Über Nacht

Darin liegt die Stärke dieses Romans: Erzählung und Körper sind eine Einheit, ohne dass dies je nach bemühter Literarisierung klingen würde. Sabine Gruber ist es gelungen, der Schwere des Themas Erzählen gegen den Tod das Schwere zu nehmen.

Im Zentrum des neuen Romans von Sabine Gruber steht der Körper, der kranke Körper einer Dialysepatientin in Wien, die durch eine Nierentransplantation von der Dialysemaschine befreit wird; und die kranken Körper in der Männerabteilung eines römischen Pflegeheims. Dort verrichtet eine Pflegerin ihren Dienst.

Irma und Mira heißen die beiden Frauen, ihre Namen sind aus den gleichen Buchstaben gemacht, nur ist das Lebens- und Buchstabenmaterial der komplementären Hauptfiguren anders verteilt.

Im Alltag geerdet

Wer erzählt, hat die Schicksalsfäden in der Hand, kann spinnen, auftrennen und zerschneiden. Sabine Gruber beherrscht dieses Handwerk souverän: Die beiden Lebensläufe der Pflegerin Mira in Rom und der Kulturjournalistin Irma in Wien sind eng aufeinander bezogen, ohne Ausnahme folgt auf ein Mira-Kapitel ein Irma-Kapitel, wobei die Mira-Kapitel aus der Ich- und die Irma-Kapitel aus der Er-Perspektive erzählt sind. Doch besitzen beide ihr Eigenleben, nie wirkt diese Konstruktion überspannt und gewaltsam. Umgekehrt sind sich die beiden aber doch so nahe, dass es am Schluss zu einer überraschenden erzählerischen Pointe kommt.

Darin liegt die Stärke dieses Romans: Erzählung und Körper sind eine Einheit, ohne dass dies je nach bemühter Literarisierung klingen würde. Anders als so manch postmoderner Roman der letzten Jahrzehnte sind Sabine Grubers Körper im Alltag geerdet. Wenn Körper zerstückelt werden, dann nicht von besessenen Psychopathen, sondern von Ärzten, die so genannten Hirntoten Organe entnehmen, um sie kranken Menschen einzusetzen. Irma ist mit einer gesunden Cousine konfrontiert, die Transplantationen vehement ablehnt - eine Haltung, die sich nur leisten kann, wem das Schicksal einen Körper zugedacht hat, dem das Ablaufdatum nicht so offensichtlich eingeschrieben ist wie der bis zur Transplantation von Maschinen abhängigen Irma.

Versagende Körper

Womit Irma nicht zurechtkommt, ist die Tatsache, dass sie das funktionstüchtige, Leben rettende Organ eines oder einer unbekannten Toten in sich trägt. Im Lokalteil der Tageszeitungen sucht sie nach den Todeskandidaten- oder Kandidatinnen, denen sie ihr Leben möglicherweise verdankt. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Und wenn Mira in Rom die Exkremente der ihr Anvertrauten von den Toilettenwänden kratzt, dann hat dies ebenfalls wenig zu tun mit künstlichen Science-Fiction-Körpern, mit Serienkillern oder mit einem kalten sezierenden literarischen Blick auf Körper in der Nachfolge Gottfried Benns. Nein: Mira ist als Pflegerin mit versagenden Körpern konfrontiert und im Privaten mit dem sich verweigernden Körper ihres Mannes; ihre Ehe funktioniert nicht mehr.

Verdrängung und Unaufrichtigkeit

Irma sucht ihre Organspenderin oder ihren Organspender und findet ihn nicht, Mira jagt einer vermeintlichen Geliebten ihres Mannes Vittorio nach, bis sie der Verdacht beunruhigt, ihr Mann könnte schwul sein. Auch das hat seine Entsprechung: In Irmas Leben spielt der schwule italienische Freund von Irmas Bruders eine große Rolle. Davide kümmert sich rührend um ihren dreijährigen Sohn, Mutter und Kind sind für Davide eine Ersatzfamilie. Ganz nebenher und unprätentiös spielt der Roman auf das Thema gleichgeschlechtliche Ehen und Adoption durch schwule Paare an.

Das Schicksal ist eine Lebens- und Todesmacht, heißt es im Roman, es hat im Leben und in Sabine Grubers Roman aber auch ganz banale Begleiter: Verdrängung und Unaufrichtigkeit, wenn es um Homosexualität geht, die richtige Balance von Nähe und Distanz, wenn es um überlebensnotwendige Beziehungen geht. Sexualität in vielen Facetten spielt in "Über Nacht" eine große Rolle: als verdrängte, als nicht auslebbare - etwa für die Männer im römischen Pflegeheim, die sich von Mira Pornohefte wünschen - als männlich egoistische, Besitz ergreifende, als vitales Bedürfnis gesunder wie kranker Körper.

Kein moralischer Unterton

Abgesehen von den literarischen Qualitäten von "Über Nacht" trägt das Buch ohne jeglichen moralischen Unterton zu einem anderen Verständnis von Menschen in Pflegeberufen bei. Wie Mira im Roman mit den Männern, die sie pflegt, umgeht, mit ihrer Aggression und Verzweiflung, das zeigt jenen Respekt, den wir in der gesellschaftlichen Realität weder den Pflegenden noch denen, die Pflege brauchen, zukommen lassen. Hier diskutieren wir über zwei, fünf oder gar zehn Euro Stundenlohn als angemessenes Entgelt für eine Arbeit, die wir uns selbst nicht zumuten wollen.

Sabine Gruber hat einen sehr guten Roman geschrieben, weil in ihm der kranke und pflegebedürftige Körper, der gesellschaftliche und der individuelle Umgang mit ihm und die Macht der literarischen Erzählung überzeugend ineinander verwoben sind.

Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 18. februar 2007, 18:15 Uhr

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Buch-Tipp
Sabine Gruber, "Über Nacht", C. H. Beck Verlag, 2007, ISBN 978-3406556128