Brisantes bei den o-tönen

Im Wiener Museumsquartier findet zurzeit das Literaturfest o-töne statt, das heuer anlässlich seines Zehn-Jahre-Jubiläums ein ganz besonderes, um renommierte europäische Autoren erweitertes Programm anbietet. Zu Beginn stellte die Südtiroler Autorin Sabine Gruber ihren Roman "Stillbach oder Die Sehnsucht" vor.

Kulturjournal, 11.07.2011

Das Buch ist hochbrisant, geht es darin doch um Italiens Umgang mit seiner faschistischen und nationalsozialistischen Vergangenheit. Von den 30er-Jahren bis in die Gegenwart hinauf reicht die spannende Spurensuche nach historischer Wahrheit und den Schuldigen.

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Sabine Gruber, "Stillbach oder Die Sehnsucht", C.H. Beck

o-töne

Kirche half Nazi-Verbrechern

Der plötzliche Tod einer Freundin zwingt die Südtirolerin Clara Burger nach Rom zu fahren und dort deren Haushalt aufzulösen. Dabei trifft sie auf den Historiker Paul, einen Experten für die nationalsozialistische Geschichte Italiens, der in Stadtführungen die damaligen Vorkommnisse vermittelt. Zentrales Ereignis war das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen 1944, das eine Vergeltungsmaßnahme für einen Bombenanschlag durch die Resistenza darstellte und bei dem mehr als dreihundert italienische Zivilisten ermordet wurden.

Einem der Verantwortlichen, Erich Priebke, gelang nach dem Krieg die Flucht nach Argentinien. "Eine tragende Rolle haben ehemalige SS-Kameraden gespielt, aber natürlich auch die Kirche", so Sabine Gruber. "Das ging sogar so weit, dass es in Einzelfällen auch zur Wiedertaufe gekommen ist. Priebke wurde durch so eine Wiedertaufe quasi entnazifiziert, obwohl er später in Argentinien weiterhin Hitlers Geburtstag gefeiert hat."

SS-Scherge als Visconti-Filmstatist

Priebke wurde 1995 nach Italien überstellt, die lebenslange Freiheitsstrafe wurde in einen lax exekutierten Hausarrest umgewandelt. Der heute 98-jährige taucht im Roman auf, wie er unbehelligt durch einen römischen Park spaziert. Karl Hass, ein anderer am Massaker beteiligter SS-Scherge, versuchte nach dem Krieg nicht einmal die Flucht.

"Das ist eigentlich eine Romanfigur", sagt Gruber. "Der ist in Italien geblieben, hat zum Teil unter dem Namen seiner italienischen Frau gelebt, hat für den amerikanischen und italienischen Geheimdienst gearbeitet und, was eine unglaubliche Geschichte ist, er ist 1969 im Film 'Die Verdammten' von Visconti in einer Statistenrolle als SS-Offizier aufgetreten. Während man ihn also offiziell in Italien gesucht hat, ist er über die Leinwand geflimmert."

Akribische Archivrecherchen

Grubers Roman liegen umfangreiche und akribische Archivrecherchen zugrunde. Das historische Material wird aber spielerisch in die Handlung verwoben und kommt so nicht in langatmigen Exkursen, sondern in lebendigen Dialogen zum Tragen. Außerdem behält das Buch auch die problematische Gegenwart im Auge. Da entdecken Clara und Paul faschistische Symbole im Alltag, auf T-Shirts, Tätowierungen und in den Gesten italienischer Fußballer.

In Italien sind sie ein unkommentierter Teil des öffentlichen Lebens, um nicht zu sagen ein neuer Wirtschaftszweig, heißt es an einer Stelle des Romans. "Es gibt politisch keine großen Einwände dagegen", betont Gruber. "Ich habe auch noch nie gehört, dass man gegen Wiederbetätigung vorgegangen wäre. Ich erzähle jetzt gerne auch noch eine private Geschichte: Ich war zu Ostern am Gardasee und da konnte man Schürzen kaufen, auf denen Mussolini abgedruckt war. Das ist offenbar in Italien völlig normal, das fällt nicht in die Rubrik Wiederbetätigung und das findet man auf allen Ebenen."

Roman mit Liebesgeschichte

Das angespannte Verhältnis zwischen Südtirolern und Italienern und das neuralgische Jahr 1978, in dem durch die Ermordung Aldo Moros eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten verhindert wurde, sind weitere schwergewichtige Themen des Buches. Dass so viel Geschichte nicht nur kurzweilig vermittelt wird, sondern dass sich daneben auch noch eine wunderschöne Liebesgeschichte ausgeht, macht wohl die Ausnahmestellung von Grubers Roman "Stillbach oder Die Sehnsucht" aus.