Burn-out und Co: 2,5 Mio. Krankenstandstage

Burn-out und Depressionen unter Arbeitnehmern werden immer häufiger. Schon jede dritte Invaliditätspension wird wegen psychischer Erkrankungen zuerkannt. Aber auch unter den noch aktiven Arbeitnehmern sind seelische Erkrankungen im Vormarsch. Krankenstandstage wegen psychischer Probleme nehmen stark zu - zweieinhalb Millionen Fehltage durch psychische Probleme waren es im Vorjahr.

Morgenjournal, 20.07.2010

In 20 Jahren verdreifacht

Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit, Job-Angst oder private Faktoren: die Gründe, warum Menschen psychisch erkranken und nicht mehr arbeiten gehen können, sind vielfältig. Und die Zahlen sind alarmierend: Bereits jeder 16. Krankenstandstag in Österreich ist auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. Laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger sind im Vorjahr insgesamt fast zweieinhalb Millionen Fehltage durch psychische Probleme verursacht worden, das sind fast drei Mal so viele wie noch vor 20 Jahren.

Vielfältige Ausprägungen

Die psychischen Erkrankungen zeigen sich in vielen Facetten: von Motivationsproblemen bis hin zum kompletten Burn-out, als Depression oder Alkoholsucht, um nur einige zu nennen. Experten gehen auch von einer hohen Dunkelziffer aus, weil körperliche Leiden wie Herzrhythmusstörungen oder Rückenprobleme oft psychische Ursachen hätten, die aber auf den ersten Blick nicht erkennbar seien.

Zwei Drittel Frauen

Besonders betroffen von seelischen Erkrankungen sind Frauen. Von den insgesamt mehr als 65.000 Arbeitnehmern, die im Vorjahr wegen psychischer Probleme krankgeschrieben wurden, waren zwei Drittel Frauen.

Besonders lange Dauer

Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen dauern besonders lange, im Schnitt fallen diese Arbeitnehmer 37 Tage lang aus, dreimal länger als bei anderen Krankheiten.

Bei Frauen häufigster Pensionsgrund

Auch bei Frühpensionierungen spielen seelische Leiden eine immer größere Rolle. In den vergangenen 15 Jahren ist der Anteil jener, die die Invaliditätspension wegen seelischer Leiden zuerkannt bekamen, von 11 auf fast 30 Prozent gestiegen. Und auch hier nimmt die Zahl insbesondere bei Frauen stark zu. Bei ihnen sind psychische Erkrankungen mit 40 Prozent sogar schon der häufigste Grund, in Frühpension zu gehen.

Keine Besserung in Sicht

Der Arbeitspsychologe Wolfgang Kallus von der Universität in Graz (Institut für Psychologie) glaubt nicht, dass die psychischen Erkrankungen im Arbeitsumfeld künftig weniger werden. Kallus führt das auf den Wandel der Arbeitswelt zurück: Durch die Mechanisierung der Arbeit verlagere sich die Arbeitsbelastung immer mehr von der körperlichen auf den psychischen Bereich. Außerdem werde der Arbeitnehmer immer mehr zum "Mitunternehmer im Unternehmen" mit ständig größerem Verantwortungsdruck auch in mittleren Führungsebenen. Im Großen gesehen: Immer mehr Sozialprodukt wird von immer weniger Menschen erwirtschaftet. Dazu komme zusätzliche psychische Belastung durch Unsicherheit, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise.

Ursachen, Alarmzeichen und Hilfe

Der Arbeitspsychologe Wolfgang Kallus von der Universität in Graz (Institut für Psychologie) im Morgenjournal-Gespräch mit

Burn-Out bei Frauen: Viele Ursachen

Dass Frauen besonders von psychischen Erkrankungen betroffen scheinen, führt der Psychologe darauf zurück, dass Frauen psychische Erkrankungen eher zugeben, aber auch Ärzte bei Frauen eher psychische Leiden diagnostizieren als bei Männern. Dazu komme aber, dass der Anteil von Frauen im psychisch besonders belastenden Dienstleistungsbereich - in der Pflege, im Krankenhaus - größer ist. Und dann sei bei Frauen im Alter bis etwa 45 oft die Erholungsphase durch die Doppelbelastung im Haushalt zu kurz.

Alarmzeichen für Arbeitgeber

Woran Unternehmer erkennen können, dass seine Mitarbeiter von psychischen Erkrankungen gefährdet sind: "Wenn Mitarbeiter anfangen, auf die anderen nicht mehr zu achten, wenn die Konflikte zunehmen, die soziale Unterstützung abnimmt, der Spaß bei der Arbeit abnimmt und auf der anderen Seite die Krankenstandstage mehr werden, sollte das ein drastisches Warnzeichen sein."

Abhilfe

"Wir brauchen eine bessere Pausenkultur", sagt Wolfgang Kallus. Wer Pause macht, werde eher als faul angesehen. Führungskräfte sollten die "Fitness" ihrer Mitarbeiter beobachten und bei Bedarf ein längeres Wochenende einschieben. Auch die Arbeitsverteilung im Team könnte entsprechend angepasst werden, so dass Konflikte und Mobbing von vornherein keine Reibungspunkte am Arbeitsplatz bieten, die unendlich viel Ressourcen kosten.