein engagierter Autor, aber das Entscheidende ist wohl, dass er ein Autor war, bei dem die politische Wahrheit nicht hinter der ästhetischen Wahrheit einherhinkte.

Text: Wendelin Schmidt-Dengler, verfasst für die Ö1 Serie "Literarische Außenseiter" 2007

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