Wilde Pflanzereien

Auf einer brachliegenden Fläche in New York entstand in den 1970er Jahren ein illegaler Gemeinschaftgarten. Die Idee des "Guerillas Gardening" bahnte sich seinen Weg nach Europa - auch in Wien sind Spuren sowohl des heimlichen als auch des autorisierten Gärtnerns zu finden.

Umtriebige Green Guerillas

New York, 1973. Beim Schlendern durch ihr Stadtviertel entdeckt die junge Künstlerin Liz Christy Tomatenpflanzen, die auf einer Misthalde inmitten eines heruntergekommenen Grundstücks sprießen. Es ist jene Zeit, in der sich Quartiere wie die Lower East Side und Teile der Bronx gerade im Niedergang befinden. Gebäude verwahrlosen und werden abgerissen, die Grundstückspreise verfallen, die Zahl der zugemüllten Brachflächen in der Stadt wächst.

Angeregt vom widerständigen Gemüse, das sich seinen Weg durch den Abfall bahnt, beginnen Liz Christy und einige ihrer Freund/innen Aktionen zu setzen, die das fruchtbare Potenzial der verlassenen Areale sichtbar machen sollen. Sie verteilen Saatgut in Baulücken, heben Löcher für Bäume aus, gärtnern wild und ohne groß um Erlaubnis zu fragen drauf los.

Ehrgeizig geworden, nehmen sich die Green Guerillas, wie sich die Gruppe bald nennt, schließlich ein 1.700 Quadratmeter großes Grundstück an der Nordostecke der Kreuzung Bowery und Houston vor - und verwandeln eine mit alten Kühlschränken und Bauschutt übersäte Fläche in New Yorks ersten Gemeinschaftsgarten, den es noch heute gibt.

Vielfältige Motive und Methoden

Die engagierte New Yorker Gruppe prägte damit ein neues Label für eine alte Praxis, die seit einigen Jahren auch in Europa verstärkt Fuß zu fassen beginnt: Guerilla Gardening. Immer mehr Outlaw-Gärtnerinnen und -Gärtner zwischen London, Berlin und Kopenhagen graben brachliegende Flecken Erde in der Stadt um, streuen Sonnenblumensamen auf Verkehrsinseln, bauen Zucchini auf Baustellen an, lassen Efeu auf Betonmauern klettern und Verkehrsampeln zu Blumenampeln mutieren. Ohne Genehmigung, versteht sich.

Ihre Motive sind so vielfältig wie ihre Methoden: Politischen Protest gegen Verwahrlosung, Ignoranz und Flächenversiegelung zu artikulieren; ein kreatives Zeichen zu setzen, dass man Eigenverantwortung für den öffentlichen Raum und dessen Gestaltung übernimmt; Möglichkeiten urbaner Selbstversorgung aufzuzeigen.

Gesten, Manifeste und Plattformen

"Vielen geht es um die symbolische Geste, um den Beweis, dass ein Leben unabhängig von landwirtschaftlichen Konzernen möglich ist - und auf Dauer besser", schreibt Richard Reynolds in seinem Buch "Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest". Das 2009 bei orange press auf Deutsch erschienene Werk ist mittlerweile so etwas wie die zentrale Kampfschrift dieser durchwegs heterogenen Bewegung geworden.

Der 33-jährige Werbefachmann Reynolds - selbst seit Jahren als Guerilla-Gärtner in London aktiv - betreibt mit www.guerillagardening.org auch eine der wichtigsten Plattformen im Netz. Gärtnernde Guerilleros und Guerilleras aus aller Welt tauschen hier Erfahrungen und Fotos aus; Neulinge erhalten unter anderem Tipps, wie man Samenbomben baut - jene kleinen wirkungsvollen Kugeln aus Erde, Kompost, Samen und Wasser, die man diskret beim Vorbeigehen oder beim Vorbeiradeln fallen lassen kann. "Pimp your pavement" lautet das zentrale Motto für das Gärtnern jenseits des Eigenheims, und die Fotobeispiele auf der Website zeigen, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind.

Berlins luftige Bauordnung

Nicht alle Städte werden vom Hype des wilden Gärtnerns gleichermaßen erfasst: Wer durch Berlin streift, stößt auf wesentlich mehr bepflanzte Baumscheiben - so der Fachjargon für die meist freien Flächen rund um Stadtbäume, die bei den Guerilla Gardeners besonders beliebt sind - als in Wien.

Das hat allein schon städtebauliche Gründe, erklärt die Wiener Landschaftsarchitektin Irene Bittner: "In Berlin gab es zur Gründerzeit eine Bauordnung, wonach die Fassadenfronten, sollten sie im Fall eines Feuers nach vorne kippen, nicht die gegenüberliegende Seite treffen durften. Daher gibt es in Berlin viel breitere Straßenräume als in Wien, viel breitere Gehsteige und viel mehr Straßen mit Baumalleen."

Das Mehr an Platz trifft sich mit einem Weniger an Stadtverwaltung und Flächenbewirtschaftung: "In Wien pflegt das Stadtgartenamt sehr gut und intensiv, es gibt eine perfekt funktionierende Müllabfuhr - Stadtbrachen und Gstättn sind rar, und Baulücken werden meist rasch zu Parkplätzen umgewandelt. Berlin hingegen hat einfach weniger Geld für den öffentlichen Raum, die Schneeräumung im Winter ist mangelhaft, und man überlegt gerade, bei der Müllabfuhr Geld einzusparen."

