Der alte Mann und der Zorn

Er ist ein jung gebliebener, alter zorniger Mann, distinguiert und von ausgesuchter Höflichkeit, der - wie er selbst schreibt - auf der allerletzten Etappe, "wo das Ende nicht mehr fern ist", an die jüngere Generation appelliert, gewaltlosen Widerstand zu leisten, zivilen Ungehorsam zu üben gegen die Fehlentwicklungen und das Unrecht in unseren Gesellschaften.

Kulturjournal, 14.02.2011

Es ist, als habe Stephane Hessel mit diesem 20-seitigen Text in der französischen Bevölkerung einen Nerv getroffen. Es ist ein Text, der keine Lösungsvorschläge bietet, in dem aber ein 93-Jähriger mit einer ganz außergewöhnlichen Biographie niedergeschrieben hat, was ihn empört, nämlich die Allmacht des großen Geldes, worin er eine Bedrohung für die Demokratie sieht, die sich ständig weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich oder der Umgang mit Ausländer/innen und Migrant/innen ohne gültige Papiere in unserer westlichen Welt. Die Schrift ist auch ein Plädoyer gegen Resignation, ein Appell nachzudenken und die Grundrechte unserer Demokratien wieder ernst zu nehmen.

Was wird aus unserer Republik?

Stephane Hessel, der sich auf die politisch- sozialen Ideale der französischen Widerstandbewegung beruft und beklagt, dass das soziale Fundament der sozialen Errungenschaften der Resistance heute eingerissen wird, ist auch empört über den Zustand der französischen Republik und stellt die Frage : "Was wird aus unserer Republik? Hat sie sich gehen lassen, in eine buonapartistische Situation, in der der Präsident alles bestimmt und sich zu allem äußert? Ist das nicht der Anfang vom Ende einer wirklichen Demokratie?"

Außergwöhnliche Biographie

Ein Grund für den außerordentlichen Erfolg des kleinen Bändchens ist sicherlich auch die außergewöhnliche Biographie des Autors, eine Biographie, die ihm Glaubwürdigkeit verleiht, ja ihn in Frankreich, fast über Nacht, zu einer moralischen Autorität werden ließ: Nach dem Krieg französischer Diplomat und jahrzehntelang Menschenrechtsaktivist, war der in Frankreich eingebürgerte Deutsche Stephane Hessel 1941 in den Widerstand zu De Gaulle nach London gegangen, hatte später das KZ Buchenwald durch die Hilfe von Eugen Kogon wie durch ein Wunder überlebt.

"Ich empfinde mich also als ein verantwortlicher Überlebender, wenn man überlebt und die anderen nicht, dann muss man für sie, für ihre Erinnerung sich einsetzen als jemand der sich verantwortlich fühlt für eine demokratische und sichere Welt."

Außergewöhnlich ist auch die Geschichte seiner Eltern, des Schriftstellers Franz Hessel und der Malerin Helen Grund. Sie ist 1962 von Francois Truffaut in Jules et Jim verfilmt worden, Hessels Vater wird von Oskar Werner verkörpert, seine Mutter von Jeanne Moreau. Hessel sagt dazu, dass seine Mutter den Film noch habe sehen können und sich durch Jeanne Moreau gut verstanden gefühlt hatte.

Scharfer Gegenwind

Mit seinem knapp 20-seitigen Essay hat sich Stephan Hessel bei allem Erfolg aber auch Ärger eingehandelt. Weil er sich in einem Kapitel sehr heftig über Israels Politik im Gaza - Streifen empört, ist ein Teil der jüdischen Gemeinde Frankreichs regelrecht über ihn hergefallen. Vom Philosophen Alain Finkielkraut musste sich der Jude Stephane Hessel quasi des Antisemitismus bezichtigen lassen - und der CRIF , der repräsentative Rat der jüdischen Institutionen Frankreichs schaffte es gar, dass eine Konferenz von Stephane Hessel zum Thema "Gaza" an der Elithehochschule, wo Hessel selbst 1937 studiert hatte, verboten wurde.