Von "Medea" re-italianisiert

Der Wahlfranzose Luigi Cherubini

Der Florentiner, der ein französischer Komponist wurde: Luigi Cherubini war Mitschöpfer des nachrevolutionär-zeittypischen Genres "Rettungsoper", diente sowohl Napoleon als auch der restaurierten Monarchie und beeindruckte seine Komponistenkollegen mit spätklassizistischer Kirchenmusik.

Wie hat sich Cherubini bemüht, Franzose zu werden durch und durch, nach seiner Auswanderung in das Land, wo rund um 1800 die Musik der Zukunft zu Hause war: hat Religiöses für französische Könige komponiert, hat das spätere Consérvatoire mitgegründet, hat versucht, einen Fuß in die Tür der Opéra zu bekommen (was die "Platzhirsche" fast verhinderten), hat sich, in Anhäufung französischer Vornamen, Marie-Louis-Charles-Zénovi-Salvador Cherubini genannt ... Aber die Nachwelt machte dann doch wieder einen "Luigi Cherubini" aus ihm und spielte "Medée" als "Medea".

Mozart-Zeitgenosse mit "veristischen" Tendenzen?

Zwischen Mozart und dem Verismo scheint Luigi Cherubini Musik-stilistisch angesiedelt, wenn man ihn von der "Medea" her beurteilt, die spätestens seit Maria Callas als eine italienische Oper wahrgenommen wird, obwohl sie 1797 in Paris als Opéra comique "Medée" Premiere hatte. Dass eine Callas, eine Rysanek, oder später eine Josephine Barstow, eine Denia Mazzola Gavazzeni "Medea" streckenweise ins Veristische zogen, selbst diese Möglichkeit ist schon in Cherubinis Musik angelegt.

Ein Deutscher, Franz Lachner, hat später im 19. Jahrhundert die Rezitative zu "Medea" nachkomponiert, denn "Medée" hatte französischen Dialoge. Ludwig van Beethoven pries Cherubini, Carl Maria von Weber ließ keine Cherubini-Neuerscheinung aus. Und so wie in Frankreich der musikalische Widerständler Berlioz profitierten auch in Deutschland die "romantischen" Neuerer viel vom "Klassizisten" Cherubini.

Epochemachende "Rettungsopern"

Schon in seinen italienischen Opera-seria-Frühwerken wollte Cherubini mehr als nur das Schema erfüllen. In Paris nahm er sich den Opern-Gott der 1780er Jahre zum Vorbild: Christoph Willibald Gluck. Spätestens um 1790 gehörte er dann selbst zu denen, die Standards setzten: als Mitschöpfer der nachrevolutionären "Schreckens-" oder auch "Rettungsoper".

"Lodoiska" führt Adelswillkür in Polen vor und lässt die Titelfigur durch einen Trupp Tartaren befreien. In den seinerzeit immens populären "Les deux journées", einem Opernkrimi von vor 210 Jahren, geht es gleich drei Akte lang ums Flüchten und Sich-Verstecken: Ständig lauern Polizei und andere Verfolger, wenn der kleine Wasserträger, der ein gutes Herz hat (und selbst einmal von einem Höherstehenden gerettet wurde), ein Grafenpaar in Sicherheit bringt. (Der Autor des französischen Originaltextes, Jean Nicolas Bouilly, dichtete auch die "Fidelio"-Vorläuferoper "Léonore".)

Mit "Les Abencerages" in Richtung "Große Oper"

Noch in Luigi Cherubinis späteren "Les Abencerages", die der vor 250 Jahren geborene Komponist als 73-Jähriger auf die Bühne brachte, stecken Elemente der "Rettungsoper", obwohl alles schon in Richtung Grand opéra weist: der Schauplatz maurisches Granada, die Häufung von Balletten, das Heroische und der geforderte Ausstattungsprunk.1813 sind "Les Abencerages" an der Opéra herausgekommen, in einer Ära, in der Napoleons Vorliebe für Stücke wie "Fernand Cortez" von Gaspare Spontini, dem anderen Italiener in Paris, Schule machte.

Cherubinis Opernzeit lief ab: Die "Abencerages" hatten keine guten Kritiken, und gemessen an den 14 Pariser Bühnenwerken von ihm davor sind die vier weiteren, die in fast 30 Lebensjahren noch folgen sollten, ein Abgesang. (Für sein letztes Bühnenstück, "Ali Baba", recyclete er Musik, die er schon vier Jahrzehnte früher geschrieben hatte, für die damals revolutionsbedingt nicht auf die Bühne gekommene Oper "Koukourgi".)

Cherubinis Kirchenmusik

Cherubini sattelte um - oder besser: kehrte zu der Art Musik zurück, mit der er als Wunderkind in Italien seine Laufbahn begonnen hatte: zur Kirchenmusik, jetzt aber mit der Erfahrung des Opernkomponisten. Als ein Mann, der sich mit allen Regimen gut zu stellen wusste, vom Adel gefördert und dennoch in den Napoleon-Jahren auf beträchtliche Posten gelangt, blühte Cherubini nach Wiederinstallierung der Monarchie noch mehr auf und wurde königlicher "Surintendant de la musique" und Leiter der Königlichen Kapelle. In Krönungsmessen und Requien zeigte er, dass auch Kirchenmusik theatralisch sein konnte, und so instrumentiert, dass sie streckenweise einen Berlioz schon ahnen lässt.

Späte London-Reisen auf Joseph Haydns Spuren

Auch "per il Principe Esterhazy" hat Luigi Cherubini in dieser Zeit eine "Messa solenne" geschrieben: Fürst Nikolaus Esterhazy wollte Cherubini als Nachfolger Joseph Haydns engagieren, als "Direktor der persönlichen Musik und Kapellmeister"; dann aber ging das Geld aus und der Plan zerschlug sich. Ohne Eisenstadt und Esterháza komponierte der alte Cherubini trotzdem seine Streichquartette und reiste, wie davor Haydn, zum Dirigieren nach London, eine Berühmtheit in ganz Europa.

Entsprechend pomphaft fiel 1842 sein Begräbnis am Pariser Friedhof Père Lachaise aus. Ein Meister aller Musiksparten wurde damals zu Grabe getragen, und niemand ahnte, dass sein Name 250 Jahre nach Cherubinis Geburt nur mehr dank "Medea" geläufig sein würde: der von einem Deutschen ergänzten, ins Italienische übersetzten und von einer US-Griechin gesungenen "Medea".