Japan-Expertin zur Lage

Die Radiojournalistin und Japan-Expertin Judith Brandner aus der Ö1 Wissenschaftsredaktion reist immer wieder nach Japan und bringt von dort Reportagen über gesellschaftspolitische Themen mit. Gerade jetzt hat sie diese Reportagen in einem Buch versammelt, das unmittelbar vor der Katastrophe beim Picus Verlag erschienen ist.

Kulturjournal, 14.03.2011

Brandner kennt die japanische Gesellschaft sehr gut, hat selbst einige Zeit dort gelebt und viele Bekannte in Japan, und sie hat auch schon einige Erdbeben vor Ort erlebt. Im Interview spricht sie darüber, mit welchen Gefühlen sie derzeit die Nachrichten aus Japan verfolgt.

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Judith Brandner, "Reportage Japan - Kratzer im glänzenden Lack", Picus Verlag

Starke Atomlobby

"Es hat Bürgerbewegungen gegeben, Stimmen, die gesagt haben, dass es in einem Land, in dem Erdbeben so häufig sind, zu gefährlich ist, auf Atomkraft zu setzen. Aber die Atomlobby war stärker und hat sich durchgesetzt." Die österreichische Journalistin und Japanologin Judith Brandner hat sich bei ihren wiederholten Japan-Aufenthalten intensiv mit den Kehrseiten der japanischen Gesellschaft auseinandergesetzt. Am 22. März 2011 wird sie einen im Picus Verlag Band erscheinenden Reportage-Band präsentieren: "Reportage Japan. Kratzer im glänzenden Lack." "Ich weiß: Der Titel klingt jetzt sehr zynisch", sagt Brandner im Gespräch mit der APA, "Aber das Buch ist seit langem fertig."

Brandner, 1963 in Salzburg geboren, war 1987 erstmals für längere Zeit in Japan und berichtete 1995 als ORF-Korrespondentin über das große Erdbeben in Kobe. "Japan ist ein Land, das mit Naturkatastrophen lebt - ob Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis. Man geht daher viel gelassener damit um. Ich habe viele Erdbeben in Japan erlebt, wo ich beunruhigt war, die Menschen um mich herum aber ganz ruhig geblieben sind."

Keine Fluchtbewegungen zu erwarten

Nach außen hin seien die meisten Menschen in Japan wohl weiterhin noch gelassen, "innen sieht es sicher anders aus. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie sich die Leute angesichts einer möglichen atomaren Katastrophe verhalten werden." Große, panikartige Fluchtbewegungen schließt Brandner jedoch aus: "Wohin sollen die Japaner denn flüchten? Es ist eine Falle!"

"Japan ist ein Land, das technologisch vieles zustande gebracht hat. Man ist imstande, zu reagieren und zu lernen." Nach Umweltkatastrophen der 1950er und 60er Jahre sei "Japan heute sehr sauber", und auch die Hochhäuser würden heute nach neuesten bautechnologischen Erkenntnissen gebaut. "Nach Kobe hat man sehr stark begonnen, in erdbebensichere Bauweisen zu investieren. Aber die kleinen Holzhäuser haben gegen einen Tsunami natürlich keine Chance."

Keine grüne Partei

In ihrem neuen Buch widmet sich Brandner, die 2009 eine Gastprofessur an der Universität Nagoya innehatte, vor allem dem japanischen Alltag, aber auch jenen Dingen, die in der japanischen Gesellschaft häufig verdrängt werden: Armut etwa, Obdachlosigkeit oder Kriegsvergangenheit. Auch in Japan gibt es Tabus, die dazu führen, dass Kapitel der Vergangenheit lieber verdrängt als diskutiert werden. "Deswegen sind die Stimmen gegen die Atomlobby bisher immer in der Minderheit geblieben. Zuletzt hat es sogar einen Hungerstreik gegen einen geplanten neuen Reaktor gegeben. Aber es gibt keine grüne Partei. Und elf Atomkraftwerke sind in Bau. Eigentlich ist das völlig absurd, wenn man daran denkt, dass ausgerechnet Japan das einzige Land ist, in dem man durch die Atombomben die Auswirkungen von Verstrahlung kennenlernen musste..."

Text: APA, Audio: ORF