Waltraut Klasnic im Journal zu Gast

Sie nennt sich unabhängige Opferanwältin und ist zuständig für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Diese Woche hat Waltraud Klasnic selbst ihren bisher schärfsten Kritikern das Gefühl gegeben, dass sie und ihre Kommission vielleicht wirklich unabhängig von der Kirche agieren.

Kritik aus der Kirche

Die Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft betreffend Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen des Ordens der Schulbrüder hat ihr bei Missbrauchs-Opfern viel Zuspruch gebracht. Und etwa dreieinhalb Monate nach ihrer Einsetzung durch Kardinal Christoph Schönborn ist Klasnic jetzt plötzlich Kritik aus der Kirche ausgesetzt. Konkret aus den Reihen der Schulbrüder, die verärgert sind über die Anzeige und die jenen, die sich an Klasnic gewandt haben, mit Klagen drohen. Doch Klasnic stellt sich vor die Betroffenen und kündigt nun eine Anzeige gegen zumindest eine weitere katholische Einrichtung an.

Mittagsjournal, 10.07.2010

"Es tut uns leid"

Opferschutz-Beauftragte Klasnic sagte, sie habe es auch nach vielen Gesprächen mit Opfern nie bereut, die Aufgabe übernommen zu haben. Viele könnten das erste Mal in ihrem Leben darüber sprechen, was ihnen geschehen ist. Man könne ihnen dann sagen, was sie noch nie gehört haben: "Es tut uns leid." Sexueller Missbrauch an Kindern sei für sie "das ärgste Verbrechen, das man einem Kind antun kann". Viele Kinder seien in ihrer Seele so schwer verletzt worden, dass sie das ganze Leben an den Folgen leiden - nicht bindungsfähig, nicht leistungsfähig sind, keinen Druck aushalten und krank sind, nicht wissen, warum sie immer wieder scheitern. Viele der Opfer kämen aus schwierigen Familien, aber auch aus Prestige-Familien, wo die Kinder unbedingt in ein besonderes Haus kommen sollten, um etwa zu werden.

Priester und Nonnen waren Täter

Viele Täter hätten Kindern damit gedroht, sich umzubringen, wenn diese etwas sagen würden. Das habe dazu geführt, dass nichts bekannt wurde, weil es die Opfer belasten würde. Bei den Eltern hätten viele kein Verständnis gefunden. Jene, die davon erzählt haben, seien in ihrem Dorf bzw. in ihrem Umfeld als "unanständig, und böse und als Lügner" bezeichnet worden. Es sei nicht nur um Männer, sondern auch um Frauen gegangen - nicht nur um Priester, sondern auch um Nonnen.

Termin bei Staatsanwaltschaft

Zu Vorwürfen, etwa der Schulbrüder, meinte Klasnic, Gegenwind für ihre Arbeit sei nicht aus der Kirche gekommen, sie habe eine wunderbare Kommission. Ein Termin bei der Staatsanwaltschaft sei vereinbart, dort werde sie "klare Antworten geben". Mit den Betroffenen sei alles abgesprochen, sei werde "alle Fragen beantworten". Durch die öffentliche Diskussion hätten sich weitere Betroffene gemeldet, so Klasnic auch zum Thema Schulbrüder. Über einzelne Fälle spreche sie aber nicht. Befragt zu möglichen "Trittbrettfahrern" sagte Klasnic, sie habe über 70 Gespräche geführt und immer das Gefühl gehabt, es mit einem tief verletzten Menschen zu tun zu haben. Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaft seien immer ein Beschluss der Kommission, an einem konkreten Fall werde derzeit gearbeitet.

Viele wollen eine Therapie

Klasnic stellte fest, dass es den Menschen nicht nur um Entschädigung gehe. Viele wollten eine Entschuldigung, eine Gegenüberstellung, eine Therapie. Sie hoffe, dass sich noch viele Opfer melden, möglichst noch dieses Jahr. Erst danach könne man über eine Entschädigungs-Summe reden. Es gehe aber darum, wie dem Einzelnen geholfen werden könne. Das Entschädigungs-Angebot der Kirche sei freiwillig, aber absolut richtig. Der Großteil der Fälle sei länger als 20 Jahre her. Der Prozentsatz der Kirchenfall Betroffenen sei insgesamt ein sehr geringer. 80 Prozent würden in der Familie zu Opfern, nur ein bis zwei Prozent in der Kirche. Es gebe aber vor allem einen moralischen Anspruch an die Kirche. Mit der Opferplattform um Anwalt Schostal - er hatte im Namen von 131 Opfern bis zu 130.000 Euro Schadenersatz pro Person gefordert - habe es ein erstes Gespräch gegeben, im Oktober soll ein weiteres folgen.

Morgenjournal, 10.07.2010

Was wussten die Schulbrüder?

"Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, das habe es bei den Schulbrüdern nicht gegeben." So haben Ordensobere sich diese Woche zunächst gegen Vorwürfe gewehrt, die in einer Anzeige der Klasnic-Kommission erhoben werden. Mittlerweile drohen die Schulbrüder mit Klagen, andererseits aber müssen sie ihre Aussagen relativieren. Und Ö1-Recherchen zeigen: Sie müssten längst bescheid gewusst haben - über Missbrauchsvorwürfe und auch zugegebenen sexuellen Missbrauch. Darauf lassen Erfahrungen von mutmaßlichen Opfern und sogar ein Gerichtsurteil schließen.

Priester verurteilt

Wegen sexuellen Missbrauchs, begangen an neun Buben ist ein Wiener Priester vor fünf Jahren verurteilt worden. Ende der 80er Jahre war er Religionslehrer bei den Schulbrüdern in Strebersdorf. Und einer der von ihm missbrauchten Buben war dort Schüler - das hat der Priester später gestanden. Das Polizeiprotokoll aus dem Jahr 2004 liegt Ö1 vor. Und Vorwürfe des sexuellen Misbrauchs hat auch ein 51-Jähriger ehemaliger Strebersdorfer-Internats-Schüler erhoben - und zwar in einem Telefonat mit einem leitenden Schulbruder - erst vor wenigen Wochen.Er habe auch den Eindruck gehabt, er sei nicht der erste der anruft wegen eines derartigen Vorwurfs. Konkret habe er kein Geld geboten bekommen, sagt der 51-Jährige. Seine Missbrauchsvorwürfe richten sich gegen einen bereits verstorbenen ehemaligen Religionslehrer. Der habe ihn eines Abends im Pyjama in sein Zimmer geholt und Dias an die Wand projeziert.

Gewalttätige Übergriffe?

Nicht sexuelle - aber gewalttätige Übergriffe wirft der Ex-Schüler dem in der Anzeige der Klasnic-Kommission genannten früheren Ordensoberen Paul Kaiser vor. Waren das nur die üblichen Erziehungsmethoden in den 70er Jahren? Der beurlaubte frühere Ordensobere Kaiser hat diese Woche jedenfalls gemeint, die damaligen Methoden würden heute fragwürdig erscheinen und er würde nicht anstehen sich dafür zu entschuldigen. Sexuellen Missbrauch schloss er aus. Und sein Nachfolger Johann Gassner sagt nun, dass der erwähnte verurteilte Priester auch einen Strebersdorfer Schüler missbraucht hat, habe er nicht gewusst - trotz der zahleichen Hinweise im Internet. Den Anruf des Betroffenen bestätigt der Ordensobere - allerdings sei ihm empfohlen worden, sich an die Ombudsstelle der Diözese zu wenden, so die Darstellung des Ordensoberen.

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