In Berlin ist damit die Bevölkerung stärker gezwungen, selbst zu handeln - und tut das auch couragierter als in Wien. "Hier finde ich ja oft, dass sich die Leute nicht trauen und eher sudern als selbst aktiv werden."

Raum für Möglichkeiten

Das zu ändern ist eines der Ziele von kampolerta - einem 2007 gegründeten Kollektiv von rund 25 jungen Landschaftsplanerinnen und -planern, das mehr Bewusstsein für den öffentlichen Raum als Möglichkeits- und Handlungsraum schaffen will.

Der Name ist Programm: kampolerta setzt sich aus den Esperanto-Wörtern "kampo" - Feld - und "lerta" - geschickt - zusammen; gemeinsam sucht man nach temporären Freiräumen in der Stadt und bespielt diese auch mit Mitteln des Guerilla Gardening.

Eine der ersten Spontanaktionen, mit denen die "kampos" bekannt wurden, war "Phönix 1": Dabei wurden die Aschenbecher der Wiener U-Bahn-Linie U4 - durch das allgemeine Rauchverbot ihrer ursprünglichen Funktion beraubt - kurzerhand mit gelb-roten Studentenblumen bepflanzt. Neben dem "Rauchen verboten"-Aufkleber wurden Sticker mit einer Gießkanne angebracht, die freundlich zur Pflege aufforderten.

Die Reaktionen der Passant/innen, so kampolerta-Mitglied Irene Bittner, reichten von Fragezeichen in den Gesichtern bis hin zu aktivem "Mitspielen": "Manche haben kurz nach rechts und nach links geschaut und dann die Blumentöpfe einfach mitgenommen."

Handelte es sich bei "Phönix 1" um eine temporäre Intervention, so war die Aktion "Phönix 2" längerfristig angelegt: Hier bepflanzten die "kampos" vernachlässigte Blumenbeete in der Siedlung Am Schöpfwerk mit Tomaten, Pfefferoni und Topinambur. Die Anrainer/innen sollten so animiert werden, sich den Freiraum vor ihrer Türe neu anzueignen. "Phönix 2" war erfolgreich: Das Gemüse wurde auch nach dem Abzug der Gruppe weitergehegt.

Versteckte Artikulation

"Abseits von solchen gezielten Projekten zur Aufmerksamkeitssteigerung im öffentlichen Raum Guerilla Gardening keine weit verbreitete Praxis in Wien", sagt Irene Bittner. Wenn man genauer hinschaut, lassen sich dennoch vereinzelt Spuren individuellen wilden Gärtnerns finden - zum Beispiel im Stuwerviertel im 2. Bezirk, wo rund um manche Alleebäume üppige Miniblumengärten sprießen. Oder in so manchem Gemeindebau.

Das illegale Gärtnern mag zwar in Wien wenig verbreitet sein. Dennoch nimmt auch hierzulande die Pflanzwut der Städterinnen und Städter zu. Eine legale Artikulationsform findet die Lust am Gärtnern ohne eigenen Garten in den verschiedenen Gemeinschaftsgärten, wie sie in Österreich seit 2008 immer zahlreicher werden.

Wiens genehmigte Areale

"Während jener Community Garden, den Liz Christy 1973 in New York initiierte, ursprünglich illegal war und erst später unter die Obhut der Stadt gestellt wurde, entstehen solche Projekte in Wien von vornherein auf genehmigten Arealen", erklärt Angelika Neuner vom Verein Gartenpolylog.

2008 hat der ehrenamtlich arbeitende Verein gemeinsam mit den Wiener Stadtgärten, der Bezirksvorstehung Ottakring und der Gebietsbetreuung Ottakring den "Nachbarschaftsgarten Heigerlein" im 16. Bezirk initiiert. Familien und Einzelpersonen - ein Drittel von ihnen mit Migrationshintergrund - sowie Anrainerinstitutionen wie das Haus der Barmherzigkeit und ein Kindergarten beackern hier 26 Beetflächen von je sechs Quadratmetern Größe.

Die Motivationen, warum man hier tätig wird, sind unterschiedlich. "Viele junge Eltern, die am Land aufgewachsen sind, möchten ihren Kindern gerne zeigen, wie Radieschensamen zu Radieschen werden", sagt Angelika Neuner. "Ein anderes Motiv ist, die Nachbarschaft wieder kennenzulernen, sich zu treffen, gemeinsam etwas anzupacken, selbst gestalterisch tätig zu werden."

Was macht die Nachbarschaft?

Die Identifikation der Gärtner/innen mit "ihrem" gemeinsamen Garten ist mittlerweile groß; dem Pilotprojekt Heigerlein folgen aktuell mit Unterstützung der Stadt Wien zahlreiche weitere gemeinschaftliche Gartenprojekte - ob in Form von Hochbeeten am Max-Winter-Platz im 2. Bezirk oder eines Nachbarschaftsgartens in der Flüchtlingssiedlung Macondo in Wien-Simmering.

"Es melden sich momentan unglaublich viele Menschen bei unserem Verein", so Neuner, "die von solchen Projekten hören, sich selber in ihrer Nachbarschaft umschauen und wieder ein offenes Auge haben für die Frage: Was passiert mit meinem Stadtteil, und wo könnte man vielleicht leben?"

Aktive Beschäftigung mit dem Grätzel vor der eigenen Haustüre und aktive Aneignung des öffentlichen Raums - das sind Ziele, die sowohl Community Gardener als auch Guerilla Gardener teilen.

Service

Richard Reynolds, "Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest", aus dem Englischen übersetzt von Max Annas, orange press

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